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Vertraute Fremde

Ein hochpolitisches Buch: Verena B. Carletons Nachkriegsroman »Zurück in Berlin« liegt endlich auf Deutsch vor

  • Von Monika Melchert
  • Lesedauer: 4 Min.

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Die einen wollten so schnell wie möglich zurück nach Deutschland, als Hitler geschlagen und der Krieg zu Ende war. Die anderen versuchten, eine neue Identität anzunehmen und der Vergangenheit auszuweichen, die Wiederbegegnung mit der verlorenen Heimat zumindest hinauszuzögern. Zu diesen Emigranten gehört Eric Devon, Hauptfigur in einem Roman von Verna B. Carleton, der zuerst 1959 bei Little, Brown and Company in Boston erschienen ist.

Eric war 1934, als bekennender Nazigegner und Autor eines satirischen Romans, kurz vor seiner drohenden Verhaftung nach London geflohen, hatte seinen deutschen Namen Erich Dalburg abgelegt, sich in England eine neue Existenz aufgebaut, geheiratet und die britische Staatsbürgerschaft angenommen. Nie hat er beabsichtigt, nach Berlin zurückzukehren. Mühsam versucht er über Jahre, sein Trauma zu verdrängen: die verlorene Heimat, die verlorene Familie, die verlorene Muttersprache: Ganz bewusst, als Selbstschutz, wie er sich einredet, spricht er kein Wort Deutsch mehr.

Berlin im August 1956: Die Ich-Erzählerin des Romans überredet ihre neugewonnenen Freunde Eric und Nora Devon, eine gemeinsame Reise nach Berlin zu unternehmen. Sie will den Mann ermutigen, sich seiner deutschen Herkunft zu stellen, seinen Wurzeln nicht länger auszuweichen. Denn die tiefe Krise, in der er zu versinken droht, begreift sie als Folge dieser Verdrängung, die alle seine Kräfte bindet. Mit dem Blick der Amerikanerin, also der Außenperspektive, kann sie gewissermaßen als Korrektiv dienen, wenn Eric sich dem schmerzhaften Prozess stellt, den Wegen seiner Vergangenheit zu folgen. Allzu oft klaffen Lücken an den Stellen, wo er bestimmte Erinnerungsorte wähnt.

Das Besondere an dieser Geschichte ist die Spurensuche in beiden Teilen Berlins. Noch fühlt sich Eric als Ausländer, mit seinem britischen Pass und den so viel besseren materiellen Bedingungen, in denen er lebt. Zu dritt ziehen sie, per Taxi, Doppeldeckerbus oder zu Fuß, durch die verschiedenen Stadtgebiete, entdecken den schon wieder sehr belebten Ku’damm, wo das »neureiche Treiben« die zerbombte, verstümmelte Stadt überlagert; am Potsdamer Platz, einer einzigen Brache, wechselt man in den Ostsektor. Angesichts der Trümmer von Hitlers ehemaligem Bunker trifft sie der Hauch der Geschichte mit voller Wucht. Aber der Boulevard Unter den Linden erinnert Eric, Glück und Schmerz in einem, an seine Studentenjahre ebenso wie an die Aufmärsche der Nazipartei. Im Arbeiterbezirk Wedding besucht er seine alte, in gänzlicher Armut lebende Kinderfrau, die sich beinahe als einzige nicht über ihr Los beklagt. Eric fragt sich beklommen, wohin all die überzeugten Nazis plötzlich verschwunden sind. Die Masse der Deutschen, das wird ihm von Tag zu Tag deutlicher, hat keinerlei Schuldgefühl.

Ein verlorener Heimkehrer muss sich neu orientieren. Die Stadt Berlin, geschunden und entstellt, ist jedoch nur die Kulisse seiner Suche nach einer realistischen Einstellung zur Gegenwart. Er liest das Gefängnistagebuch seines Vaters, das hinausgeschmuggelt werden konnte, trifft die wenigen noch lebenden Verwandten, eine Familie, die unter der Naziherrschaft als »jüdisch versippt« galt, weil eine Großmutter jüdischer Herkunft war. Und er trauert um die vielen Toten. Dabei aber nimmt er wahr, dass die eigentliche Trennung nicht zwischen den Menschen in Ost und West verläuft - viel schmerzlicher ist die zwischen denen, die hiergeblieben sind, und denen, die fortgingen. Sich einander wieder anzunähern, stellt ihn auf eine harte Probe. Und erst ganz allmählich, wie eine Schlange ihre alte, verbrauchte Haut abstreift, kommt der alte Erich Dalburg wieder zum Vorschein.

Verna B. Carleton (1914 in New Hampshire geboren, 1967 in New York gestorben) gelingt es, aus diesen wenigen Tagen der Begegnung ein hochpolitisches Buch zu machen. Die kritische Auseinandersetzung mit den Einstellungen der Menschen im Nachkriegsberlin verleiht ihm bis heute Gewicht. Sie selbst hatte als junge Frau 1933 einen mexikanischen Arzt geheiratet (mit Diego Rivera und Frida Kahlo als Trauzeugen) und war während des Zweiten Weltkriegs in Mexiko-Stadt mit mehreren deutschen Künstlern befreundet, die dort im Exil lebten, darunter Anna Seghers und Egon Erwin Kisch.

Wie man aus dem sehr informativen Nachwort der Autorin Ulrike Draesner erfährt, war eine ihrer engsten Freundinnen die international bekannte Fotografin Gisèle Freund. Zusammen mit ihr lebte sie nach dem Krieg für Jahre in Paris, und sie ist es auch, mit der Carleton 1957 eine gemeinsame Reise nach Berlin unternimmt, in die Stadt, aus der Gisèle Freund emigriert war. So hat ihr Roman »Back to Berlin« durchaus auch biografische Bezüge. Für all die Emigranten aber galt gleichermaßen: Erst wenn man bereit ist, alle Seiten der eigenen Identität anzunehmen, kommt man wirklich im Heute an.

Verena B. Carleton: Zurück in Berlin. Roman. Aus dem Amerikanischen von Verena von Koskull. Hg. und mit einem Nachwort von Ulrike Draesner. Aufbau Verlag, 391 S., geb., 22,95 €.

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