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Koffer voller Geschichten

Der US-amerikanische Historiker Justinian Jampol betreibt in Los Angeles das Wende-Museum

  • Von Martin Reischke, Los Angeles
  • Lesedauer: 7 Min.

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Die Suche nach der Wende kann manchmal ziemlich kompliziert sein - vor allem dann, wenn sie sich in einem unscheinbaren Gebäude auf halbem Weg zwischen der Innenstadt von Los Angeles und den reichen Vororten an der Pazifikküste versteckt hat. »Falls Sie einen unterhaltsamen Wochenendausflug mit Ihrer Familie machen wollen, dann sind Sie bei uns sicher nicht richtig!«, sagt Justinian Jampol und lacht. »Das hier ist kein Ort für jedermann, aber das ist völlig okay.«

Jampol, ein charismatischer Enddreißiger mit blonden Haaren, ist Gründer und Direktor des Museums, das hier alle nur »The Wende« nennen. Mit leichtem Schritt führt er durch die kleine Ausstellung mit Postern Moskauer Künstler aus der Perestroika-Ära und bleibt stehen vor einem mächtigen Bildband über Kunst und Alltagsgegenstände in der DDR, den er vor zwei Jahren im Kölner Taschen-Verlag herausgegeben hat. »Beyond the Wall« - »Jenseits der Mauer« heißt das mehr als 900-seitige Mammutwerk, doch der Buchtitel könnte auch ein treffendes Motto sein für das Museum, das Jampol leitet.

Hier, knapp 10 000 Kilometer oder 13 Flugstunden von Berlin entfernt, denkt Jampol über die DDR und den früheren Ostblock nach. Nur: In den Jahren nach dem Mauerfall sind vor allem in Ostdeutschland zahllose Gedenkorte oder Museen entstanden, die über die Geschichte der DDR informieren - als ostdeutsche Trabi-Show, Ausstellung zur DDR-Geschichte oder Museum über die Staatssicherheit. Warum also in die Ferne schweifen, um doch wieder nur über das Gleiche zu reden? »Unsere große zeitliche und räumliche Distanz gibt uns die Möglichkeit, eigene Perspektiven zu entwickeln«, meint Jampol. »Wir wollen dem Besucher nicht sagen, wie es war, sondern versuchen, bestimmte Dinge und ihren Kontext zu dekonstruieren.«

2009 gelang dem Museum damit so etwas wie ein kleiner Durchbruch. Zum 20. Jahrestag des Mauerfalls war Jampol gebeten worden, sich an den Erinnerungsfeierlichkeiten zu beteiligen - schließlich ist Los Angeles sogar Partnerstadt von Berlin. »Das hätte ganz furchtbar werden können«, sagt er, »denn es gibt nichts Schlimmeres als Gedenkveranstaltungen.« Doch das Museum wollte einen Bezug zur Gegenwart: »Uns ging es nicht nur um die Berliner Mauer, sondern um Grenzen und Mauern in unserem eigenen Leben.«

Trotzdem brachten sie erst einmal zehn original Berliner Mauerstücke in die Stadt, ließen sie am viel befahrenen Wilshire Boulevard gegenüber vom Los Angeles County Museum of Art aufstellen und von Straßenkünstlern bemalen. Mit einer eigenen, temporären Mauer sperrten sie außerdem den Wilshire Boulevard für einen Tag. Die Straße ist längst wieder befahrbar, doch die Berliner Mauerstücke stehen noch heute dort. »Jeder geht mit einem Koffer voller unterschiedlicher, persönlicher Geschichte durchs Leben«, meint Jampol. Auch der Blick auf die Mauerstücke sei deshalb unterschiedlich. »Für die einen ist es die Berliner Mauer, andere denken eher an die Grenze zu Mexiko, außerdem gibt es auch eine große koreanische Community in L.A.« Mit der Zeit ist der belebte Platz so zu einem Ort der politischen Debatte und Diskussion geworden: Hier protestieren Menschen gegen den Grenzzaun zwischen den USA und Mexiko oder gegen die Zensur in China - und bei Paaren koreanischer Abstammung ist die Mauer als Hintergrund für ihr Verlobungsfoto so beliebt, dass sich am Wochenende manchmal sogar Schlangen bilden.

Jampol kokettiert gerne ein wenig mit seiner eigenen Rolle, wenn er mal wieder nach Sinn und Zweck des Museums gefragt wird. »Wenn wir nicht mehr gebraucht werden, dann würde ich liebend gerne zurückkehren in mein ruhiges Forscherleben«, meint der promovierte Historiker. »Aber ich glaube leider nicht an die Vorstellung, dass ein Thema beendet ist, nur weil es dazu schon großartige Forschung und einige ganz wunderbare Museen gibt.«

Ende der 90er Jahre kommt Jampol als US-amerikanischer Austauschstudent zum ersten Mal nach Berlin, kurz darauf beginnt er einen Master in Osteuropa- und Russlandstudien an der Universität Oxford. Doch immer wieder zieht es ihn zurück in die deutsche Hauptstadt. »Ein typisches Vorurteil gegenüber US-Amerikanern ist ja, dass sich hier niemand für die Vergangenheit interessiert«, sagt Jampol. »In Berlin war es das komplette Gegenteil - allen war die Geschichte wahnsinnig wichtig.«

Ein Freund der klassischen Archivforschung ist er aber schon als Student nie gewesen: »Die Idee, dass die komplette Geschichte eines ganzen Landes in einigen Stapeln Papier kondensiert sein soll, fand ich ziemlich lächerlich.« So beginnt Jampol, sich seine eigene Sammlung zu erschaffen. Entstanden ist mit den Jahren eine historische Schatzkammer, von der große Teile in einem hohen, kühlen Lagerraum neben dem Museum untergebracht sind. Hier lagern Büsten, Uniformen und Wimpel aus verschiedenen Ostblockstaaten, daneben, Rahmen an Rahmen und eng gedrängt, Gemälde aus sozialistischer Zeit. In einem anderen Gang stapeln sich Filmrollen in silbernen Dosen - Dokumentarfilme zur Gesundheits- und Hygieneerziehung in der DDR. Verwaiste Werke, die niemand haben wollte. Nun liegen sie im Lagerraum des Wende-Museums. »Damit kann man zwar kein Geld machen und höchstwahrscheinlich wird sie sich nie jemand anschauen«, vermutet Jampol. »Aber natürlich sind es trotzdem wichtige Informationsträger, die uns einen einmaligen Einblick in eine bestimmte Zeit und einen bestimmten Ort erlauben.«

Was auf den ersten Blick wie ein etwas disparates Raritätenkabinett wirkt, gehorcht dennoch einer tieferen Ordnung. »Graswurzelansatz« nennt der Museumsdirektor sein Sammlungskonzept. »In einem traditionellen Museum gibt es einen Kurator, der entscheidet, was wichtig ist und was nicht«, sagt Jampol. »Wir gehen den umgekehrten Weg.« Viele Doktoranden und Wissenschaftler kommen deshalb zum Wende-Museum, weil sie hier auf Hilfe und Unterstützung hoffen für ihre oft ausgefallenen Forschungsthemen. Zum Beispiel Juliane Fürst. Die Historikerin an der englischen Universität Bristol forscht schon seit Jahren über die Hippie-Kultur in der UdSSR, im kommenden Jahr nun soll es dazu eine große Ausstellung im Wende-Museum geben. Fürst brachte ihre jahrelange Expertise und Kontakte mit, das Museum kümmert sich um Erwerb und Archivierung der Forschungsobjekte.

Dabei ist das Archiv auch immer ein Spiegel der aktuellen gesellschaftlichen Verhältnisse. Momentan wächst vor allem die Sammlung ungarischer Exponate. Das hat einen einfachen Grund: Unter der Orbán-Regierung gilt die Zeit des Sozialismus in Ungarn als unauthentisch und wenig repräsentativ, viele Museen entledigen sich daher Teile ihrer Sammlungen aus dieser Epoche. Für das Wende-Museum ein Zugewinn - genauso wie das komplette Archiv des »Neuen Deutschland«, das Jampol schon in den Anfangsjahren von einem Bekannten in Sachsen erwarb, den er auf dem Flohmarkt kennengelernt hatte. Heute stehen die gebundenen Jahrgänge mit dem vergilbten Papier in der Bibliothek des Museums.

Dabei ist es nicht nur die Sammlung, sondern vor allem der ungewöhnliche Umgang mit ihr, der das Wende-Museum zu einer besonderen Einrichtung macht. Besonders deutlich zeigte sich das vor einigen Jahren, als das Museum ein DDR-Gemälde an das Los Angeles County Museum of Art auslieh. In einer Ausstellung wurden dort Arbeiten ost- und westdeutscher Künstler in einem Raum gezeigt. »Die Leute hier fanden das interessant, denn die Herausforderung war ja, sie überhaupt für das Thema zu begeistern«, erinnert sich Jampol. Ganz anders, als die Ausstellung kurz darauf nach Deutschland wanderte. »Kunst aus der DDR und der Bundesrepublik in einem Raum war dort ein Tabubruch, der nicht sein durfte«, sagt Jampol. »Auch wenn das natürlich der ganze Witz der Ausstellung war!«

Jampol sieht sich nicht als Erklärer der ostdeutschen Vergangenheit. »Oft kommen hier Leute rein, die uns erzählen, wie es wirklich war in der DDR - und fünf Minuten später kommt der nächste Besucher und erzählt das komplette Gegenteil«, sagt er. Natürlich ist Jampol klug genug, sich als geborener US-Amerikaner nicht zu sehr einzumischen in diese Diskussionen. »Wenn jemand mit seinen persönlichen Erfahrungen in eine Ausstellung kommt, kann kein Museum der Welt ihn vom Gegenteil überzeugen.«

Künftig will sich das Museum neben Wissenschaftlern und Forschern auch noch mehr den Besuchern öffnen. Dabei hilft, dass die historische Sammlung selbst in ein größeres, geschichtsträchtiges Gebäude umziehen soll: The Armory - ein Gebäude mit massiven Betonwänden, errichtet 1949 vom US-amerikanischen Verteidigungsministerium. Zwei Bunker sollten Menschen und Waffen vor einem sowjetischen Atomschlag schützen - inklusive einer Filteranlage für die radioaktiv verseuchte Luft. »Das ist ein schönes Beispiel, wie nicht nur die Sowjets, sondern auch die USA gefangen waren in ihrer Angst vor der anderen Seite«, meint Jampol. »Dass hier unser neues Zuhause ist, finde ich sehr poetisch, denn da gibt es eine gemeinsame Geschichte.« Und der Glaube an die Zukunft des Museums scheint ungebrochen. Für 75 Jahre stellt die Kommune das Gebäude zur Verfügung. Das Wende-Museum wäre dann älter, als es der Ostblock je geworden ist.

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