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Brüchige Brücken

Vor 30 Jahren setzte der Vatikan mit dem Weltgebetstag in Assisi ein Zeichen für die Einbindung des Islams in die interreligiöse Debatte. Doch der Dialog bleibt schwierig.

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Einer Taube auf dem Dach ist - folgt man der geläufigen Redensart - der Spatz in der Hand vorzuziehen. Doch das Dach, das die Taube auf obigem Bild erwählt hat, ist keine profane Gebäudeabdeckung. Es befindet sich in der mittelitalienischen Stadt Assisi, Geburtsort des Heiligen Franziskus (1181/82-1226). Das Foto entstand vor fünf Jahren, am 27. Oktober 2011. Papst Benedikt XVI. hatte an diesem Tag Vertreter zahlreicher Religionen in den umbrischen Ort eingeladen, um einen »Welttag des Gebets um Frieden« zu zelebrieren. Ins Leben gerufen worden waren solche Treffen von Johannes Paul II., auf dessen Anregung vor nunmehr 30 Jahren, am 27. Oktober 1986, in Assisi erstmals Geistliche diverser Bekenntnisse zum Friedensgebet zusammenfanden (weitere Assisi-Treffen gab es 1993 und 2002).

Maßgeblich für die Initiative des polnischen Papstes war vor allem das Interesse des Vatikans an einer Einbindung des Islams in die interreligiöse Debatte. Traten doch die Führer dieser monotheistischen Weltreligion immer stärker als politische Akteure und religiöse Konkurrenten in Erscheinung. Assisi sollte ein Ort werden, der bei allem Trennenden das Gemeinsame betont. Insofern ist die Taube ein treffliches Zeichen: Während sie im Christentum den Heiligen Geist symbolisiert, findet sie sich im Koran als Helferin des Propheten Mohammed. Doch Tauben sind keine Himmelsstürmer. Und auch im christlich-islamischen Dialog blieben Höhenflüge bislang aus.

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Als ich im Sommer 1989 Sarajevo besuchte, erschien mir die bosnische Hauptstadt als moderne, interreligiöse Metropole, die trotz zahlreicher Moscheen und allgegenwärtiger Muezzin-Rufe keine »islamische« Stadt sein wollte. Nicht zu verfehlen war damals die Stelle, von der aus 75 Jahre zuvor der bosnisch-serbische Nationalist Gavrilo Princip seine Pistole auf den habsburgischen Thronfolger Franz Ferdinand und dessen Ehefrau Sophie abgefeuert hatte. Zwei in den Gehweg eingelassene Schuhabdrücke erinnerten an die verhängnisvollen Todesschüsse vom 28. Juni 1914, in deren Folge Europas Völker in ein bis dato ungekanntes gegenseitiges Abschlachten getrieben wurden.

Ob die memorierende Markierung auf dem Trottoir noch existiert? Und an altes Leid erinnert? Nach all dem neuen Leid, das erfahren wurde in den Jahren der Zerstörung und Zernichtung, in denen Sarajevo, Bosnien-Herzegowina und der ganze jugoslawische Vielvölkerstaat in einen Abgrund ethnisch-religiösen Hasses geschleudert wurden?

Resultate der südslawischen Sezessionskriege konnte ich zehn Jahre später bei einem Aufenthalt in Mazedonien besichtigen. Das Gemetzel um die »Befriedung« des mehrheitlich albanisch-muslimischen Kosovos, in dessen Ergebnis die NATO das für Serben heilige Territorium aus dem rest-jugoslawischen Staatsverbund herausgebombt hatte, war gerade zu Ende gegangen. In dem inzwischen souveränen Nachbarland Mazedonien hatten mehr als 250 000 Menschen aus Kosovo Zuflucht gefunden. Nun, im Juni 1999, machten sich diese Kosovaren auf den Rückweg in Richtung Heimat und Heim, soweit Letzteres noch existierte ...

Der historische Zufall wollte es, dass sich 1999 zum 900. Mal die Eroberung des islamisch besetzten Jerusalems 1099 durch christliche Kreuzfahrer jährte. Für die »New York Times« Anlass, die Kreuzzüge in eine bizarre Vergleichsreihe zu stellen: mit den Gräueltaten Hitlers und der angeblichen ethnischen Säuberung Kosovos durch serbische Truppen. Im darauffolgenden »Heiligen Jahr« 2000 geriet das Schuldbekenntnis »Mea culpa« von Johannes Paul II. zu einem der größten Medienspektakel der katholischen Kirche. Der polnische Papst bat darin Gott um Vergebung für die Verfehlungen von Christen. Diese hätten oft »das Evangelium verleugnet und der Logik der Gewalt nachgegeben«, hieß es in der vatikanischen Verlautbarung. Die Kreuzzüge wurden nicht ausdrücklich erwähnt, gleichwohl von gutwilligen Interpreten des apostolischen Aktes dort eingeordnet.

Doch die damals aktuell gravierendste Sünde im Register des Vatikans lag nicht 900, sondern gerade mal 9 Jahre zurück: Im Juni 1991 stellte sich der Heilige Stuhl unmissverständlich hinter die Unabhängigkeitserklärung Kroatiens (und Sloweniens) und erkannte die neue Republik dann im Januar 1992 diplomatisch an - kurz nach Deutschland und noch vor der Europäischen Union. Eine Eile, die maßgeblich zum opferreichen Auseinanderbrechen von Titos einstigem Vielvölkerstaat beitragen musste. Dass die vatikanische Außenpolitik dennoch darauf brannte, die riskante Karte auszuspielen, ist historisch und geostrategisch plausibel. Schließlich galt Kroatien der Romkirche stets als verlässlicher südöstlicher Vorposten, der die Fahne des Katholizismus hochhielt und ein Bollwerk gegen den Islam bildete.

Im darauffolgenden Jahr, 1993, traf man sich zum zweiten Mal in Assisi. Von den fatalen Folgen klerikalen Balkan-Kalküls war dort keine Rede. Öffentlichkeitswirksam standen die Gebetsveranstaltungen in der Stadt am Westhang des Monte Subasio erneut im Zeichen der Umsetzung eines zentralen Beschlusses des Zweiten Vatikanischen Konzils: der Erklärung »Nostra Aetate« über die Haltung der katholischen Kirche zu den nichtchristlichen Religionen aus dem Jahr 1965. Zum Islam hieß es darin unter anderem: »Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslime ... Da es jedoch im Lauf der Jahrhunderte zu manchen Zwistigkeiten und Feindschaften zwischen Christen und Muslimen kam, ermahnt die Heilige Synode (das Konzil - I. B.) alle, das Vergangene beiseitezulassen, sich aufrichtig um gegenseitiges Verstehen zu bemühen und gemeinsam einzutreten für Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit für alle Menschen.«

Als die in Rom versammelten Kirchenoberen 1965 mit »Nostra Aetate« christliche Konzilianz kündeten, nahm in der islamischen Welt die religiöse Radikalisierung neue Züge an. Mit der programmatischen Schrift »Zeichen auf dem Weg« (engl. Titel »Milestones«) gab der 1966 hingerichtete ägyptische Publizist Sayyid Qutb der Muslimbruderschaft und anderen extremistischen Gruppen und Strömungen eine philosophisch-theoretische Grundlage, die bis heute prägend für den politischen und militanten Islamismus ist. Sayyid Qutb nannte es »eine Pflicht für die Gemeinschaft der Muslime, jede Macht zu zerstören, die sich dem Aufruf zum Islam in den Weg stellt«.

Der exzellente Kenner und Interpret des Korans hatte gewiss keine Textstellen aus dem Zusammenhang gerissen, wie es unlängst Ägyptens oberster islamischer Rechtsgelehrter, Großmufti Shawki Allam, der Terrororganisation »Islamischer Staat« unterstellte. »Dschihad«, so Allam, bedeute nicht Kampf oder Krieg, sondern vielmehr Bemühungen, Zusammenstehen und die Bekämpfung des »inneren Schweinehunds«. Sayyid Qutb und seine Schriften dürften allerdings für die Umma, die islamische Weltgemeinschaft, weit größere Bedeutung haben als die abwiegelnden Beschwichtigungsversuche des Kairoer Großmuftis.

In den gut 20 Jahren zwischen dem Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-65) und dem ersten Assisi-Treffen wuchsen die Spannungen zwischen der islamischen Welt und dem Westen. Kriege in Nah- und Mittelost, Ölkrise, Revolution in Iran, Terrorakte wie Flugzeugentführungen und Geiselnahmen zogen die politischen Antagonisten immer tiefer in einen Strudel von Gewalt und Gegengewalt, von Dissonanz und Militanz. Es war aber auch eine Zeit, in der die katholische Kirchenführung intensiv bemüht war um konstruktive Koexistenz und Kooperation mit dem Islam (das betraf ebenso andere Glaubensgruppen, vor allem die jüdische Gemeinschaft).

Die Reisen von Paul VI., die erstmals einen Papst in islamisch geprägte Staaten führten, aber besonders von Johannes Paul II. wurden zu Strukturelementen eines Dialoggebäudes, die der Titelung der Päpste als Pontifeces (Pontifex=Brückenbauer) in direkter Weise entsprachen. Ein Bemühen, das angesichts des schwindenden christlichen Einflusses in Europa auch von der Suche nach neuen Allianzen und Inspirationen bestimmt war. Joseph Ratzinger, der als Benedikt XVI. die Romkirche von 2005 bis 2013 führte, hatte bereits als Kurienkardinal die Ansicht vertreten, der »feste Glaube der Muslime an Gott« sei auch »eine positive Herausforderung« für das europäische Christentum. Mit dem Numinos-Spirituellen einher gingen politische Interessen, Machtkalküle.

Beispielhaft dafür war die Weltbevölkerungskonferenz in Kairo 1994. Deren Auftrag: ein erster internationaler Aktionsplan zur Eindämmung des verhängnisvollen Bevölkerungswachstums (ein Thema, das inzwischen von der internationalen Agenda verschwunden ist). Der Vatikan als Staatenvertreter blockierte die UN-Konferenz tagelang mit einer Abtreibungsdebatte. Zugleich suchte er ein Zweckbündnis mit den großen islamischen Nationen Indonesien, Pakistan, Iran und Ägypten, das allerdings scheiterte.

Dass angesichts jahrzehntelanger Dialog- und Friedenspolitik gegenüber der islamischen Welt (erinnert sei an das diplomatische Bemühen von Johannes Paul II. zur Verhinderung des Irakkriegs 2003) ausgerechnet die Worte eines mittelalterlichen Monarchen die schwerste Krise im Verhältnis Vatikan - Islam auslösten, zeigt, wie brüchig die Brücken dieser Beziehung sind. Proteste von Islamführern und christenfeindliche Exzesse muslimischer Massen folgten der Regensburger Vorlesung von Papst Benedikt XVI. im Herbst 2006, in deren Text der byzantinische Kaiser Manuel II. Palaiologos (1350-1425) zitiert worden war: »Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten.«

Der Vorfall bestätigte signifikant eine Analyse, die die vatikanischen Ministerien bereits Anfang der 2000er Jahre erarbeitet hatten: Der Islam versucht, die politische Unterlegenheit, in die er sich durch den »Westen« und dessen Ideen gedrängt sieht, durch religiösen und ideologischen Überschwang zu kompensieren. Heinz-Joachim Fischer, langjähriger Vatikan-Korrespondent der FAZ, verweist auf eine deshalb von der katholischen Kirchenführung ausgegebene diplomatische Devise: »Nie etwas gegen den Islam im Allgemeinen sagen und damit dem Reden von einem Zusammenstoß der Kulturen oder Religionen von Anfang an ausweichen!« Eine Devise, gegen die Ratzinger in Regensburg zumindest indirekt verstoßen hatte. Und an die sich sein seit 2013 amtierender Nachfolger dermaßen akribisch hält, dass bisweilen schon die Frage erlaubt sein muss, wann das Demütige demütigend wird und der unlimitierte Respekt vor dem Anderen den Wert des Eigenen ins Zweifelhafte stellt.

So postulierte Franziskus vor drei Jahren in seinem Apostolischen Schreiben »Evangelii gaudium«: »Der wahre Islam und eine angemessene Interpretation des Korans stehen jeder Gewalt entgegen.« Mag sein, dass der »Stellvertreter Christi« von diesem Diktum wirklich überzeugt ist. (Was wieder einmal Nietzsches Bemerkung belegt, dass Überzeugungen gefährlichere Feinde der Wahrheit sind als Lügen.) Kundige Koran-Ausleger von Qutb bis Khomeini sahen das anders. Von Letzterem stammt beispielsweise der Satz: »Der Islam sagt: Alles Gute, was ist, existiert dank des Schwertes und des Schattens des Schwertes!« Das ebenfalls in »Evangelii gaudium« formulierte »demütige« Ersuchen an die islamischen Länder, doch den Christen Freiheit zu gewähren, hat jedenfalls bislang kein Echo gefunden.

Anlässlich des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit (noch bis 20. November) erklärte Franziskus, dass die Angehörigen verschiedener Religionen Dinge unterschiedlich sehen. Doch gelte für alle, dass sie Gott zwar auf je anderen Wegen suchen, aber im Wesentlichen übereinstimmen, weil sie an die Liebe glauben. Das Bemühen um Harmonisierung der Bekenntnisse birgt allerdings eine Gefahr: Wenn der Papst meint, die Wahrheit sei auch in anderen Religionen zu finden - warum sollte dann die eigene noch verteidigt werden?

Der Islam ist in der heutigen Welt die glaubensstärkste und wirkmächtigste identitätsstiftende Religion. Letzteres Spezifikum ist dem Christentum, zumindest in Europa, weitgehend abhanden gekommen. Dieses Ungleichgewicht könnte sich als fatal erweisen. Denn ein Dialog braucht nicht nur guten Willen, sondern auch (gleich) starke Partner.

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