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Schwarmintelligenz und Schwarmdummheit

Smarte Worte 13: Wie aus genügend Halbwissen ganzes Wissen werden kann und was spontane, intelligent und effizient handelnde Kollektive alles können

Schwarmintelligenz (auch Weisheit der Massen oder Kollektive Intelligenz) ist ein vielfältig verwendeter Begriff für eine ganze Reihe von Phänomenen. Er wird immer dann herangezogen, wenn man das Verhalten eines Kollektivs beschreiben will, das komplexer ist als das der einzelnen Individuen. Der Begriff Schwarmdummheit beschreibt dasselbe Phänomen, nur mit einem unerwünschten, also dummen komplexen Verhalten als Konsequenz. Oft wird der Begriff aber auch vereinfacht als Quelle für ein kollektiv erarbeitetes Wissen verwendet, zum Beispiel bei der Wikipedia oder spontanen sozialen Bewegungen und Trends in sozialen Medien – immer dann, wenn sich im Internet etwas »verselbständigt«.

Etwas allgemeiner ausgedrückt, beschreibt der Begriff also die Alltagserfahrung, dass Kollektive (oder Gemeinschaften und Gesellschaften) ein Eigenleben zu führen scheinen. Dabei kann das ganz unterschiedlich sein: Bei der Wikipedia wird aus genügend Halbwissen ein ganzes Wissen, spontane »Smart Mobs« können dank technischer Unterstützung wie ein Vogelschwarm um Hindernisse fließen und bestimmte Themen schälen sich im Internet aus dem Alltagsrauschen heraus und nehmen, ohne dass eine einzelne Person das beschlossen hat, feste Formen an. Der Duden beschreibt das hübsch als »Fähigkeit eines Kollektivs zu sinnvoll erscheinendem Verhalten«.

Das immer wieder vorgebrachte Beispiel ist der Ameisenstaat, indem eine Vielzahl kommunikativ miteinander verbundener Ameisen einen komplexen Superorganismus bilden. Dessen Fähigkeiten gehen weit über die der einzelnen Ameisen hinaus. Der Ameisenstaat ist damit »mehr als die Summe seiner einzelnen Ameisen«. Man kann sagen: Aus dem Zusammenspiel der einzelnen Elemente entsteht ein komplexes System mit neuen Eigenschaften, die nicht mehr direkt aus den einzelnen Eigenschaften der Elemente erklärt werden kann. Dieses Phänomen nennt man Emergenz.

Weil Emergenz eine Funktion der zunehmenden Komplexität eines Systems ist und Komplexität mit der Anzahl der möglichen Kombinationen der miteinander verschalteten Individuen wächst, erlebt dieser Begriff im Internet eine Renaissance: Hier sollen technisch vermittelt neue, globale und trotzdem eng verknüpfte Kollektive entstehen, die dieses neue Schwarmwissen zutage treten lassen.

Weil sich solche Gebilde nicht langwierig herausbilden müssen, sondern relativ spontan entstehen können, spricht man auch von Smart Mobs: spontane, intelligent und effizient handelnde Kollektive. So sollten zum Beispiel soziale Bewegungen durch technische Vernetzung neues Handlungspotenzial gewinnen. Howard Rheingold prägte diesen Gedanken in seinem Buch Smart Mobs: The Next Social Revolution (2007, Basic Books): »Bringt man diese verschiedenen technischen, ökonomischen und sozialen Komponenten zusammen, entsteht eine Infrastruktur, die ein bestimmtes, menschliches Handeln ermöglicht, das zuvor nie möglich war. Die ‘Killer-Apps’ der zukünftigen mobilen Infocom-Branche werden nicht Hardware oder Software sein, sondern soziale Praktiken.«

Oft berücksichtigen solche Theorien aber nicht die Anfälligkeit der technischen Unterstruktur für Manipulation und Überwachung. In dem Maße, in dem sich soziale Bewegungen technisch organisieren, machen sie sich abhängig von deren Integrität – die kaum überprüfbar und gewährleistbar ist. Zumal »Effizienz« und »intelligentes Handeln« eben kein zwangsläufiges Ergebnis von Schwarm-Organisationen ist – sie können genau so gut schädliches oder dummes Verhalten hervorbringen und stabilisieren.

Das wohl interessanteste Potenzial des Begriffs Schwarmintelligenz ist seine Nützlichkeit als Analyse-Brille, um vernetzte Strukturen zu kritisieren, wie sie auch im kybernetischen Staat oder Smart Citys forciert werden. In einer ausreichend komplexen Struktur treten unvorhergesehene, emergente Phänomene auf, die konkrete Auswirkungen für alle Personen in und außerhalb dieser Struktur haben.

Ob diese Phänomene erwünscht sind oder nicht, ist eine politische Entscheidung. Wie sie verstärkt oder abgeschwächt werden können, bedarf aber idealiter ein Wissen über das gesamte Netzwerk und darüber hinaus. Wer in so einer vernetzten Situation das größte Wissen über die Struktur besitzt, hat das größte Potenzial sie gezielt zu beeinflussen. Den anderen bleibt vor allem eine Sabotage der Infrastruktur oder ein Verweigerungshandeln, um Netzwerkanalysen zu erschweren oder einfacher zu handhabende Strukturen zu erzwingen. Denn ein Schwarm kann ein interessantes Eigenleben entwickeln, aber er ist auch als Ganzes empfänglich für äußere Einflüsse, auch wenn es die einzelnen Mitglieder nicht wollen oder besser wissen. Und wer ist eigentlich verantwortlich für ein emergentes Phänomen – der Schwarm? (fk)

Zum Weiterlesen

Deutschlandfunk: Weniger dumm im Kollektiv
Matthias Reuter über Schwarmintelligenz (Video)
Howard Rheingold: Smart Mobs

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