Barbara Raetsch und das Leben der Häuser

  • Von Harald Kretschmar⋌Foto: Bernd Gartenschläger
  • Lesedauer: 2 Min.

Sie ist eine Malerin künstlerischer Bilder, in Potsdam lebend und die Stadt beobachtend. Einst aus Sachsen gekommen, ist sie hier seit Jahrzehnten heimisch geworden. Mitten in der Stadt wohnend. Erst nach dem Beispiel ihres studierten Mannes Karl Raetsch allmählich autodidaktisch zur Malerei gekommen, dann aber spontan ganz aus der Farbe heraus eigene Bildlösungen findend. Auf der naturbelassenen Halbinsel Hermannswerder mit ihm und den beiden zu Bildhauern heranwachsenden Söhnen aus uraltem Gemäuer urtümlich anmutende Künstlerbehausung machend. Kunstfeindliches Kalkül kleinlicher Koofmichs sollte dem und leider auch dem Leben Karl Raetschs ein Ende machen.

Ihre Mutter ging mit ihren drei kleinen Kindern gern ans Pirnaer Elbufer. Kann Barbara Raetsch den 45er Februar jemals vergessen, in dem der Nachthimmel nordwärts über Dresden brennend blutrot im Licht stand? Nein. Zeitlebens, ja zunehmend wird sie Häuser als Lebewesen sehen. Sie können getötet werden, aber selbst im Tod wird ihre Herrlichkeit sichtbar. Durch sie, die sie malt. Will sie am Ende diese künstlerisch wiederauferstehen lassen? Die zermürbt vom Zahn der Zeit stürzenden Hausgestalten der Potsdamer Gutenbergstraße macht sie in den 80er Jahren malerisch zu erschütternden Ikonen der Klage über Willkür und Missachtung. Was gut und schön ist, reißt es nicht ab!, scheinen sie zu rufen. Mit gutem Recht durfte sich die an diesem Freitag 80-Jährige dieser Tage ins Goldene Buch der Stadt Potsdam eintragen.

Doch den heute alles damals Gültige Verfluchenden dienen diese Bilder lediglich zur eigenen Rechtfertigung: Sie waren die Retter! Dabei praktizieren auch sie planmäßig herbeigeführten Verfall. Blinder Wahn, Hausfassaden seien von einem nun verachteten System beschmutzt, schreit nach Abriss. Die Baukräne industrieller Bauweise, rigoros in glühende Abendhimmel ragend, sollen fragwürdig Neues, möglichst Altes aufrichten. Sie schrecken die Malerin auf. Intuitiv erscheinen sie ihr als Kreuze, fast Sinnbilder von Kreuzigung. Ja, sie darf ja darunter wohnen. Ihr Atelier ist gerade noch bezahlbar.

»Jeden Tag anders / zerschneiden den Himmel / Wettlauf mit der Zeit, rastlos / drehen sich im Wind, drehen sich im Licht / werfen Schatten / unablässige Veränderung / produzieren Aufbrüche, Abbrüche, Umbrüche / Bauen auf historischem Grund / durch Krieg Zerstörung und Tod - das schwingt mit - Farben Orange, Rot, Schwarz ...« Barbara Raetsch hat mir den Zettel herübergereicht, auf dem sie das notiert hat. Ich bleibe stumm, reiche ihr die Hand. Harald Kretschmar Foto: Bernd Gartenschläger

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