Von Elsa Koester

Wiesbaden: Sexuelle Vielfalt gegen Hetero-Dogmatiker

AfD, Nazis und »Besorgte« wollen am Sonntag gegen Sexualunterricht protestieren / Breite Gegenproteste geplant

Radikale Hetero-Dogmatiker und Kämpfer für die sexuelle Vielfalt stehen sich am Sonntag in Wiesbaden auf der Straße gegenüber. Eine Allianz aus AfD-Politikern, Nazis der rechtsextremen Partei »Der III. Weg« und sich »besorgte Eltern« nennende radikale Konservative mobilisieren zu einer »Demo für alle«, um gegen den neuen Lehrplan im Sexualunterricht zu protestieren. »Läuft nicht: Ihr seid nicht alle«, sagt ein ungewöhnlich breites Gegenbündnis, und mobilisiert zu Protesten und Blockaden.

Anlass für die Auseinandersetzung um Geschlechterbilder, Familienmodelle und Sexualität ist eine Veränderung des Lehrplans für Sexualkunde, die von dem hessischen Kultusminister Alexander Lorz (CDU) zu Anfang des Schuljahres durchgesetzt wurde. Ziel ist die »Akzeptanz verschiedener sexueller Orientierungen und geschlechtlicher Identitäten« unter Kindern und Jugendlichen. Der Plan beinhaltet für die Sechs- bis Zehnjährigen kindliches Sexualverhalten und gleichgeschlechtliche Partnerschaften, für Zehn- bis Zwölfjährige Hetero-, Bi-Homo- und Transsexualität. Neben Gesprächen über erste sexuelle Erfahrungen und das »Coming Out« sollen für 13- bis 16-Jährige Beratungen für Schwangerschaftsabbrüche angeboten werden. Danach stehen die Themen Adoption, Leihmutterschaft und geschlechtsspezifisches Rollenverhalten an.

Diese neue Agenda für sexuelle Aufklärung ist der wertkonservativen Rechten ein Dorn im Auge. Insbesondere der verpflichtende Charakter des Lehrplans für alle Schüler*innen bringt antifeministische Eltern auf die Palme. »Das ist Sexualerziehung mit der Brechstange!«, regen sich die Organisator*innen der »Demo für alle« in ihrem Aufruf auf. Der solidarisch klingende Titel der rechten Demonstration ist von den französischen Massenprotesten gegen die Ehe für Homosexuelle entnommen (»La Manif Pour Tous«), an denen immer wieder Hunderttausende, teils über eine Millionen Homophobe beteiligen. Organisiert wird der deutsche Aufmarsch von dem ultrakonservativen Verein »Ehe-Familie-Leben« unter Vorsitz der bekannten Abtreibungsgegner-Frontfrau Hedwig von Beverfoerde. Dazu kommen konservative Elternvereinigungen wie die »Elternaktion Bayern gegen Gender-Ideologie« und kirchliche Gruppen wie das »Forum deutscher Katholiken«.

Zu der Demonstration mobilisiert neben diesen Netzwerken auch die Alternative für Deutschland (AfD). Wie unter anderem die »Frankfurter Rundschau« berichtet, sind zusätzlich viele Rechtsextreme mit von der Partie, darunter die Identitäre Bewegung, die NPD und »Der III. Weg«.

Ihnen entgegen stellt sich eine außergewöhnlich breite politische Front aus der schwarz-grünen Landesregierung sowie der SPD der LINKEN und der FDP, die den neuen Lehrplan verteidigen. Die CDU, deren Kultusminister den neuen Lehrplan selbst durchsetzte, mobilisiert jedoch nicht zu den Protesten gegen die antifeministische Demonstration.

Organisiert werden diese von dem breiten zivilgesellschaftlichen Bündnis »für die Akzeptanz der Vielfalt von Lebensweisen« und dem aktivistischen Bündnis »Läuft nicht«, das sich der rechten Demonstration mit Blockaden entgegen stellen will. »Die ›Demo für Alle‹ ist ein fundamentaler Angriff auf queere Lebensrealitäten, das heißt auf all diejenigen, die diesem rückwärtsgewandten Gesellschaftsmodell nicht entsprechen oder es in Frage stellen«, heißt es in dem Aufruf. Dem nationalistisch motivierten, biologistischen Familienmodell der Wertkonservativen wollen die Aktivisten eine Vielfalt der Geschlechter entgegen setzen.

Ab 11 Uhr organisieren beide Bündnisse eine Kundgebung am Wiesbadener Hauptbahnhof mit anschließender Demonstration, an der sich die Landesschülervertretung ebenso beteiligen will wie der Landesfrauenrat, Pro Familia und die Antifa. Der Grüne Landesvorsitzende Kai Klose kündigt an: »Unsere offene und freie Gesellschaft weiß, dass die Vielfalt ihre größte Stärke ist. Deshalb kann diese ‘Demo für Ausgrenzung’ ihren Hass wieder mit nach Hause nehmen – rückstandsfrei.«

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