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Der dunkle Punkt

Wolfgang Schreyer: »Zu guter Letzt«

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 3 Min.

Es gehört Mut zu so einem Buchtitel: »Zu guter Letzt«. Wie viel Kraft braucht solch ein Unterfangen, das »Wagnis eines Endbuchs« einzugehen, wo wir doch alle zeitlebens nichts unversucht lassen, das »Ende« irgendwohin ins fast nicht Glaubhafte zu verbannen. Wir wenden den Blick ab, wenn wir uns ihm nähern, und sind bedrückt, wenn es uns nicht gelingt. Es ist eine Lebensleistung, die Wolfgang Schreyer uns da vorführt: ruhig mit bewundernswürdiger Aufrichtigkeit, Bilanz zu ziehen - aber das nicht im Ton der Klage, den wir wohl verstehen müssten, sondern »mit leisem Anhauch von Ironie, die mir oft geholfen hat«.

Weisheit - die kann er sich zugutehalten ebenso wie ein klares, oft mitreißendes Schreiben. Sechs Millionen verkaufter Bücher, 40 Neuerscheinungen in 60 Jahren - nicht viele machen ihm das nach. Dem BS Verlag Rostock sei Dank, dass er dem Band ein gefaltetes Farbdruckpapier einfügen ließ, auf dem man alle Buchtitel noch einmal sehen kann.

Vielleicht wurmte es Wolfgang Schreyer manchmal, dass er, in die Unterhaltungssparte eingeordnet, von der Literaturkritik weniger Aufmerksamkeit erhielt als von seinen Lesern. Doch das Titelbild zeigt den Schriftsteller freundlich lächelnd, verschmitzt. Ist er nicht ebenso wie der gleichaltrige Harry Thürk einst mit Heinz G. Konsalik verglichen worden, nur dass jener eben aus dem Westen kam? »Im Buchgeschäft siegt die Massenware«, konstatiert er, was aber nicht heißt, dass er heute zu den Siegern gehört.

Köstlich, gelungen die Erzählung »Mathilda«. Er hatte sie ja auch zwecks Abdruck ans »nd« geschickt, doch scheute ich zurück vor dem durchsichtigen Hinweis auf die Verlagsgruppe »Harlekin«, die ihre Autoren um Honorare prellt. Ich wusste es aus eigener Erfahrung und sah mich doch an Rücksicht gebunden. Schere im Kopf? Darum geht es mehrfach im Buch, essayistisch wie literarisch. Die Erzählung »Brot und Spiele«, die wohl von Schreyers Schwierigkeiten mit der Literaturzeitschrift »Risse« handelt (hier »Klüfte« genannt), bricht ab, als noch Spannendes zu erwarten wäre. Willy Klüger, hinter dem sich der Autor verbirgt, soll eine Sentenz seines Essays abmildern und weigert sich. Doch auch sein »Zensor« Professor Richter ist in schwieriger Lage. Blick auf die Gegenseite: Das hilft, um sich nicht in Verbitterung zu vergraben.

Aber: »Was hatte er denn selbst geleistet, wo einfach nur Glück gehabt? Und war es nicht töricht, sich zu fragen, was schließlich blieb, wie man von ihm wohl denken werde später? Aus einem Winkel seiner Gedankenwelt stieg ein Wort des greisen Theodor Fontane: ›Immer enger, leise, leise, ziehen sich die Lebenskreise. Schwindet hin, was prahlt und prunkt. Schwindet hassen, hoffen, lieben; und ist nichts in Sicht geblieben als der letzte dunkle Punkt.‹«

Der dunkle Punkt - es lässt sich nicht wegreden: Das Bewusstsein von Lebensleistung ist nur ein schwacher Trost.

Wolfgang Schreyer: Zu guter Letzt. Erinnerungen, Erzählungen und Essays. BS Verlag. 128 S., geb., 12 €.

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