Warten auf hohem Niveau

Arbeitsagentur lädt Geflüchtete erstmals zur Wissenschaftsmesse - für eine Arbeit gibt es jedoch viele Hürden

  • Von Ellen Wesemüller
  • Lesedauer: 4 Min.

Samia Mahmoud steht in der Schlange vor dem Stand der Freien Universität (FU). »Ich bin Agraringenieurin aus Damaskus«, sagt sie. »Und nun werde ich berühmt in Deutschland.« Sie muss lachen. Denn bis zum Berühmtwerden wird noch sehr viel Zeit vergehen. Mahmoud sucht in einer Klarsichthülle nach ihrer Abschluss-Urkunde, die sie schon in Syrien hat auf deutsch übersetzen lassen.

Seit Mittwoch ist die in Wiesbaden Lebende in der Hauptstadt, sie hat in einem Hotel übernachtet, um pünktlich um 10 Uhr in der Messehalle des Kosmos in der Karl-Marx-Alle zu stehen. »Ich will arbeiten«, sagt sie. Bei der FU? »Nee, das geht doch nicht!«, sagt sie und lacht. Sie sei noch nicht anerkannt, habe bereits zwei Asylanhörungen gehabt und warte immer noch auf Antwort. Mit so einem Status dürfe sie überhaupt nicht wegziehen. Und erst recht nicht arbeiten. Dabei habe sie viele Ideen: »Mein Vater und mein Bruder sind an Krebs gestorben. Ich möchte die Potenziale von Heilpflanzen bei der Bekämpfung von Krebs erforschen.«

Mahmoud ist mit ihren Ideen nicht allein. 1600 akademische Geflüchtete kommen über den Tag verteilt, aus allen Bundesländern. »Wir wollten erst 1000 zulassen, aber die Jobcenter haben uns gemeldet, dass sie mehr Bedarf haben«, sagt Bettina Schröder von der Regionaldirektion Berlin-Brandenburg. Sie hat die Messe initiiert. Im September hatten 14,5 Prozent der arbeitssuchenden Geflüchteten eine akademische Ausbildung, sagt die Arbeitsagentur. Die Menschen kommen überwiegend aus Syrien, Iran und Afghanen, sagt Schröder. Die Berufe sind vielfältig: viele Bauingenieure aber auch Geisteswissenschaftler. Hier sollen sie kein Studium suchen, sondern einen Arbeits- oder Praktikumsplatz.

Die Besucher lassen sich in drei Gruppen unterteilen: Studenten, die kurz vor ihrem Abschluss stehen und diesen aufgrund der Flucht nicht vollenden konnten. Menschen, die bereits einen Bachelor in der Tasche haben und einen Master oder Doktor machen wollen. Sowie jene, die ausgebildete Akademiker sind und eine wissenschaftliche Anstellung suchen.

»Sie sollen hier unter normalen Umständen ins Gespräch kommen«, sagt Schröder. Die Teilnehmer seien aufgefordert, ihre Bewerbungsunterlagen abzugeben, an der hinteren Wand der Messehalle macht eine Fotografin Bewerbungsfotos. »Ab und zu gibt es auch eine Styleberatung«, sagt René Dreke von der Regionaldirektion.

Die Schlange vor dem Stand der HU wird länger, eine junge Frau ist an der Reihe, offenes, langes Haar, sie spricht leise und auf Englisch. Sie habe einen Masterabschluss in organischer Chemie, sagt sie, nun wolle sie ihren Doktor machen. »Unser Programm richtet sich nur an Studenten mit Bachelorabschluss und darunter«, sagt Salma Hamed vom Welcome-Programm der FU. »Da müssen Sie mal auf unsere Webseite schauen.« Die junge Frau überreicht ihre Bewerbungsmappe. »Die kann ich nicht weiterleiten«, sagt Hamed. »Sie müssen sich bewerben wie alle anderen Studenten.« Und gibt ihr die Mappe wieder zurück.

»Das Problem ist schon, die Zeugnisse anerkennen zu lassen«, sagt Bashar Zaito, der in Syrien einen Bachelor in Pharmazie erworben hat. Seit eineinhalb Jahren sei er in Deutschland, noch immer warte er auf seine Anerkennung als Flüchtling. Seit acht Monaten warte er zudem auf die Anerkennung seines Zeugnisses.

»Die zuständige Stelle muss innerhalb von drei Monaten über die Gleichwertigkeit entscheiden«, sagt Markus Fels vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Die Zeit laufe jedoch erst, wenn alle Unterlagen vollständig seien. Da es sich bei einem Apotheker um einen sogenannten reglementierten Beruf handelt, muss Zaito einen Antrag beim Gesundheitsministerium seines Landes stellen. »Ich habe bei der Bezirksregierung gefragt, aber die Frau sagt jedes Mal etwas anderes«, sagt Zaito. Erst hieß es, es reiche, dass sein Zeugnis in Syrien übersetzt wurde, nun müsse er es noch einmal hier übersetzen lassen.

Mohammad Mahdi Khajaomari hat noch ein anderes Problem: Der Ökonom bekommt als Afghane keine Sprachkurse finanziert, er erreicht damit nicht das für ein Studium erforderliche Niveau. Was dann die ganze Messe soll? »Das ist nicht das Problem der Ausstellung«, entschuldigt er die Veranstalter. »Das ist das Problem der Regierung.«

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