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Bittersüße Zweierbeziehung

Im Kino: »Die Geträumten« lässt Celan und Bachmann sprechen

  • Von Caroline M. Buck
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Begegnung mit einer Literaturkritikerin gab den Anstoß zu diesem Film: Gemeinsam entwickelten Filmemacherin Ruth Beckermann und die angehende Bachmann-Buchautorin Ina Hartwig ein Skript für einen Spielfilm, der auf einem literarischen Briefwechsel beruht. Die Briefe stammen von Ingeborg Bachmann und Paul Celan, sie beginnen im Frühsommer 1948. Man hatte sich in Wien kennengelernt in diesen bewegten Nachkriegsjahren. Celan, 27, hat seine Eltern in einem Konzentrationslager in der Ukraine verloren und ist auf dem Weg Richtung Westen. Bachmann, 21, ist noch kein bekannter Name. Anders als er: Sein erster Gedichtband wird noch in diesem Jahr in Wien erscheinen.

Im Frühsommer kennen und lieben sie sich, dann geht er nach Paris. Sie will mit, bleibt aber erst mal hängen. Er schickt ihr, brieflich, Mohn zum Geburtstag, schreibt Gedichte für sie, die er später veröffentlicht - und der Mohn bedeutet ihr mehr als nur Blumen. Trotzdem ist sie diejenige, die von anderen Männern schreibt, anderen Lieben, die Briefe verfasst, ohne sie dann (gleich) abzuschicken. Sie, die ihn hinhält, der in Paris nicht das fand, was er suchte. Die von den beiden Monaten schwärmt, in denen sie sich liebten, im Mai und Juni 1948, aber den Weg nach Paris dann doch erst mal nicht findet.

»Die Fremde« nennt Celan sie in diesen frühen Gedichten. Ganz ist sie nie dasselbe wie er, sondern eine der anderen. Keine Holocaust-Überlebende wie er. Auch sie nennt seinen dunklen Kopf »fremd«, möchte ihm die Steine von der Brust, die Last des Erlebten von den Schultern nehmen. Andere Männer bedeuten ihr nichts neben ihm - aber er ist weit weg, in Paris - und »immer geht es mir um Dich«. Sie nennt die gemeinsame Geschichte »unser Märchen«, ihn, den Fremden, jemanden, der wie »aus Indien« zu ihr kam. Er ist ihr Wüste, Meer, Geheimnis, einer der kommt, man weiß nicht recht woher, und geht, man weiß nicht recht wohin. Man schreibt, eher sporadisch, man telefoniert und muss dabei das Unbehagen erst überwinden. Psychisch labil sind beide.

Auf der Spielfilmebene sind es zwei junge Darsteller, die die Briefe lesen. In einem Tonstudio stehen sie vor Mikrofonen. Gelegentlich erscheint ein Techniker und kalibriert den Ton. Er (Laurence Rupp) liest mit, wenn sie (Anja Plaschg) Bachmanns Briefe rezitiert. Sie hört ihm zu, wenn er, als Celan, zu ihr spricht. In den Pausen sitzen sie draußen, rollen Zigaretten, er versucht mit ihr zu flirten, sie wehrt ihn ab. Sie sitzen dabei, wenn nebenan in einem anderen ORF-Aufnahmestudio ein Orchester probt. Sie stehen im Studio rum und hören ihre Lesung ab, oder liegen auf lippenförmigen Sofas und lernen den Text. Und manchmal suchen sie sich in Bachmann und Celan hineinzuversetzen und den Text zu interpretieren, den sie lesen.

Der ist elegisch, voller Lücken, voller Trennung und Sehnsucht und gelegentlicher Hoffnung. Letztlich aber auch nur wohllautender, nicht wesentlich aussagekräftiger als der der beiden jungen Leute, die sich zwischendurch über ihre Alltagsprobleme unterhalten, ohne sich sonderlich gut zu kennen. Bachmann spricht von ihrer Liebe, aber auch von ihrer Ablehnung: Er ist ihr zu schwer, zu schwierig, sie will hin, aber auch wieder weg. Er mahnt sie zur Geduld, zur Zufriedenheit, zu weniger hochfliegender Anspruchshaltung. Ihr sei doch so viel zugeflogen, und so schnell - was wolle sie denn noch? Und öfter schreiben solle sie …

Sie findet ihn kühl, nicht hinreichend bedingungslos in seiner Liebe, kann ihre Bitterkeit, der sie doch wehren wollte, nicht verhehlen. Beschwört eine gemeinsame Zukunft, die aber auch auf »finanzielle Sicherheit« gegründet sein soll - was sie denn wieder ins Unendliche verschiebt. Dann verlangt er seinen Ring zurück, mit Worten, die ihr ins Herz schneiden (aber hier nicht dramatisiert werden). Und sie kündigt an, sich nun nach Rom verabschieden zu wollen. Und natürlich heiratet er dann auch noch - jemand anderen. Es ist eine spröde Beziehung, in einer spröden Form verfilmt. Die Worte hängen trotzdem nach - seine vielleicht mehr als ihre.

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