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»Wir Kubaner waren immer offen«

Yailin Orta Rivera über Journalismus auf der Karibikinsel, neue Herausforderungen und finanzstarke Konkurrenz

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Kuba und die USA verhandeln seit zwei Jahren eine Normalisierung der Beziehungen, bis Ende des Jahres will die Regierung Ihres Landes zudem ein Kooperationsabkommen mit der EU unterzeichnen. Welche Auswirkungen haben diese Prozesse auf die Medien in Kuba?
Diese Annäherung an die USA ist ein laufender Prozess, dem über ein halbes Jahrhundert feindseliger Politik gegen Kuba vorausgegangen ist. Der Konflikt mit den USA hat in Kuba zudem mehr als 3000 Todesopfer gefordert. Die Medien müssen all dies in seiner Komplexität darstellen.

Das gilt ja auch für die Seite der USA.
Sicher. Vor wenigen Tagen hat die US-Regierung eine neue Kuba-Direktive vorgestellt und öffentlich gemacht. Das wurde von einer wahren PR-Kampagne begleitet. Dabei hat sich die Politik im Grunde nicht verändert, die politischen Ziele seitens der USA sind ja gleich geblieben. Wir erleben also einen Prozess der Normalisierung der Beziehungen, der sich trotz dieser Anomalien und Widersprüche entwickelt.

Was bedeutet das für ein Medium wie »Juventud Rebelde«?
Wir müssen eine kritische Haltung bewahren. Wir haben in der Redaktion die jüngste Kuba-Direktive von USA-Präsident Barack Obama genau ins Visier genommen und analysiert, was dieses Dokument für Kuba bedeuten wird.

Mit der Normalisierung der Beziehungen sind auch die Reisen erleichtert worden. Viele Kubaner leben in Kuba, aber ebenso in den USA oder Europa. Hat das ihr Verhältnis zu den kubanischen Medien verändert, neue Erwartungen und Forderungen geweckt?
Das denke ich nicht, weil das kubanische Volk ja nie isoliert war, wir haben nie unter einer Glasglocke gelebt. Auch wenn gerade das die Absicht der USA mit ihrer Blockade war, mit der sie die Kontakte Kubas mit anderen Ländern unterbinden wollten. Dieses Bild eines isolierten sozialistischen Staates ist, glaube ich, eine Folge der Manipulation. Tatsächlich waren wir Kubaner immer offen - und vergessen Sie nicht das allgemein hohe Bildungsniveau. Deswegen sehe ich keine Gefahr darin, dass Kubanerinnen und Kubaner ins Ausland reisen und mit neuen Erfahrungen zurückkehren.

Der kubanische Staat hat in der Medienpolitik immer noch die Oberhand?
Ja, ich denke schon. Zeitungen wie die »Granma« oder »Juventud Rebelde« sind nach wie vor wichtig. Aber es gibt auch große Herausforderungen: Wir müssen unsere Arbeitsmittel modernisieren und Antworten auf neue Konkurrenz finden, die entsteht. Wir müssen kreativer sein und die besseren Antworten geben.

In Europa ist in diesem Zusammenhang immer wieder vom Internet in Kuba die Rede. Welche Rolle spielt das Internet denn bei der Informationsverbreitung?
Ich weiß, dass dieses Thema immer wieder gegen Kuba benutzt wurde. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass auch das Internet Opfer der US-Blockade war. Der kubanische Staat hat immer versucht, die Verbreitung der knappen Internetressourcen demokratisch zu gestalten ...

... und Prioritäten zu setzen. Journalisten, Ärzte oder Forscher wurden bevorzugt.
Das hat eine Logik. Weil der Staat so garantiert hat, dass diejenigen zuerst Internet haben, die dieses Medium am ehesten für ihre Arbeit brauchen.

Aber wer gilt als Journalist in Kuba und sichert sich damit einen bevorzugten Zugang zum Internet?
So wie in anderen Berufen, bei Anwälten etwa, ist das durch die universitäre Ausbildung geregelt. Das Journalismusstudium dauert fünf Jahre.

Die sogenannten unabhängigen Journalisten, die regierungskritisch berichten, gehören also nicht zu dieser Berufsgruppe?
Nein, in der Tat nicht, denn diese Leute haben sich für ihre Arbeit anheuern lassen und werden aus dem Ausland für ihre antikubanische Propaganda bezahlt. Sie sind Teil einer US-Strategie, die auch die andauernden Propagandasendungen von Radio Martí und TV Martí umfassen. Wir halten diese Propagandasendungen nicht nur für illegal, es ist für uns auch schwer erträglich, dass dafür der Name von José Martí missbraucht wird.

Unlängst gab es in Kuba einen Konflikt um das Internetportal Periodismo de Barrio (Journalismus aus dem Stadtteil). Ein Team ist nach dem Hurrikan Matthew nach Baracoa gereist und wurde dort festgenommen. Was ist da geschehen?
Projekte wie Periodismo de Barrio gibt es inzwischen einige. Meiner Meinung nach sind diese privaten Initiativen Teil einer neuen Medienstrategie, die einen Keil zwischen die Journalisten treiben soll.

Aber was war hier zunächst das Problem, warum die Festnahmen?
Sie hatten Geld gesammelt, um nach Baracoa im Osten des Landes zu fahren und über die Hurrikanschäden zu berichten. Den ersten Skandal gab es, weil sie aus dem Katastrophengebiet ein Foto posteten, auf dem sie sichtlich ausgelassen dem Umstand feiern, dass sie eine Verbindung zum US-Internet der US-Basis in Guantánamo hergestellt haben - während um sie herum Chaos und Verzweiflung herrschte. Das ist nicht nur vielen Kollegen übel aufgestoßen. Vor allem aber war das Problem, dass der Zivilschutz nach wie vor Katastrophenalarm gegeben hatte und das Gebiet gesperrt war. Sie hatten schlichtweg keine Erlaubnis des Zivilschutzes. Dieser ganze Skandal wurde zudem nur wenige Tage provoziert, bevor die kubanische Delegation mit den US-Unterhändlern zusammengekommen ist, um über das Thema Menschenrechte zu reden.

Inwiefern ist die Finanzierung solcher Medienprojekte aus dem Ausland ein Problem?
Zunächst ist auffällig, dass die Redaktion von Periodismo de Barrio Gelder über den Onlinebezahldienst Paypal sammelt, zugleich aber weltweit Konten von Paypal gesperrt werden, wenn jemand nach Kuba spendet oder kubanische Produkte verkauft. Es gab ja auch in Deutschland einige solcher Fälle. Für mich zeigt das, dass es hier von den USA aus eine besondere Behandlung gibt. Offenbar sollen solche neuen Medienprojekte gefördert werden und nicht mehr die tumbe Variante der sogenannten unabhängigen Journalisten. Diese neuen Projekte gehen intelligenter vor, sie sind nicht so offensichtlich politisch motiviert, sie sind im Ausland gut vernetzt und haben eine Menge Geld - mitunter schon jetzt viel mehr als unsere staatlichen Redaktionen. Schon jetzt verlieren staatliche Medien junge Kolleginnen und Kollegen, weil neue, private Medien mehr Geld haben. Das ist eine gefährliche Schieflage.

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