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Ostsee mit Strand statt Kohlendreck

Ein Cottbuser Tagebauloch soll zum Badeparadies werden - noch sieht es danach nicht aus

  • Von Tomas Morgenstern
  • Lesedauer: 4 Min.

Auch vielen Monate, nachdem Bagger und Transportbänder ihr geräuschvolles, landfressendes Werk eingestellt haben, gleicht der stillgelegte Braunkohletagebau Cottbus-Nord einer riesigen Baustelle. Voraussichtlich in zwei Jahren - im Winterhalbjahr 2018/2019 - will der Vattenfall-Nachfolger in der Lausitz, die in Cottbus ansässige Lausitz Bergbau Energie AG, mit der Flutung des Tagebaurestlochs beginnen. Zahllose Fahrzeuge - Planierraupen und Dumper - des neuen Tagebauunternehmens sind nach Firmenangaben derzeit im Einsatz, um die in die Grube führende ehemalige Transporttrasse der Kohlenzüge zu schließen. Der Tagebau war nur 35 Jahre in Betrieb, die Kohleförderung war 1981 aufgenommen worden, Ende vergangenen Jahres war planmäßig Schluss.

Begonnen habe man inzwischen mit den »Arbeiten zur Formung und Gestaltung des künftigen Cottbuser Ostsees«, teilte die LEAG am Donnerstag mit. Der See solle mit 1900 Hektar Wasseroberfläche einmal das größte künstliche Gewässer Brandenburgs werden. In einer Mitteilung heißt es: »Parallel dazu läuft derzeit das Wasserrechtliche Planfeststellungsverfahren. In dessen Rahmen wird durch das Landesamt für Bergbau, Geologie und Rohstoffe (LBGR) der Antrag des Bergbaubetreibers zur Flutung und Entwicklung des Cottbuser Ostsees geprüft und beschieden.«

Um sich das künftige Bade- und Wassersportparadies heute vorzustellen, bedarf es noch weit intensiverer Vorstellungskraft, als bei den zahlreichen anderen in der Lausitz im Zuge der Tagebaustilllegungen entstehenden Gewässern des künftigen Lausitzer Seenlandes. Dort wo der Cottbuser Ostsee entstehen wird, stößt man derzeit noch auf eine ausgedehnte Mondlandschaft. Einmal begonnen, soll die Flutung der ehemaligen Grube bis etwa 2024 dauern. Das Wasser soll angeblich zu 88 Prozent aus der Spree kommen, der Rest ist Grundwasser.

Hier liegt einer der Gründe, warum das Projekt nicht von allen Anwohnern in der Region mit reiner Vorfreude begleitet wird. Gegen die geplante Flutung des Tagebaus liegen gut 200 Einwendungen vor, die am 1. und 2. November in Cottbus Gegenstand einer öffentlichen Erörterung sind, zu der das Landesbergamt lädt. Schon im Vorfeld verweisen Anwohner, Umweltverbände und Wasserexperten auf große langfristige Risiken des Sees und fordern eine langfristige Haftung des Tagebaubetreibers LEAG für alle Folgeschäden. Die LEAG gehört zum tschechischen EPH-Konzern, der in der Lausitz auf eine langfristige Fortsetzung der Braunkohlegewinnung setz und im Verdacht steht, sich um mögliche Folgekosten herzlich wenig zu scheren.

»Der Tagebausee wird die bergbaubedingte Versalzung der Spree mit Sulfat weiter erhöhen.« erklärt dazu Michael Bender von der Berliner Bundeskontaktstelle Wasser des Umweltverbandes GRÜNE LIGA. »Die Trinkwasserqualität für zwei Millionen Wasserkunden in Berlin und Brandenburg ist dadurch zunehmend bedroht.« Er verlangt von den Behörden, mit Auflagen und Grenzwerten tätig zu werden.

Und Winfried Böhmer vom Aktionsbündnis Klare Spree verweist im selben Positionspapier auf das ungeklärte Problem der Spreeverockerung. »Eisenhaltige Grundwasserströme aus der Tagebaukippe gefährden auch den Spreewald als wichtigstes Natur- und Tourismusgebiet der Region«, so Böhmer.

Große Sorgen bereitet den in der Nachbarschaft des bald entstehenden künstlichen Binnensees neben der Standfestigkeit der Böschungsbereiche auch der Grundwasserspiegel. »Wir Anwohner nördlich des Sees sollen künftig unterhalb des Seewasserspiegels leben. Das macht uns Angst«, erläutert Sascha Fussan von der Bürgerinitiative »Achtung Ostsee«. »Wir fordern, dass kein See genehmigt wird, der Vernässungen unserer Grundstücke riskiert.«

Auch die Grünen-Fraktion im Landtag begleitet die »Ostsee«-Pläne am Rande von Cottbus nicht nur aus Sorge um den Steuerzahler mit Kritik. In einer Erklärung vom Donnerstag fordert die bergbaupolitische Fraktionssprecherin Heide Schinowski: »Die Landesregierung darf nicht riskieren, dass der Ostsee zu Lasten der Umwelt, der Anwohner, des Trinkwassers und der lokalen Wirtschaft zu einer neuen Eintragungsquelle von Sulfat und Eisenocker in die Spree wird.« Und mit Blick auf die LEAG fügt sie hinzu. »Wenn man die Aussagen des Bergbaubetreibers ernst nimmt, dass es zu keiner erhöhten Sulfatbelastung und Verockerung kommen wird, dürfte eigentlich auch nichts gegen die Einführung von verbindlichen Grenzwerten sprechen.« Dem Bergbaubetreiber freie Hand zu lassen, bedeute nichts anderes, als einer weiträumigen Verschmutzung von Gewässern zu Lasten der Allgemeinheit Tür und Tor zu öffnen.

Der Ostsee wird einmal den Charakter der Landschaft um Cottbus tiefgreifend verändern. Die ersten Befestigungsarbeiten im künftigen Uferbereich laufen bereits seit 2009, selbst Vattenfall hatte gut 200 Millionen Euro in das Projekt gesteckt. Fünf Kilometer lang und bis zu 30 Meter tief wird der See. Und die Uferlinie von 26 Kilometern wird am Ende Platz bieten für Strände, einen Hafen und Ausflugslokale. mit dpa

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