»Das ist Verrat in reinster Form«

Der Philosoph Helmut F. Kaplan über die alltäglichen Massaker in den Schlachthöfen und den Zusammenhang von Ernährung und Moral

Der Österreicher Dr. Helmut F. Kaplan (geb. 1952) hat mit seinen Büchern und anderen Publikationen wesentlich dazu beigetragen, die Philosophie der Tierrechte im deutschsprachigen Raum populär zu machen. Am bekanntesten ist sein bei Rowohlt erschienenes Buch »Leichenschmaus - Ethische Gründe für eine vegetarische Ernährung«. In »Tierrechte - Die Philosophie einer Befreiungsbewegung« (Echo-Verlag) stellte Kaplan alle wichtigen Argumente der Tierrechtsbewegung fachlich fundiert und allgemein verständlich dar. Sein jüngstes Buch »Der Verrat des Menschen an den Tieren« (Vegi-Verlag) ist derzeit vergriffen. Eine zweite Auflage ist in Vorbereitung.Mit dem in Salzburg lebenden Philosophen und Autor sprach Ingolf Bossenz.

ND: Herr Dr. Kaplan, Sie sind vermutlich froh, dass die sogenannten Festtage wieder einmal vorbei sind. In Ihrem neuen Buch »Der Verrat des Menschen an den Tieren« vermerken Sie immerhin unter dem Stichwort Weihnachten: »Unerträgliche, unübertroffene, grauenvolle Verlogenheit.« Ist diese Häufung von Superlativen nicht sehr übertrieben?

Helmut F. Kaplan: Im Gegenteil, der Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit kann mit Worten kaum drastisch genug ausgedrückt werden: Es wird gefeiert, gesungen, man ist zu Tränen gerührt - und das bei einem Fest, das alljährlich für Millionen nicht menschlicher Kreaturen ein Massaker bedeutet. Auf der einen Seite das Gerede von Liebe und Vergebung, auf der anderen Seite das Gemetzel in den Schlachthöfen. Schaltete man den Fernseher ein und geriet in eine der unzähligen Einkaufs-, Koch- oder Esssendungen - was kaum zu vermeiden war -, bekam man den Eindruck, dass sich die ganze Welt nur noch um eines dreht: um das Töten von Tieren für den Gaumenkitzel der Menschen. Umso wichtiger ist daher jeder Einzelne, der sich darüber aufregt und etwas dagegen tut.

Was denn zum Beispiel?
Nichts einfacher als das, weil sich die Lösung und damit die Auflösung dieser Verlogenheit buchstäblich vor unserer Nase befindet - auf dem Teller. Kaum jemand hat es treffender ausgedrückt als der griechische Philosoph Plutarch vor über zweitausend Jahren: »Für einen Bissen Fleisch nehmen wir einem Tier die Sonne und das Licht und das bisschen Leben und Zeit, an dem sich zu erfreuen seine Bestimmung gewesen wäre.«

Da Plutarchs Worte bis heute offenbar wenig Widerhall gefunden haben, stellt sich die generelle Frage nach dem Platz der Tiere im moralischen Wertesystem des Menschen. Welche Kriterien sehen Sie da als die entscheidenden?
Moralisch entscheidend und für den Menschen typisch ist, wie wir uns gegenüber jenen Tieren verhalten, mit denen wir in der sogenannten Zivilisation zusammenleben, die von uns abhängig sind und die uns absolut »nichts getan« haben. Von den Diensten, die uns diese Tiere erweisen und erweisen können, machen wir ausgiebig Gebrauch. Nehmen Sie nur den vielfältigen Einsatz von Hunden: Sie fahnden unter anderem nach Drogen, sie suchen nach Verschütteten, sie führen Blinde. Zugleich werden sie in Kriegen bei der Minensuche und zu anderen militärischen Zwecken missbraucht.
Tiere werden aber nicht nur in der Ausnahmesituation Krieg rücksichtslos ausgebeutet und zu Tode geschunden, sondern auch - und vor allem - unter »ganz normalen« Bedingungen. Was doppelt tragisch ist, weil es einerseits die Zahl der betroffenen Tiere in unendliche Höhen treibt und weil andererseits diese Praktiken den »Ausnahmen« an Schrecken und Grausamkeit in nichts nachstehen. Ich spreche von den gewöhnlichen Massakern in den Schlachthöfen, dem alltäglichen Verrat des Menschen an den Tieren.

Verrat bezeichnet gemeinhin das Hintergehen von Menschen oder Institutionen, denen man moralisch und/oder rechtlich zur Treue verpflichtet ist. Wie lässt sich diese zwischenmenschliche Kategorie auf das Verhältnis des Menschen zum Tier anwenden?
Tiere, die von uns abhängen und uns nichts getan haben, zu denen Menschen vielleicht sogar einmal gut waren, finden sich auf einmal in der Hölle eines Schlachthofes wieder, umgeben von Menschen, die ihnen die ungeheuerlichsten und grauenhaftesten Dinge antun. Das ist Verrat in reinster Form. Und beteiligt sind daran nicht nur jene, die das Bolzenschussgerät oder das Messer führen, sondern auch alle, in deren faktischem Auftrag sie das tun - die Konsumenten, die sich an den Fleischtheken der Supermärkte bedienen.

Aber dieser Verrat wird - wie ja der unvermindert hohe Fleischverzehr zeigt - von den wenigsten Menschen als solcher empfunden.
Weil nach wie vor die Schimäre einer moralischen Kluft zwischen Menschen und Tieren die Ethik beherrscht. Aber die Annahme einer solchen Kluft ist irrational und hat vor allem religiöse Ursachen, zum Beispiel den Glauben, dass nur der Mensch nach Gottes Ebenbild geschaffen sei und nur er eine unsterbliche Seele habe. Würden wir endlich ernst nehmen, was wir seit Darwin wissen - dass es EINE Evolution ALLEN Lebens gab und gibt -, würde diese Kluft verschwinden und wir würden unsere moralische Verantwortung auch gegenüber Tieren erkennen.

Ihnen geht es aber nicht nur um Verantwortung. »Tiere haben Rechte«, behaupten Sie dem Titel eines Ihrer Bücher zufolge. Was sollen das für Rechte sein?
Es geht vor allem um das Recht auf Leben, um das Recht auf physische Unversehrtheit und um das Recht auf Freiheit von Schmerz und Leid - jedenfalls, so weit das von uns Menschen abhängt. Das bedeutet: Wenn wir wissen, dass Tiere leiden, sollten wir Leiden verhindern. Und wo wir nicht sicher sind, ob Tiere leiden, sollten wir möglicherweise Leiden verursachende Handlungen unterlassen. Leider sind solche Erwägungen reine Theorie - weil wir in der Praxis selbst Tiere mit erwiesener größter Leidensfähigkeit behandeln, als wären sie leblose Gegenstände. Verwiesen sei nur darauf, wie in Schlachthöfen etwa mit Rindern oder Schweinen umgegangen wird!

Immanuel Kant bezog Ethik ausschließlich auf Pflichten von Menschen gegenüber Menschen. Grausamkeit gegenüber Tieren sah er lediglich mit Bezug auf den Menschen, weil »dadurch eine der Moralität im Verhältnisse zu anderen Menschen sehr diensame natürliche Anlage geschwächt und nach und nach ausgetilgt wird«. Mit anderen Worten: Schlechte Behandlung von Tieren wird nicht der Tiere wegen verworfen, sondern weil sie den Menschen schadet. Was ja nicht falsch ist, aber doch sehr einseitig. Kant gilt heute noch als prägend für die westliche Moralphilosophie. Brauchen wir eine revolutionär neue Ethik?
Nein, wir brauchen überhaupt keine neue Ethik, wir müssen lediglich die vorhandene Ethik konsequent zu Ende denken. Und vor allem anwenden! Kants Theorie ist ja nur ein möglicher ethischer Ansatz - der im Übrigen bei strikter Beachtung auch im Hinblick auf Menschen teilweise abstruse Konsequenzen hätte. So müssten wir nach Kant etwa einem Mörder, dem gerade sein künftiges Opfer entwischt ist, verraten, wo es sich versteckt - weil wir auf keinen Fall lügen dürfen. Außerdem ist Kants Betonung der Vernunft im Hinblick auf den moralischen Bereich prinzipiell bedenklich und gefährlich.
Die Leidensfähigkeit ist da wohl ein viel näher liegendes und plausibleres Merkmal. Denn wenn wir das wollen, wissen wir sehr genau, wie Tiere behandelt werden möchten. Dazu brauchen wir uns nur ehrlich und ernsthaft in die Situation der Tiere zu versetzen, um uns dann zu fragen, wie wir an ihrer Stelle behandelt werden möchten. Das wird uns in den allermeisten Fällen, etwa bei Tieren im Schlachthof oder im Versuchslabor, überhaupt nicht schwerfallen. Im Gegenteil: Unser moralisches Problem wird vielmehr meistens sein, dass wir uns so leicht in ihre Lage versetzen können!

Menschenrechte sind ein etablierter Begriff. Aber Tierrechte?
In beiden Fällen geht es um ethisch begründete Rechte, die vor allem kulturellen Ursprungs sind. Wir haben uns im Laufe unserer Entwicklung dafür entschieden, allen Menschen grundlegende Rechte zuzugestehen. Das war bekanntlich nicht immer so - siehe etwa die Sklaverei oder die Frauendiskriminierung. Und die Tierrechtsbewegung ist die logische und notwendige Fortsetzung anderer Befreiungsbewegungen, wie eben der Befreiung der Sklaven, des Kampfes gegen Rassismus oder für die Emanzipation der Frauen.
Wir haben erkannt, dass Hautfarbe und Geschlecht moralisch belanglos sind, und jetzt erkennen immer mehr Menschen, dass auch die Spezieszugehörigkeit moralisch belanglos ist.

Die historische Linie von der einstigen Befreiung der Sklaven zur künftigen »Befreiung der Tiere« erscheint mir problematisch. Zweifellos hatte das Ende der Sklaverei auch moralische Gründe. Vor allem aber kam es, weil sich diese Form der Ausbeutung angesichts der fortgeschrittenen Produktivkräfte als nicht mehr profitabel erwies. Die Ausbeutung und Nutzung von Tieren dagegen boomt wie nie zuvor.
Am besten und wirksamsten ist es natürlich, wenn beides zusammenkommt: moralische und praktische Gründe. Und das ist beim Einsatz für Tierrechte durchaus der Fall. Speziesismus ist nicht nur ethisch ebenso verwerflich wie Rassismus und Sexismus, er ist auch - vor allem in seiner Erscheinungsform Fleischproduktion - ökonomischer Widersinn und ökologischer Wahnsinn. Wegen des Umwegs über den Tierkörper stellt der Fleischkonsum zunächst einmal eine ungeheure Verschwendung der Nahrungsressourcen unseres Planeten dar: Würden wir uns selber pflanzlich ernähren, also vegetarisch leben, anstatt diese Nahrung an Tiere zu verfüttern, um dann deren Fleisch zu essen, könnten wir zehnmal so viele Menschen ernähren. Zudem fördert unser Fleischessen auch die regionale Verelendung in der Dritten Welt. Dort steht nämlich in zahlreichen Ländern die landwirtschaftliche Nutzfläche nicht für die Versorgung der einheimischen Bevölkerung zur Verfügung, weil darauf Futtermittel für die Fleischproduktion in den reichen Ländern angebaut werden.
Die Fleischerzeugung hat des Weiteren verheerende Umweltzerstörungen zur Folge, so wegen der damit einhergehenden Wasserverschwendung und Abholzung. Eine der Hauptursachen für die Zerstörung des tropischen Regenwaldes ist die Gewinnung von Land zur Rinderzucht. Die Regenwaldzerstörung führt ihrerseits unter anderem zu Flut- und Dürrekatastrophen und verstärkt den Treibhauseffekt.
Es gibt also reichlich Gründe, nicht nur moralische, auf den Verzehr von Fleisch zu verzichten. Nicht zuletzt den, dass vegetarische beziehungsweise vegane Ernährung der menschlichen Gesundheit weitaus zuträglicher ist.

Sie stellen eine alte Volksweisheit auf den Kopf: Nicht das Fressen zuerst, sondern die Moral.
Unsere Ernährung hat in der Tat sehr viel mit Moral zu tun, weil wir mit der Auswahl dessen, was wir essen, über Leben und Tod entscheiden: Wer kein Vegetarier ist, ist verantwortlich für den Tod von 6 Schafen, 8 Kühen, 25 Kaninchen, 33 Schweinen, 390 Fischen, 720 Hühnern und vielen anderen Tieren. Diese stattliche Anzahl isst der Durchschnittseuropäer nämlich im Laufe seines Lebens!

Das Argument, der Mensch sei von Natur aus Fleischesser, lässt sich schwer entkräften. Friedrich Engels betonte in »Dialektik der Natur« sogar: »Und je mehr der werdende Mensch sich von der Pflanze entfernte, desto mehr erhob er sich auch über das Tier.«
Die Frage, was der Mensch »biologisch betrachtet« sei, ist moralisch belanglos. Aus dieser Sicht sind wir nämlich Steinzeitmenschen, seit mindestens 30 000 Jahren organisch als Art unverändert. Das Wesentliche am Menschen sind aber nicht seine biologischen Grundlagen, sondern das, was er aus ihnen macht. Die gesamte menschliche Entwicklung seit der Steinzeit ist keine biologische, sondern eine kulturelle. Alles, worin wir uns vom Steinzeitmenschen unterscheiden - vom Zähneputzen bis zur Anerkennung der Menschenrechte -, ist nicht die Folge einer biologischen Bestimmung, sondern das Ergebnis einer kulturellen Entwicklung.

Und das betrifft auch die existenzielle Frage der Ernährung?
Das ist ganz offensichtlich. Denn das Fleischessen widerspricht allen unseren kulturellen und humanistischen Ansprüchen. Drastisch klar wird das, wenn wir uns Bilder oder Filme über Tiertransporte und Schlachthäuser ansehen und dann versuchen, das Gesehene in Einklang zu bringen mit unseren fundamentalen Überzeugungen. Zum Beispiel mit der Forderung, die Schwäche und Wehrlosigkeit anderer nicht auszunutzen. Die ethisch entscheidende Frage ist also nicht: Welche Ernährung entspricht von Natur aus dem Menschen? Sondern: Welche Ernährung entspricht von Kultur aus dem Menschen?

Dass immer mehr Menschen in diesen moralischen Konflikt geraten, zeigt die steigende Nachfrage nach Biofleisch aus sogenannter artgerechter Tierhaltung. Sehen Sie darin eine Lösung?
Eine Notlösung, die als mögliches geringeres Übel dem praktizierten größeren Übel vorzuziehen ist. Die »normale« Fleischproduktion bedeutet für die Tiere, dass sie vor der Schlachtung auch noch lebenslang gequält werden. Wenn wir den Tieren diese Folter vor der Hinrichtung ersparen können, dann müssen wir das tun. Und »Biofleisch« ist ein Schritt in diese Richtung, da die Tiere wenigstens vor ihrem Tod ein mehr oder weniger angenehmes Leben haben. Aber auch ein geringeres Übel bleibt ein Übel.

Der Anteil der Vegetarier bewegt sich in Europa im einstelligen Prozentbereich. Die Befreiung der Tiere dürfte also noch eine ganze Weile auf sich warten lassen.
In der Tat kann heute niemand sagen, wie und wie schnell sich dieser Prozess vollziehen wird. Aber das war bei der Verurteilung und Überwindung der Sklaverei auch so. Zuerst war Sklaverei selbstverständlich, dann war sie umstritten, dann wurde sie verboten. Dann haben sich diejenigen durchgesetzt, die sich für eine universelle Ethik engagierten.

Wie wollen Sie bei diesem Prozess jene mitnehmen, denen Ihre Thesen zu radikal sind?
Alle Schritte in die richtige Richtung müssen wahrgenommen und gewürdigt werden: Wenn jemand, der bis jetzt zwanzig Prozent vegane Lebensmittel gegessen hat, nunmehr vierzig Prozent solcher Lebensmittel isst, so ist das ein Schritt in die richtige Richtung. Wenn ein Fleischesser zum Vegetarier wird, so ist das ein Schritt in die richtige Richtung. Wenn ein Fleischesser, der bisher zehn Wurstsemmeln pro Woche gegessen hat, nur noch fünf isst, so ist das ein Schritt in die richtige Richtung. Und wenn jemand, der noch nie über Tierrechte nachgedacht hat, beginnt, sich darüber Gedanken zu machen, so ist das ein Schritt in die richtige Richtung.

www.tierrechte-kaplan.orgND: Herr Dr. Kaplan, Sie sind vermutlich froh, dass die sogenannten Festtage wieder einmal vorbei sind. In Ihrem neuen Buch »Der Verrat des Menschen an den Tieren« vermerken Sie immerhin unter dem Stichwort Weihnachten: »Unerträgliche, unübertroffene, grauenvolle Verlogenheit.« Ist diese Häufung von Superlativen nicht sehr übertrieben?

Helmut F. Kaplan: Im Gegenteil, der Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit kann mit Worten kaum drastisch genug ausgedrückt werden: Es wird gefeiert, gesungen, man ist zu Tränen gerührt - und das bei einem Fest, das alljährlich für Millionen nicht menschlicher Kreaturen ein Massaker bedeutet. Auf der einen Seite das Gerede von Liebe und Vergebung, auf der anderen Seite das Gemetzel in den Schlachthöfen. Schaltete man den Fernseher ein und geriet in eine der unzähligen Einkaufs-, Koch- oder Esssendungen - was kaum zu vermeiden war -, bekam man den Eindruck, dass sich die ganze Welt nur noch um eines dreht: um das Töten von Tieren für den Gaumenkitzel der Menschen. Umso wichtiger ist daher jeder Einzelne, der sich darüber aufregt und etwas dagegen tut.

Was denn zum Beispiel?
Nichts einfacher als das, weil sich die Lösung und damit die Auflösung dieser Verlogenheit buchstäblich vor unserer Nase befindet - auf dem Teller. Kaum jemand hat es treffender ausgedrückt als der griechische Philosoph Plutarch vor über zweitausend Jahren: »Für einen Bissen Fleisch nehmen wir einem Tier die Sonne und das Licht und das bisschen Leben und Zeit, an dem sich zu erfreuen seine Bestimmung gewesen wäre.«

Da Plutarchs Worte bis heute offenbar wenig Widerhall gefunden haben, stellt sich die generelle Frage nach dem Platz der Tiere im moralischen Wertesystem des Menschen. Welche Kriterien sehen Sie da als die entscheidenden?
Moralisch entscheidend und für den Menschen typisch ist, wie wir uns gegenüber jenen Tieren verhalten, mit denen wir in der sogenannten Zivilisation zusammenleben, die von uns abhängig sind und die uns absolut »nichts getan« haben. Von den Diensten, die uns diese Tiere erweisen und erweisen können, machen wir ausgiebig Gebrauch. Nehmen Sie nur den vielfältigen Einsatz von Hunden: Sie fahnden unter anderem nach Drogen, sie suchen nach Verschütteten, sie führen Blinde. Zugleich werden sie in Kriegen bei der Minensuche und zu anderen militärischen Zwecken missbraucht.
Tiere werden aber nicht nur in der Ausnahmesituation Krieg rücksichtslos ausgebeutet und zu Tode geschunden, sondern auch - und vor allem - unter »ganz normalen« Bedingungen. Was doppelt tragisch ist, weil es einerseits die Zahl der betroffenen Tiere in unendliche Höhen treibt und weil andererseits diese Praktiken den »Ausnahmen« an Schrecken und Grausamkeit in nichts nachstehen. Ich spreche von den gewöhnlichen Massakern in den Schlachthöfen, dem alltäglichen Verrat des Menschen an den Tieren.

Verrat bezeichnet gemeinhin das Hintergehen von Menschen oder Institutionen, denen man moralisch und/oder rechtlich zur Treue verpflichtet ist. Wie lässt sich diese zwischenmenschliche Kategorie auf das Verhältnis des Menschen zum Tier anwenden?
Tiere, die von uns abhängen und uns nichts getan haben, zu denen Menschen vielleicht sogar einmal gut waren, finden sich auf einmal in der Hölle eines Schlachthofes wieder, umgeben von Menschen, die ihnen die ungeheuerlichsten und grauenhaftesten Dinge antun. Das ist Verrat in reinster Form. Und beteiligt sind daran nicht nur jene, die das Bolzenschussgerät oder das Messer führen, sondern auch alle, in deren faktischem Auftrag sie das tun - die Konsumenten, die sich an den Fleischtheken der Supermärkte bedienen.

Aber dieser Verrat wird - wie ja der unvermindert hohe Fleischverzehr zeigt - von den wenigsten Menschen als solcher empfunden.
Weil nach wie vor die Schimäre einer moralischen Kluft zwischen Menschen und Tieren die Ethik beherrscht. Aber die Annahme einer solchen Kluft ist irrational und hat vor allem religiöse Ursachen, zum Beispiel den Glauben, dass nur der Mensch nach Gottes Ebenbild geschaffen sei und nur er eine unsterbliche Seele habe. Würden wir endlich ernst nehmen, was wir seit Darwin wissen - dass es EINE Evolution ALLEN Lebens gab und gibt -, würde diese Kluft verschwinden und wir würden unsere moralische Verantwortung auch gegenüber Tieren erkennen.

Ihnen geht es aber nicht nur um Verantwortung. »Tiere haben Rechte«, behaupten Sie dem Titel eines Ihrer Bücher zufolge. Was sollen das für Rechte sein?
Es geht vor allem um das Recht auf Leben, um das Recht auf physische Unversehrtheit und um das Recht auf Freiheit von Schmerz und Leid - jedenfalls, so weit das von uns Menschen abhängt. Das bedeutet: Wenn wir wissen, dass Tiere leiden, sollten wir Leiden verhindern. Und wo wir nicht sicher sind, ob Tiere leiden, sollten wir möglicherweise Leiden verursachende Handlungen unterlassen. Leider sind solche Erwägungen reine Theorie - weil wir in der Praxis selbst Tiere mit erwiesener größter Leidensfähigkeit behandeln, als wären sie leblose Gegenstände. Verwiesen sei nur darauf, wie in Schlachthöfen etwa mit Rindern oder Schweinen umgegangen wird!

Immanuel Kant bezog Ethik ausschließlich auf Pflichten von Menschen gegenüber Menschen. Grausamkeit gegenüber Tieren sah er lediglich mit Bezug auf den Menschen, weil »dadurch eine der Moralität im Verhältnisse zu anderen Menschen sehr diensame natürliche Anlage geschwächt und nach und nach ausgetilgt wird«. Mit anderen Worten: Schlechte Behandlung von Tieren wird nicht der Tiere wegen verworfen, sondern weil sie den Menschen schadet. Was ja nicht falsch ist, aber doch sehr einseitig. Kant gilt heute noch als prägend für die westliche Moralphilosophie. Brauchen wir eine revolutionär neue Ethik?
Nein, wir brauchen überhaupt keine neue Ethik, wir müssen lediglich die vorhandene Ethik konsequent zu Ende denken. Und vor allem anwenden! Kants Theorie ist ja nur ein möglicher ethischer Ansatz - der im Übrigen bei strikter Beachtung auch im Hinblick auf Menschen teilweise abstruse Konsequenzen hätte. So müssten wir nach Kant etwa einem Mörder, dem gerade sein künftiges Opfer entwischt ist, verraten, wo es sich versteckt - weil wir auf keinen Fall lügen dürfen. Außerdem ist Kants Betonung der Vernunft im Hinblick auf den moralischen Bereich prinzipiell bedenklich und gefährlich.
Die Leidensfähigkeit ist da wohl ein viel näher liegendes und plausibleres Merkmal. Denn wenn wir das wollen, wissen wir sehr genau, wie Tiere behandelt werden möchten. Dazu brauchen wir uns nur ehrlich und ernsthaft in die Situation der Tiere zu versetzen, um uns dann zu fragen, wie wir an ihrer Stelle behandelt werden möchten. Das wird uns in den allermeisten Fällen, etwa bei Tieren im Schlachthof oder im Versuchslabor, überhaupt nicht schwerfallen. Im Gegenteil: Unser moralisches Problem wird vielmehr meistens sein, dass wir uns so leicht in ihre Lage versetzen können!

Menschenrechte sind ein etablierter Begriff. Aber Tierrechte?
In beiden Fällen geht es um ethisch begründete Rechte, die vor allem kulturellen Ursprungs sind. Wir haben uns im Laufe unserer Entwicklung dafür entschieden, allen Menschen grundlegende Rechte zuzugestehen. Das war bekanntlich nicht immer so - siehe etwa die Sklaverei oder die Frauendiskriminierung. Und die Tierrechtsbewegung ist die logische und notwendige Fortsetzung anderer Befreiungsbewegungen, wie eben der Befreiung der Sklaven, des Kampfes gegen Rassismus oder für die Emanzipation der Frauen.
Wir haben erkannt, dass Hautfarbe und Geschlecht moralisch belanglos sind, und jetzt erkennen immer mehr Menschen, dass auch die Spezieszugehörigkeit moralisch belanglos ist.

Die historische Linie von der einstigen Befreiung der Sklaven zur künftigen »Befreiung der Tiere« erscheint mir problematisch. Zweifellos hatte das Ende der Sklaverei auch moralische Gründe. Vor allem aber kam es, weil sich diese Form der Ausbeutung angesichts der fortgeschrittenen Produktivkräfte als nicht mehr profitabel erwies. Die Ausbeutung und Nutzung von Tieren dagegen boomt wie nie zuvor.
Am besten und wirksamsten ist es natürlich, wenn beides zusammenkommt: moralische und praktische Gründe. Und das ist beim Einsatz für Tierrechte durchaus der Fall. Speziesismus ist nicht nur ethisch ebenso verwerflich wie Rassismus und Sexismus, er ist auch - vor allem in seiner Erscheinungsform Fleischproduktion - ökonomischer Widersinn und ökologischer Wahnsinn. Wegen des Umwegs über den Tierkörper stellt der Fleischkonsum zunächst einmal eine ungeheure Verschwendung der Nahrungsressourcen unseres Planeten dar: Würden wir uns selber pflanzlich ernähren, also vegetarisch leben, anstatt diese Nahrung an Tiere zu verfüttern, um dann deren Fleisch zu essen, könnten wir zehnmal so viele Menschen ernähren. Zudem fördert unser Fleischessen auch die regionale Verelendung in der Dritten Welt. Dort steht nämlich in zahlreichen Ländern die landwirtschaftliche Nutzfläche nicht für die Versorgung der einheimischen Bevölkerung zur Verfügung, weil darauf Futtermittel für die Fleischproduktion in den reichen Ländern angebaut werden.
Die Fleischerzeugung hat des Weiteren verheerende Umweltzerstörungen zur Folge, so wegen der damit einhergehenden Wasserverschwendung und Abholzung. Eine der Hauptursachen für die Zerstörung des tropischen Regenwaldes ist die Gewinnung von Land zur Rinderzucht. Die Regenwaldzerstörung führt ihrerseits unter anderem zu Flut- und Dürrekatastrophen und verstärkt den Treibhauseffekt.
Es gibt also reichlich Gründe, nicht nur moralische, auf den Verzehr von Fleisch zu verzichten. Nicht zuletzt den, dass vegetarische beziehungsweise vegane Ernährung der menschlichen Gesundheit weitaus zuträglicher ist.

Sie stellen eine alte Volksweisheit auf den Kopf: Nicht das Fressen zuerst, sondern die Moral.
Unsere Ernährung hat in der Tat sehr viel mit Moral zu tun, weil wir mit der Auswahl dessen, was wir essen, über Leben und Tod entscheiden: Wer kein Vegetarier ist, ist verantwortlich für den Tod von 6 Schafen, 8 Kühen, 25 Kaninchen, 33 Schweinen, 390 Fischen, 720 Hühnern und vielen anderen Tieren. Diese stattliche Anzahl isst der Durchschnittseuropäer nämlich im Laufe seines Lebens!

Das Argument, der Mensch sei von Natur aus Fleischesser, lässt sich schwer entkräften. Friedrich Engels betonte in »Dialektik der Natur« sogar: »Und je mehr der werdende Mensch sich von der Pflanze entfernte, desto mehr erhob er sich auch über das Tier.«
Die Frage, was der Mensch »biologisch betrachtet« sei, ist moralisch belanglos. Aus dieser Sicht sind wir nämlich Steinzeitmenschen, seit mindestens 30 000 Jahren organisch als Art unverändert. Das Wesentliche am Menschen sind aber nicht seine biologischen Grundlagen, sondern das, was er aus ihnen macht. Die gesamte menschliche Entwicklung seit der Steinzeit ist keine biologische, sondern eine kulturelle. Alles, worin wir uns vom Steinzeitmenschen unterscheiden - vom Zähneputzen bis zur Anerkennung der Menschenrechte -, ist nicht die Folge einer biologischen Bestimmung, sondern das Ergebnis einer kulturellen Entwicklung.

Und das betrifft auch die existenzielle Frage der Ernährung?
Das ist ganz offensichtlich. Denn das Fleischessen widerspricht allen unseren kulturellen und humanistischen Ansprüchen. Drastisch klar wird das, wenn wir uns Bilder oder Filme über Tiertransporte und Schlachthäuser ansehen und dann versuchen, das Gesehene in Einklang zu bringen mit unseren fundamentalen Überzeugungen. Zum Beispiel mit der Forderung, die Schwäche und Wehrlosigkeit anderer nicht auszunutzen. Die ethisch entscheidende Frage ist also nicht: Welche Ernährung entspricht von Natur aus dem Menschen? Sondern: Welche Ernährung entspricht von Kultur aus dem Menschen?

Dass immer mehr Menschen in diesen moralischen Konflikt geraten, zeigt die steigende Nachfrage nach Biofleisch aus sogenannter artgerechter Tierhaltung. Sehen Sie darin eine Lösung?
Eine Notlösung, die als mögliches geringeres Übel dem praktizierten größeren Übel vorzuziehen ist. Die »normale« Fleischproduktion bedeutet für die Tiere, dass sie vor der Schlachtung auch noch lebenslang gequält werden. Wenn wir den Tieren diese Folter vor der Hinrichtung ersparen können, dann müssen wir das tun. Und »Biofleisch« ist ein Schritt in diese Richtung, da die Tiere wenigstens vor ihrem Tod ein mehr oder weniger angenehmes Leben haben. Aber auch ein geringeres Übel bleibt ein Übel.

Der Anteil der Vegetarier bewegt sich in Europa im einstelligen Prozentbereich. Die Befreiung der Tiere dürfte also noch eine ganze Weile auf sich warten lassen.
In der Tat kann heute niemand sagen, wie und wie schnell sich dieser Prozess vollziehen wird. Aber das war bei der Verurteilung und Überwindung der Sklaverei auch so. Zuerst war Sklaverei selbstverständlich, dann war sie umstritten, dann wurde sie verboten. Dann haben sich diejenigen durchgesetzt, die sich für eine universelle Ethik engagierten.

Wie wollen Sie bei diesem Prozess jene mitnehmen, denen Ihre Thesen zu radikal sind?
Alle Schritte in die richtige Richtung müssen wahrgenommen und gewürdigt werden: Wenn jemand, der bis jetzt zwanzig Prozent vegane Lebensmittel gegessen hat, nunmehr vierzig Prozent solcher Lebensmittel isst, so ist das ein Schritt in die richtige Richtung. Wenn ein Fleischesser zum Vegetarier wird, so ist das ein Schritt in die richtige Richtung. Wenn ein Fleischesser, der bisher zehn Wurstsemmeln pro Woche gegessen hat, nur noch fünf isst, so ist das ein Schritt in die richtige Richtung. Und wenn jemand, der noch nie über Tierrechte nachgedacht hat, beginnt, sich darüber Gedanken zu machen, so ist das ein Schritt in die richtige Richtung.

www.tierrechte-kaplan.org

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