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Der Hund im Bade

Im Februar fiel das Hannah-Arendt-Institut auf eine Wissenschaftssatire herein - nun debattierte ein Workshop diesen Fall

  • Von Velten Schäfer
  • Lesedauer: 5 Min.

Die deutsch- und teils auch englischsprachige Presse hatte seit Winter ihren Spaß mit dem »deutsch-deutschen Schäferhund« und seiner »totalitären Gewaltgeschichte« im »Zeitalter der Extreme«: Es war einfach zu komisch, dass sich das Dresdner Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung (HAIT) und zuvor schon eine soziologische Konferenz über Mensch-Tier-Beziehungen in der DDR einen Nonsensbeitrag als Wissenschaft hatten verkaufen lassen: Es gebe eine züchterische Kontinuität von KZ-Wachhunden über Hunde in sowjetischen Speziallagern bis hin zu denen der DDR-Grenztruppen - und dies sei, warum auch immer, ein vielversprechender Neuzugang zur Geschichte der DDR!

Auch am Rande mancher Fachkonferenz sorgte der »große Mauernazihundeschwindel« (»nd« vom 16. Februar 2016) für Heiterkeit. Vereinzelt wurde diese Wissenschaftsköpenickiade im akademischen Feld auch inhaltlich aufgegriffen. In Hamburg befasste sich ein studentischer Workshop mit dem Thema; das soziologische Institut der Uni Bielefeld warnt Studierende in einem aktuellen Leitfaden zum wissenschaftlichen Arbeiten: »Prüfe jeden Text, den Du liest, ob es sich nicht um einen ›totalitären Schäferhund‹ handelt« - also um Texte, in denen es mehr darum geht, einen »Forschungsansatz zu besitzen« und ein »Vokabular richtig zu beherrschen«, als tatsächlich etwas herauszufinden.

Doch ansonsten ist eine Diskussion darüber, was es über den deutschen Wissenschaftsbetrieb sagt, dass ein derartiger Unfug beklatscht und publiziert werden konnte, ausgeblieben - wiewohl die als »Christiane Schulte« firmierende Autorengruppe ihren Coup mit einer Kritik der gesellschaftswissenschaftlichen Produktion begründet hatte. Hierzu wollte nun am vergangenen Freitag ein vom Arbeitsbereich »Soziale Bewegungen, Technik, Konflikte« am Zentrum »Technik und Gesellschaft« der TU Berlin organisierter Workshop einen Aufschlag wagen.

Hinsichtlich der theoretischen Implikation der Schäferhundgeschichte blieb der Ertrag freilich mager. »Schulte« war es, indem sie die Grenzhunde zu »Widerstandskämpfern« stilisierte, erstens um eine Auseinandersetzung mit den so genannten »Human Animal Studies« (HAS) gegangen: Also mit jener auf der Veganismuswelle surfenden sozialwissenschaftlichen Richtung, die jenseits des »Anthropozentrismus« zu einer Weltsicht gelangen will, die auch so genannte nichtmenschliche Tiere als gesellschaftlich Handelnde versteht. Die HAS wollen, wie jüngst ein Input zu einer Konferenz in Amsterdam formuliert, erforschen, »welche Beziehungen« nichtmenschliche Tiere »zueinander pflegen und welche Arten von Beziehungen sie möglicherweise zu uns haben möchten«. So seien die menschlichen Tiere aufgefordert, zusammen mit den nichtmenschlichen »Konzepte wie Sprache, Politik und Kultur zu überdenken«.

Nun ist es nicht absurd, sich über Tiere in der Geschichte oder über die historisch bewegliche Grenze zwischen »Mensch« und »Tier« sowie über spezifische Überschreitungen derselben Gedanken zu machen: Ist es doch kaum hundert Jahre her, dass Afrikaner in Zoos ausgestellt wurden - und sind doch gerade im deutschen Wissensraum im Anschluss an etwa Konrad Lorenz oder Irenäus Eibl-Eibesfeldt von Tierbeobachtungen inspirierte Gesellschaftsbetrachtungen im Alltagsverstand noch immer virulent. Tierisch enttäuschend blieb in diesem Sinn Winfried Speitkamp von der Uni Kassel, wo die »Geschichte der Mensch-Tier-Beziehungen« bereits institutionalisiert ist: Er beschränkte sich auf den Gemeinplatz, dass sich dieselbe in vielfältiger Weise erforschen lasse; zu den Konzepten einer »Handlungsmacht der Tiere« (»Animal Agency«) und einer »posthumanistischen« Gesellschaftstheorie sagte er nichts.

Und auch in den anderen Beiträgen des Workshops ging es weniger um eine angesichts der Karriere dieser »Subdisziplin« anstehende emanzipatorische Kritik an den HAS. Stattdessen bot der Workshop ein Beispiel dafür, wie man den Schäferhund mit dem Bade ausschüttet: Der Berliner Historiker Sven Schultze holte zu einem traditionalistischen Rundumschlag gegen »anti-realistische Forschungskonzepte« aus, in dem Jean-François Lyotard, Michel Foucault, »die kulturalistische Wende« der Sozialwissenschaften und »die Diskursanalyse« in Bausch und Bogen als »eleganter Unsinn« verklappt wurden - ein Ansatz, der weit offen steht für antiintellektualistische Rhetoriken und mit dem sich etwa auch die Gender Studies delegitimieren ließen. Zwar wurde dies kritisch diskutiert. Doch hätte man mehr Aufmerksamkeit für die Frage erwartet, wo »poststrukturalistische Kritik« endet und »postmodernistische Moden« beginnen, wie es der Dresdner Soziologe Tino Heim in einer Wortmeldung fasste.

Zum zweiten Strang von »Schultes« praktischer Wissenschaftskritik - an jener ideologisierten Totalitarismustheorie, die jeden Unsinn publiziert, solange er Nazireich und DDR verbindet - gab es gleichfalls nicht viel Neues. Einmal mehr war zu konstatieren, dass eine solche, neben dem HAIT vielleicht noch vom »Forschungsverbund SED-Staat« an der FU Berlin verkörperte Geschichtsschreibung in der akademischen Welt zwar als weitgehend erledigt gilt, aber dennoch massiv in das alltägliche Geschichtsbild hineinwirkt - auch, weil die »Zunft« es müde ist, die Debatte immer wieder neu zu führen.

Dass das HAIT einen scheinradikalen Tierrechtlertext publizierte, zeigt für die Jenaer Historikerin Annette Weinke, wie sehr in der DDR-Forschung die »Claims abgesteckt« und die Themen erschöpft seien - Folge der starren Strukturen eines »Geschichtsmanagements«, die diesen Bereich ordneten.

Am lebhaftesten fiel die Diskussion zu dem Punkt der Kritik von »Christiane Schulte« aus, der den anwesenden »Nachwuchswissenschaftlern« am nächsten liegen musste: wie nämlich die von temporären »Projekten« und Drittmittelanträgen regierte Form wissenschaftlicher Praxis auf deren Produkte zurückwirkt. Thematisiert wird nicht primär, was ihnen dringlich scheint, sondern das, wofür es - nicht selten aufgrund außerwissenschaftlicher, gar politischer Konjunkturen - Geld gibt. Zwar lassen sich, so der Tenor, entsprechend formulierte Projektanträge auch großzügig auslegen, doch stellten einige Teilnehmer selbstkritisch fest, dass ihre Arbeiten von der Antragslyrik »kompromittiert« seien.

Wie scharf die Schere schneidet, die dieser »permanente Bewerberstatus« in den Köpfen installiert, wurde dem Zeitungsprotokollanten deutlich, als ihn während und nach der Veranstaltung verschiedene Teilnehmer baten, diesen oder jenen Kommentar nicht zu erwähnen, wolle man doch nicht falsch verstanden werden. Zwar könne, hieß es in der Diskussion, natürlich auch Kritik akademische Ware sein. Doch »achtet man«, wie eine Geschichte lehrende Teilnehmerin sagte, im Zweifel schon darauf, »nicht als zu links zu erscheinen« - man weiß ja nie, wem man auf den Fuß treten könnte.

So ist es nicht erstaunlich, dass »Christiane Schulte« ein Phantom und der Hund in diesem Sinn im Bade bleibt, wiewohl der eine oder andere eine »Ahnung« einräumte, um wen es sich handeln könne. Man wird das frühestens erfahren, wenn oder falls ein Beteiligter eine feste Professur bekommt: Quod erat demonstrandum.

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