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Die Techniker bleiben draußen

Der Hamburger SV war beim Sieg in Halle nicht so gut, wie das Ergebnis nahelegt

  • Von Christoph Ruf, Halle an der Saale
  • Lesedauer: 3 Min.

Markus Gisdol hatte einen anstrengenden Abend verlebt, bis er kurz nach 22.30 Uhr endlich den ersten Pflichtspielsieg als Trainer des Hamburger SV feiern konnte. Selbst, als es nur noch darum ging, wann Schiedsrichter Christian Dingert die Pokalpartie beim Halleschen FC, die zu diesem Zeitpunkt längst entschieden war, abpfeifen würde, gestikulierte Gisdol wie ein Verkehrslotse. Das hatte er schon zuvor bei jedem Pfiff des an sich starken Referees getan, obwohl Dingert den HSV keineswegs bevorteilt hatte.

Man konnte die Anspannung beim Nachfolger von Bruno Labbadia allerdings gut nachvollziehen. Schließlich hatte er bei seinen drei Bundesligaspielen mit dem HSV kein einziges Tor und nur einen einzigen Zähler bejubeln dürfen. »Sie sind mit viel Selbstbewusstsein ins Spiel gegangen, wir hingegen eher mit wenig. Entsprechend war es wichtig, dass wir früh in Führung gegangen sind«, lobte Gisdol dann auch den Gegner, den er mit zu den Aufstiegsfavoriten der Dritten Liga zählt.

Tatsächlich war der HSV - anders als das deutliche Ergebnis glauben macht - erst gegen Ende der Partie souverän aufgetreten. Halle, von Trainer Rico Schmitt zu einer physisch starken, kompakten Einheit geformt, hielt gut mit, in Sachen Spielkultur war der individuell überlegene Erstligist nur wenig besser als die zwei Klassen tiefer angesiedelten Hallenser. Nach jedem der wenigen Angriffe zogen sich die Hamburger weit in die eigene Hälfte zurück und konterten dann mit mehr oder weniger blind nach vorne geschlagenen Bällen.

Längst ist der HSV in einer Phase, in der nur noch Ergebnisse zählen. Und der Sieg hätte sogar in Gefahr geraten können, hätte Schiedsrichter Dingert Hamburgs Keeper René Adler nach einem Foul an Marvin Ajani vom Platz gestellt. Wenn die Aufstellung vom Dienstag ein Fingerzeig für die Zukunft ist, dürfte allerdings weiter mit Karo-einfach-Fußball zu rechnen sein. Technisch versierte Spieler wie Lewis Holtby und Nicolai Müller blieben auf der Bank, Alen Halilovic sogar in Hamburg.

Mann des Tages war stattdessen Bobby Wood, der vor der Saison von Union Berlin gekommen war. Spätestens als er seinem ersten Treffer, einem klassischen Kontertor, den zweiten hatte folgen lassen (8./43.) gab es eigentlich nur noch einen Mann, der vorgab, noch an eine weitere Pokalsensation zu glauben. Stadionsprecher Markus Hein fasste in der Halbzeit das Spielgeschehen eloquent zusammen und wagte dann die gewagte Prognose, dass »noch alles drin« sei. Stattdessen ließen die Hamburger Pierre-Michel Lasogga (58.) und Luca Waldschmidt (82.), der 19 Sekunden zuvor eingewechselt worden war, noch die Tore drei und vier folgen.

Immerhin erlebte der wackere Mann am Mikro einen deutlich entspannteren zweiten Durchgang. Die Pokalstatuten des DFB sehen ja vor, dass nach jedem Pyrotechnikvorfall eine ausführliche Durchsage zu erfolgen habe - mit der wackeren, wie meist ergebnislosen Aufforderung, den »Irr-«, »Blöd-«, oder »Schwachsinn« (Hein) doch bitte fürderhin sein zu lassen. Die Hamburger Pyromanen kümmerte das wenig, sie fackelten im ersten Durchgang im Minutentakt Blitzer und rote Bengalos ab und folgten dabei der vermeintlichen Ultralogik, wonach Pyrotechnik der reinste Ausdruck noch reinerer Freude sei.

Grund dazu hatten die gut 1500 Fans der Hanseaten an diesem diesigen Herbstabend zur Genüge. Dass dies voll auf Kosten der »Gehirnzellen« gegangen wäre, wie Sprecher Hein vermutete, schien allerdings nicht der Fall zu sein. Die Anhänger des HSV hissten ein Transparent, das bewies, dass sie den traurigen Ligaalltag nicht vergessen hatten: »Absteiger und Pokalsieger. Hauptsache aufstellen für Europa!«

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