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Treff der Tresenphilosophen

Die Kreuzberger Kneipe »Zum Goldenen Hahn«

  • Von Sebastian Loschert
  • Lesedauer: 5 Min.

Eine kleine Gruppe von Touristen steht in der Herbstsonne vor der Kneipe »Zum Goldenen Hahn« am Heinrichplatz. Die Touristenführerin zeigt auf ein Transparent, das über die Kneipe und den angrenzenden Buchladen »Müßiggang« gespannt ist und übersetzt der interessiert zuhörenden Gefolgschaft: »Kapitalistisches Schweinesystem - Capitalist pig system«. Sie führt die Gruppe zügig weiter, die Mariannenstraße entlang, durch das wilde Kreuzberg. Zwei aus der Entourage können es sich nicht verkneifen, von dieser rohen Kreuzberger Eckkneipe verstohlen Fotos aus Hüfthöhe zu schießen.

Drinnen wird an diesem Samstagnachmittag schon fröhlich gezecht, geplappert und gescherzt. Ohne Zweifel: Die Stimmung in diesem Schankraum mit seinem Tresen und sechs Tischen ist besonders familiär, leicht fällt man als Laufkunde auf und wird besonders gemustert, leicht findet man aber auch unterhaltsame Gespräche. Alkoholpegel und Altersdurchschnitt sind ungewöhnlich hoch, der Korn und das Fassbier fließen bereits am Nachmittag, dichter Rauch zieht durch die geöffnete Tür nach draußen.

Eine ganz normale Absturzkneipe, die sich ihre Kieznamen »Goldener Schuss« oder »Geisterbahn« redlich verdient hat, könnte man meinen. Wäre da nicht die außergewöhnliche literarische Produktivität, mit der sie auch von sich reden gemacht hat und die ihr den wohlklingenden Namen »Literaturraststätte« einbrachte. Nein, einfach nur ums Saufen geht es hier nicht, auch wenn hier wenig ohne Saufen geht. Johannes Jansen, Thomas Kapielski und Bernd Kramer waren Stammgäste, auch Hermann Jan Ooster oder Peter Wawerzinek haben vor dem berüchtigten und gefürchteten Hahn-Publikum gelesen. Klaus Theuerkauf von der Endart-Galerie stellte einige Zeit hier aus, bis seine Bilder Beine bekamen und er das Weite suchte. Kulturveranstalter Erik Steffen brachte viele Autoren für seine über hundert »text flex«-Lesungen in den Hahn.

Man nehme bloß den Lichteinfall in die Kneipe: Fraglich, ob jemals ein Kneipen-Lichtstreif emphatischer gepriesen wurde als der des »Goldenen Hahns«. Thomas Kapielski beschrieb ihn 2000 in der »Zeit«: »Um halb zwei bedingt die Lage der Wirtschaft, im Falle guten Wetters, Sonneneinfall von links oben, was die Raucher zu frischen Gluten anfacht, weil dadurch zwanzigminütige Andacht über einen im Tabakrauche mächtig dampfenden Sonnenbalken auf uns kommt und die Herzen froh macht.« 2007 gab Erik Steffen zusammen mit dem inzwischen verstorbenen anarchistischen Verleger Bernd Kramer einen ganzen Sammelband mit Innenansichten der Kneipe heraus, schrieb darin von einer »Kathedrale des Lichts« und der Freude, »den mühsamen Weg des Sonnenlichts durch die Perforation der heruntergelassenen Rolläden zu verfolgen, das in der fast völlig verdunkelten, vollgequalmten Kneipe Muster entwirft, die den Ort in Momente absoluter Meditation verwandeln. Die Bewegung ist Rauch und Gespräch oder Stille, eine Langsamkeit, die dem Draußen den Stinkefinger zeigt.«

In jenes Sonnenlicht getaucht, sitzt Erik Steffen gerade am Tresen, ins Gespräch vertieft mit Florian Günther von der Literaturzeitschrift »DreckSack«. Insbesondere Kramer sei es gewesen, der die Stammgäste des »Goldenen Hahns« zum Schreiben motiviert habe, erzählt Erik Steffen später beim Rotwein. Kramer, der irgendwann Anfang der 90er aufgeschlagen sei, war von der Atmosphäre derart begeistert, dass er zusammen mit Kapielski bei der UNESCO medienwirksam beantragte, die Kaschemme auf die Liste Deutscher Denkmäler zu setzen.

In seinen »Tagebuchnotizen eines Tresenphilosophen« schrieb Bernd Kramer überschwänglich: »Hier in dieser Gaststube sind die besten Voraussetzungen gegeben, Gewißheit über die letzten Dinge des Daseins zu erlangen. Ohne Übertreibung ist festzuhalten, nur hier, an diesem Ort des Trinkens und des Nachdenkens, sind die aussichtsreichsten Chancen gegeben, die angeblich verloren gegangene Gottesebenbildlichkeit mit Hilfe fortschreitender flüssiger Nahrungsaufnahme wieder zu erlangen.«

Die Ursprünge des »Goldenen Hahns« liegen weitgehend im Dunkeln. Irgendwann Ende des 19. Jahrhunderts, angeblich 1887, soll die Kneipe aufgemacht haben, 1957 übernahm die Familie Burau das Geschäft, 1987 die Tochter Inge. Offen für zwielichtige Gestalten und Geschäfte war die Spelunke wohl schon lange, mit Inge hinter dem Tresen kamen nun auch Teile der Punk- und Hausbesetzerszene inklusive ihrer Hunde vom Heinrichplatz hinzu. Von 1987 bis 2006, bis der jetzige Wirt Klausdieter die Kneipe übernahm, war sie nur ausnahmsweise abends geöffnet und bot dafür bereits ab mittags Trinkern ein Obdach mit Punkplatten in der Jukebox. Inge, die nicht allzu streng auf ihre Finanzen schauen musste, nahm es mit der Zahlungsmoral ihrer Kundschaft nicht sehr genau, Schnäpse zum Bier gab’s oft genug umsonst und am Ende des Jahres wurden nicht offene Deckel im Hinterhof verbrannt. Für manche Gäste schnürte die mütterlich sorgende Wirtin auch »Junggesellenpakete« mit Kleidung und Lebensmitteln.

Mit der Verwandlung in eine Kneipe, die auch abends inmitten eines Party-Hotspot geöffnet hat, änderten sich in der jüngeren Vergangenheit auch die Erwartungshaltungen des internationalen Publikums. Vor allem abends schwappt das Partyvolk aus den umliegenden Bars auch in den »Hahn«. Literaturlesungen verlören an Bedeutung, erzählt Steffen nicht ohne Bedauern. Dennoch werde ein neues, das schon dritte Buch über den »Goldenen Hahn« und sein Umfeld demnächst erscheinen und am 24. November im FHXB Museum vorgestellt.

Weiterhin ein Highlight im »Hahn« bleiben die Konzerte am Sonntagnachmittag. Mit komplett geschlossenen Rollläden ist die Stimmung ausgelassen im »Schankraum-Uterus« (Kramer), durchs Tür-Oberlicht strömt gerade genug Sonne, um die Hausband »The Golden Cocks« auf der kleinen Tribüne erkennen zu können. Und um auf die Toilette zu gelangen, muss man sich zwischen Kontrabass und Schlagzeug hindurchzwängen. Ausgezeichnet, noch einen Apfelwein bitte!

Zum Goldenen Hahn, Oranienstraße 14a, Kreuzberg, täglich ab 12 Uhr

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