Virtuelle Realität im Biologieunterricht

Testphase an zwei Berliner Schulen gestartet

  • Von Ellen Wesemüller
  • Lesedauer: 2 Min.

Das Archenhold-Gymnasium in Niederschöneweide und die Evangelische Schule in Mitte bekamen am Dienstag ungewöhnliches Unterrichtsmaterial geliefert: Neben dem Schulbuch sind nun auch Tablets und Virtuelle-Realitäts-Brillen (VR-Brillen) in den kommenden fünf Wochen Teil der Biologiestunde. Die Klassen 7 bis 9 sollen testen, ob sich die digitalen Hilfsmittel fürs Lernen eignen. Nach erfolgreicher Pilotphase wollen die Initiatoren dafür werben, dass diese Methode in die Lehrpläne aufgenommen wird.

Das bundesweite Projekt stellte die prototypische Unterrichtseinheit samt Geräten am Dienstag vor. Steffen Ganders von Samsung sagte: »Die virtuelle Realität ermöglicht uns, digital Dinge sichtbar werden zu lassen, die man so nicht sehen kann.« Der Gewinner des Ideenwettbewerbs, an dem auch Lehrer und Schüler teilnahmen, ist die Unterrichtseinheit »Verdauung«. Susanne Rupp vom Cornelsen Verlag sagte, das Thema sei »für 13-Jährige nicht wirklich interessant«. Die VR-Brille solle zur Veranschaulichung beitragen und das Unterrichtsmaterial erfahrbar machen. Auf der Präsentationsleinwand steht: »emotionales Lernen durch Immersion (Eintauchen).«

Die Schüler müssen sich in Paaren zusammentun, eine Person bekommt die Brille, eine das Tablet. Dass hier Streit vorprogrammiert ist, scheinen die Macher vorauszuahnen: »Die Lehrer können den Prozess auch zweimal machen und die Geräte tauschen«, sagte Rupp. Durch die Brille entsteht der Eindruck, man befände sich direkt auf der Zunge. Hereingeschoben wird ein Sandwich, im Kauprozess schwankt man scheinbar mit. Auf dem Tablet taucht eine Frage auf, die vorgelesen werden muss. Welches Enzym kommt schon im Mund zum Einsatz? »Amylase«, sagt Peter Brix, ein Veterinärmediziner, der sich die Präsentation anschaut. »Das sagt mir aber nicht die virtuelle Realität, das muss ich wissen.« Nach richtiger Antwort dreht man sich mitsamt der Brille Richtung Rachen.

Die Frage, ob der Lernerfolg durch die virtuelle Realität nachhaltiger sei, können die Macher nicht beantworten. »Die Didaktik steckt da noch in den Kinderschuhen«, sagt Ganders. Weltweit gebe es dazu keine Studie. Eric Benz von der Agentur Headtrip sagt, man wisse, dass Erlebnisse mit der VR-Brille im Gehirn als Erfahrungen abgespeichert und mit Emotionen verbunden werden. Die Hoffnung sei, dass Informationen so nachhaltiger abrufbar seien, als wenn sie gelesen werden. Wie viel ein solches Set die Schulen kosten würde, wollten die Initiatoren nicht beantworten. In Zukunft könne man sich vorstellen, dass einzelne Schulen Lizenzen erwerben, sagte Rupp. Und Ganders versicherte: »Da steht kein Geschäftsmodell dahinter.«

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