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Zapatisten mischen Politlandschaft auf

Bei den kommenden Präsidentschaftswahlen in Mexiko soll eine indigene Kandidatin antreten

  • Von Mirjana Mitrović, Mexiko-Stadt
  • Lesedauer: 4 Min.

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Für Mexiko ist es ein Paukenschlag: Passend zum 20-jährigen Jubiläum des Nationalen Indigenen Kongress (CNI) regten die Zapatistischen Streitkräfte der Nationalen Befreiung (EZLN) an, eine indigene Frau zu suchen, um sie bei der Wahl 2018 als Präsidentschaftskandidatin aufzustellen. Diese Nachricht entfachte eine heiße Diskussion unter den über 1000 Teilnehmenden. Viele der Delegierten aus indigenen Gemeinden, wie auch Sympathisant*innen aus dem In- und Ausland sahen in diesem Vorschlag einen Verrat an den Prinzipien der Bewegung. Schließlich war die EZLN zur Wahl 2006 mit »der anderen Kampagne« (»la otra campaña«) durch ganz Mexiko gezogen und hatte zum Wahlboykott aufgerufen. Die Argumentation: Wer wählen geht, legitimiert die Regierung. Und nun der Vorschlag, sich ausgerechnet bei den Wahlen einzubringen. Der 5. CNI-Kongress fand in der EZLN-Hochburg Chiapas vom 9. bis 14. Oktober statt.

Die gewagte Idee wurde den Teilnehmenden vom wortgewandten Subcomandanten Galeano (früher bekannt als Marcos) vermittelt. Es müsse dort angegriffen werden, wo die Musik spielt: in der Politik. Die indigene Frau soll als unabhängige Kandidatin in den Wahlkampf ziehen und einen Rat repräsentieren. Dieser wird aus je einer Frau und einem Mann, welche von jeder indigenen Gemeinde entsandt wird, zusammengestellt. Es wird keine Partei gegründet und es wird auch nicht mit anderen Parteien zusammengearbeitet. Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal ist die antikapitalistische Einstellung. Doch das Wichtigste: Es geht nicht darum zu gewinnen, es geht nicht um die Macht. Das Ziel ist die Stärkung der indigenen Bewegung, des CNI. Die Notwendigkeit, die Situation und Belange der indigenen Bevölkerung wieder in die Öffentlichkeit zu bringen, damit sich die Politik als auch die mexikanische Gesellschaft damit auseinandersetzt, wird als dringender denn je beschrieben.

Neben dem radikalen Wandel von der Ablehnung der Wahl zur Teilnahme ist auch der Vorschlag, eine Frau die Bewegung repräsentieren zu lassen, provokant. Dass Frauenrechte ein Thema sind, mit denen sich die zapatistische Bewegung auseinandersetzt, wurde auch bei dem im Rahmen des Kongress stattfindenden Festes in dem Caracol Oventik deutlich. Eine Tanzaufführung, die begleitet wurde von einem Lied mit dem Refrain »Die Frauen nach vorne, die Männer dahinter«, zeigte humorvoll, aber deutlich, wie wichtig es ist, die Rechte der Frauen zu betonen. So geht es am Schluss des Liedes nicht nur um Gesundheit und Bildung, sondern um gleiche Entscheidungsmöglichkeiten in den Gemeinden wie auch darum, dass jede Frau selbst beschließen kann, wie viele Kinder sie bekommt und aufzieht.

Die wenigsten Delegierten erwähnten im Zusammenhang mit Repressionen die Feminicidios (Frauenmorde) oder den starken Machismo, unter dem die Frauen zusätzlich - auch in der eigenen Gemeinde -, leiden. Auffällig war, dass es bei der Diskussion nicht wenigen Delegierten schwerfiel, nicht vom »Kandidaten«, sondern der »Kandidatin« zu sprechen. Die Erklärung von Subcomandante Galeano, warum dies aber wichtig sei, ist simpel: Wenn die Gemeinden fragen sollten: wieso eine indigene Frau? Dann lautet die Antwort: Die Kerle und Mestizen haben bewiesen, dass sie nicht regieren können.

All dies sind schlagende Argumente für die Delegierten. So stimmten sie nach einer diskussionsvollen Woche zu, den Vorschlag in ihre Regionen zu tragen und dort mit der Basis rückzukoppeln. Vom 30. Dezember bis zum 1. Januar treffen sich die Delegierten dann wieder. Bei jenem Kongress geht es dann darum - mit oder ohne den Beschluss, eine Kandidatin aufzustellen - darum, sich eine generelle Strategie zur Stärkung des CNI zu überlegen.

Die provokative Idee hat in jedem Fall bereits jetzt etwas erreicht: Es wurde eine Diskussion angeregt und die Frage gestellt, wo sich die indigene Bewegung aktuell verortet und wohin sie möchte. Und wenn Subcomandante Galeano mit seiner Prognose richtig liegt, dann werden die Gemeinden wie ihre Delegierten reagieren: Zuerst werden sie ungläubig lachen. Wenn sie merken, dass der Vorschlag ernst gemeint ist, verstört sein. Dann werden sie diskutieren und vielleicht, wie die Delegierten am Ende, zum Großteil von der neuen Offensive überzeugt sein.

Bei der Wahl 2018 sind erstmals auch unabhängige Kandidaten zugelassen. Unter anderem müssen die Bewerber mindestens 800 000 Unterschriften von Unterstützern vorlegen.

Die EZLN hatte Anfang 1994 zu den Waffen gegriffen und im Bundesstaat Chiapas im Süden des Landes mehrere Ortschaften besetzt. Der Aufstand wurde schnell niedergeschlagen. Heute werden einige Gemeinden in Chiapas von de facto autonomen Räten unter EZLN-Führung regiert.

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