Steter Tropfen auf der Baustelle

Nach der Kritik an Arbeitsbedingungen ziehen beim Ausrichter der Fußball-WM 2022 in Katar Pragmatismus und langsamer Reformwille ein

  • Von Tom Mustroph, Doha
  • Lesedauer: 5 Min.

Die Fußball-WM 2022 stand seit der Vergabe an Katar in der Kritik. Der Gigantismus des 200 Milliarden-Dollar-Projekts wurde angeprangert, die Korrektheit der Wahl in Zweifel gezogen. Zuletzt stand die Kritik an den Arbeits- und Lebensbedingungen der ungefähr zwei Millionen Wanderarbeiter im Lande im Mittelpunkt. Katar reagiert mit Charme-Kampagnen und sogar mit Gesetzesänderungen und realen Veränderungen darauf. Parallel dazu soll jedoch auch der Vertragspartner, Fußballweltverband FIFA, zu Abstrichen bei den Ansprüchen gebracht werden.

»Acht Stadien und 40 bis 42 Trainingsplätze für die Teams sollten reichen für eine WM mit 32 Teilnehmern«, meinte Nasser Al Khater, die Nummer Zwei im Organisationskomitee, bei einer Präsentation des Baufortschritts der Stadien trocken. »Ich denke, wir werden uns mit der FIFA darauf einigen können«, fügte er hinzu. Die FIFA favorisierte ursprünglich 16 Stadien, wählte dann Katars Bewerbung mit zwölf zum Sieger und fasst jetzt noch neun ins Auge. 64 Trainingsplätze für die WM-Teams waren ebenfalls gefordert. In Zeiten, in denen auch das Internationale Olympische Komitee eine Abkehr von der Megalomanie vergangener Jahre beschwört, dürfte die FIFA dem Trend folgen.

Katar kommt das entgegen. Der Golfstaat kämpft mit dem gesunkenen Ölpreis. Manager von Privatfirmen und Ministeriumsangestellte berichten - natürlich nur anonym - über Etatkürzungen von bis zu 60 Prozent. Symbolprojekte wie Sharq Crossing, eine gigantische Tunnel- und Brückenkonstruktion von Santiago Calatrava, die die West Bay durchschneiden sollte, wurden auf Eis gelegt. Auch deutsche Firmen wie Hochtief mussten die Einstellung bereits vergebener Projekte hinnehmen.

An den Schlüsselbauten der WM wird es aber keine Einschränkungen geben, versprach Al Khater. »Wir haben uns für attraktive, aufwendige Arenen entschieden. Es wird weder am Design noch an der Ausführung Abstriche geben«, sagte er »nd« in Doha. Den Gesamtetat der WM wollte er nicht offenlegen, meinte aber, dass sich die Bau- oder Renovierungskosten pro Stadion zwischen 150 und 700 Millionen Euro bewegten.

Die WM-Bauten haben Priorität im Land. Ein Verzicht auf ein neuntes Stadion würde dem Organisationskomitee dennoch entgegen kommen. Denn es hat mit einem steigenden Kostenfaktor zu rechnen: Bessere Arbeitsbedingungen für die Stadionbauarbeiter kosten Geld. »Wenn wir drei statt sechs Männer in einem Raum unterbringen, brauchen wir die doppelte Kapazität an Unterkünften. Das müssen wir erst einmal bauen«, meinte Al Khater. Bei einer Presseführung über die Vorzeigebaustelle des Al Bayt Stadions in Al Khor waren die Arbeiter in Vier-Mann-Zimmern untergebracht. Das ist noch besser als die ursprüngliche Selbstverpflichtung von höchstens sechs Mann pro Raum und weit unter dem landesüblichen Standard von acht bis zehn Arbeitern.

Privatsphäre ist auch hier nur in äußerster Reduktion zu erreichen: Tücher hängen von der Decke herab und teilen das Zimmer in vier kleine Kabinen. Immerhin hat jeder Arbeiter seinen eigenen Schrank mit verschließbarem Safe für Wertsachen. Die bauliche Voraussetzung dafür, dass die Männer ihren Pass behalten können und nicht zum Quasi-Sklaven des Unternehmens werden, sind also gegeben.

Auch auf anderen Problemfeldern hat sich etwas getan. Die Männer, die an der Gebäudekante von Block G, dem ersten Sektor des wachsenden Stadions, in mehr als zehn Metern Höhe arbeiten, sind angeseilt. Das sieht man auf den zahlreichen Hotelbaustellen in der Innenstadt von Doha nicht. Auf der Stadionbaustelle wimmelt es auch von Sicherheitshinweisen. Selbst in der Kantine geht die Agitation weiter, diesmal bezogen auf gesunde Ernährung und adäquate Kleidung beim Essen. Nur der Computerraum wirkt arg billig - immerhin gibt es ihn nun.

Auf den Musterbaustellen leisten sich die Organisatoren diese Ausgaben. In der nahen Stadt Al Khor selbst, etwa eine halbe Stunde nördlich von der Hauptstadt Doha gelegen, sieht die Situation schon anders aus. Dort trifft man weiter Männer, die zu acht und zu zehnt in einem Raum schlafen, und zuweilen sogar - getreu nach den Schichten, zu denen sie eingeteilt sind - ein Bed Sharing-Prinzip eingeführt haben: Die Tagschicht schläft nachts, die Nachtschicht tagsüber.

Ein Zimmer auf dem freien Markt in Al Khor hat den Preis von etwa einem Monatslohn der Arbeiter. Unternehmen, die eigene Unterkünfte zur Verfügung stellen, ziehen oft ein Viertel bis ein Fünftel des Lohns für Unterkunft und Verpflegung ab; da ist es sinnvoll, sich die Zimmer zu teilen, um mehr Geld an die Familie nach Hause zu schicken. Denn zum Arbeiten und Geldverdienen sind die Männer aus Indien und Nepal, Pakistan, Sri Lanka und den Philippinen schließlich an den Golf gekommen.

Sie beklagen sich daher auch eher verschämt über die Bedingungen. Eines der größten Ärgernisse für sie stellt die geringe Freizügigkeit auf dem Arbeitsmarkt dar. »Wir können uns zwar um andere Jobs bemühen. Doch selbst wenn uns ein Arbeitgeber zu besseren Bezügen einstellen will, brauchen wir noch die Genehmigung vom alten Arbeitgeber«, erzählt ein Philippiner in Doha. Mehr als zehn Jahre sei er schon in Doha tätig. »Nur etwa ein Viertel dieser Anträge werden von den alten Arbeitgebern positiv entschieden«, habe er beobachtet.

Besserung verspricht eine geplante Änderung des Arbeitsgesetzes im Dezember. Dann soll nicht mehr der alte Boss, sondern das Innenministerium die Freigabe erteilen. Das bedeutet etwas mehr Unabhängigkeit, aber auch mehr Bürokratie. Das Ministerium selbst richtet zur Zeit Workshops aus, um Arbeitgeber mit den neuen Maßnahmen vertraut zu machen. Ein Bemühen scheint also vorhanden. Die Prozesse gehen aber auch sehr langsam vonstatten.

Um Verständnis wirbt daher Vize-Organisationschef Al Khater: »Ein Gesetz zu machen, dauert so lange, wie ein Haus zu bauen: ein bis anderthalb Jahre. Die Mentalität ändert sich aber noch langsamer als ein Gesetz.« Ohne Druck von außen würden sich aber weder Gesetze noch Mentalitäten ändern.

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