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Mehr als ein Händedruck

In Berlin bildet ein Institut Lehrer im Umgang mit interkultureller Differenz fort

  • Von Ellen Wesemüller
  • Lesedauer: 5 Min.

Die AfD fordert, das Kopftuch an Schulen und Universitäten zu verbieten, um Mädchen und Frauen vor der Unterdrückung durch die eigene Religion zu schützen. Wie wollen Sie diese Verknüpfung von Sexismus und Rassismus lösen?
Wir wollen Menschen, die in der Bildung arbeiten, in die Lage versetzen, Sexismus zu kritisieren, ohne zu sagen: Die Sexisten, die unsere Gleichstellungsideen zerstören, sind die anderen. Wir sagen: Sexismus weist über die Grenzen von Nationalstaaten, Religionen, Kulturen hinaus. Diese Unterscheidung in »Wir« und »die Anderen« ergibt keinen Sinn. Dafür machen wir Workshops mit Experten aus der Wissenschaft und der praktischen Arbeit sowie Fortbildungen für Lehrkräfte und Menschen, die im Kontext von Flucht und Asyl arbeiten.

Verspielt man sich so nicht die Möglichkeit, den Sexismus oder die Geschlechterungerechtigkeit im Islam zu thematisieren?
Ich stelle infrage, dass es einen Zusammenhang zwischen Islam und Sexismus gibt. Wenn aber sexistische Einstellungen und Handlungsmuster religiös begründet werden, dann ist es selbstverständlich völlig richtig, dies zu kritisieren. Ebenso ist es richtig, wenn konkrete Geschlechterungerechtigkeiten in muslimischen Gemeinden kritisiert werden. Etliche Studien zeigen jedoch, dass muslimische Menschen in der Bundesrepublik genauso gleichstellungsorientiert sind wie christliche.

Kommt man mit dem Zitieren von Studien weiter?
Ich halte an der Kraft des Arguments fest. Bei einem vollen Klassenzimmer mit mäßigen Lehrbedingungen fällt es Lehrern häufig leichter, Gründe für schlechte Leistungen vor allem bei den Kindern zu suchen. Gedeutet werden die Schwierigkeiten dann oftmals so, dass es an deren Kultur liege, anstatt auf soziale Bedingungen einzugehen und die fehlenden Kapazitäten der Schule zu benennen, mit Unterschieden umzugehen. Kultur wird mittlerweile wiederum mit Religion gleichgesetzt, Religion wiederum mit dem Islam. Es ist wichtig, hier alternative Deutungsmuster anzubieten und konkrete Lösungen vor Ort zu entwickeln, die auf homogenisierende Erklärungen verzichten.

Sie machen also keine emotionalen Angebote?
Im ersten Schritt frage ich: Was ist das Problem? Wo Probleme sind, da sind auch Emotionen. Ich nehme die unmittelbaren Erfahrungen ernst. Ich frage die Teilnehmer aber auch: Wie gehst du mit deinen Problemen um? Verfolgst du eine vielversprechende, richtige Strategie, um sie zu lösen?

Viele Menschen haben aber das Gefühl, mit ihren Erfahrungen nicht ernst genommen worden zu sein - außer jetzt von der AfD. Hat da linke Bildungspolitik versagt?
Pädagogen müssen sich meines Erachtens immer fragen: Was will ich für eine Bildung machen? Wie will ich Heterogenität würdigen? Welche Vorstellungen von Gesellschaft, Gemeinschaft oder Klassengemeinschaft habe ich? Denke ich sie als heterogene, durchaus konflikthafte Orte, wo eben nicht die eine Gruppe in die andere integriert wird? Wir müssen uns gesellschaftlich neu erfinden. Wenn wir Integrationskurse wollen, dann müssen wir sie für alle planen und nicht nur für Neuankommende. Dafür braucht es eine praktische Didaktik.

Wenn ich ein Mädchen in der Klasse habe, dem ein Übergriff passiert ist und das sagt: »Scheiß Ausländer!« - was mache ich da als Lehrerin?
Personen, die Opfer von diskriminierenden Übergriffen werden, dürfen wütend sein. Das sollte sogar gefördert werden. Wenn ich als Pädagogin diese Situation bearbeite, dann muss ich allerdings fragen, wie das mit der Aussage »Scheiß Ausländer!« zusammenpasst. Was wird damit erklärt? Wenn ich nur auf eine Gruppe fokussiere, werde ich andere Gruppen vernachlässigen. Das ist auch wichtig für die Prävention - denn die Lösung kann ja kein »racial profiling« sein. Pädagogik muss beides können: Die Wut nicht bagatellisieren, den Übergriff nicht dethematisieren und trotzdem differenziert auf die konkrete Situation schauen. Manchmal muss dazwischen Zeit vergehen.

Nach der Silvesternacht von Köln haben viele Linke kritisiert, dass die Täter als Gruppe benannt wurden. Wieso thematisiert man denn nicht, dass es diese Gruppe gibt?
Die Frage ist doch: Wie ist der Zusammenhang zwischen Täter und Tat? Da spielen viele Dinge eine Rolle: der sozialen Hintergrund bis hin zu den kleinkriminellen Milieus, in denen die Täter als Männerbünde handeln. Männerbünde sind immer Orte des sexistischen Handelns, auch eine Gruppe von Fußballhooligans im Zug. Ein Problem ist der »Belästigungs-Ausweisungs-Komplex«: Eine bestimmte Form des Handelns wird mit der Ausweisung beantwortet. Das ist ein juristischer Zusammenhang, der staatlich hergestellt wird und der auf Sexismus mit Rassismus antwortet. Wir müssen aber beides bearbeiten. Ein Weg ist, für ein Recht auf sexuelle und körperliche Selbstbestimmung zu kämpfen, für einen effektiven Schutz vor sexuellen Übergriffen. Zum anderen aber auch für das Recht auf Migration und Selbstbestimmung des Aufenthalts. Diese Rechte dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden.

Es gab in Berlin eine Lehrerin, der ein muslimischer Vater den Handschlag verweigert hat. Sie hat dem Mann daraufhin Sexismus vorgeworfen, er ihr Rassismus. Was würden Sie dieser Lehrerin in Ihrem Workshop sagen?
Die Situation ist auf eine verkehrte Art und Weise symbolisch aufgeladen. Der verweigerte Handschlag kommt bei der Frau als eine Nichtwürdigung an, das muss aber nicht so verstanden werden. Kulturelle Differenz wird hier auf eine unnötige Art und Weise dramatisiert.

Ein interkulturelles Missverständnis, eine falsche Übersetzung?
Hinter einem »kulturellen Missverständnis« verbirgt sich ja meistens mehr. Aus dem Nichthandschlag wird der Vorwurf gemacht: Du bist gegen die Gleichstellung von Mann und Frau, weil du Muslim bist. Das ist mehr als ein Missverständnis, hier ist ein starkes Ressentiment motivgebend.

Im AfD-Wahlprogramm steht, Jungen bräuchten mehr männliche Rollenmodelle und deshalb auch mehr männliche Erzieher und Grundschullehrer. Ist das nicht auch eine feministische Forderung?
Eine feministische Forderung ist, dass Männer in pädagogischen Arbeitsfeldern mehr Verantwortung übernehmen. Also ja, Männer in der Pädagogik sind zu begrüßen. Aber die AfD meint eine klassische Männlichkeit. Schwule Männlichkeiten, Männlichkeiten mit verschiedenen Herkünften oder Transmännlichkeiten kommen nicht vor. Das zielt darauf ab, eine Art überlegene Männlichkeit zu konstruieren. Dagegen muss sich die Pädagogik wehren. Mehr Männer in der Pädagogik muss immer auch mehr Vielfalt bedeuten.

Workshop »Bildung unter dem Zeichen von Flucht, Rassismus und Sexismus« am 8. und 9. November, GEW Berlin. Teilnahme kostenfrei. Anmeldung unter: gew-berlin.de

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