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Mehr als Giraffen, Armut und Krieg

Bildungsinstitut fordert verpflichtende Lehrerfortbildung zu Kolonialrassismus

Das Bündnis Schulstreik sagt: »Rassismus ist, wenn im Unterricht ganze Kontinente wie Afrika als rückschrittlich und unzivilisiert über einen Kamm geschoren werden.« Wie wirkt Rassismus in der Schule?

Apraku: Koloniale Begriffe werden verwendet: das typische ›Häuptling‹, ›Stamm‹, ›Indianer‹. Es wird nicht reflektiert, dass das keine Selbstbezeichnungen sind. Insgesamt werden wenig Selbstbezeichnungen Schwarzer Menschen verwendet. Schule ist auch vom Antidiskriminierungsgesetz ausgeschlossen: Es wird nicht geahndet, wenn rassistische Diskriminierung im Schulalltag stattfindet.

Sie nennen das in Ihren Workshops auch ›Kolonialrassismus‹. Was hat das mit Kolonialismus zu tun?

Apraku: Uns ist wichtig, das historische Gewordensein von Rassismus deutlich zu machen. Rassismus kommt nicht einfach gerade so vor, sondern hat eine Geschichte. Unsere Fortbildungsreihe bezieht sich auf den deutschen Kolonialismus auf dem afrikanischen Kontinent. Das heißt, wir reden von einer spezifischen Form von Rassismus: den gegen Schwarze Menschen. Die Vorstellung davon, dass es vermeintlich ›Menschenrassen‹ gibt, basiert auf dieser Zeit und diente als Legitimation.

Sie leiten den Workshop als eine weiße und eine Schwarze Person. Warum ist das wichtig?

Apraku: Rassismus hat mit uns allen zu tun. Natürlich hat er für mich als Schwarze Deutsche einen anderen Stellenwert in meiner Erfahrungsrealität. Verantwortlichkeit für das Thema haben wir alle. Wir haben aber unterschiedliche Rollen. Wenn wir mit einer Gruppe Schwarzer Personen arbeiten, ist Empowerment, also Bestärkung, Teil meiner Rolle, wohingegen meine Kollegin sich mit typischer weißer Abwehr beschäftigt. Das muss ich dann nicht übernehmen.

Bönkost: Für weiße Personen dauert der Lernprozess länger, das kann dann auch auf Kosten von People of Color und Schwarzen Teilnehmenden gehen.

Was ist die Motivation weißer Lehrer, zu Ihren Workshops zu kommen?

Bönkost: Die weißen Lehrenden, die zu uns kommen, haben eine gewisse Grundsensibilisierung. Sie kommen mit den typischen Bitten um Rezepte, um Handlungsanweisungen. Da bremsen wir sie aus, denn es ist ein lebenslanger Lernprozess, bei dem sie sich immer wieder reflektieren und die eigene Handlung hinterfragen müssen. Das dämpft natürlich die Erwartungen der weißen Teilnehmenden.

Apraku: Es gibt eben kein rassismusfreies Material, alles ist in irgendeiner Form verstrickt.

Kann es sein, dass es für eine weiße Lehrerin keinen guten Weg gibt, das Thema Kolonialismus zu behandeln, wenn Schwarze Kinder in der Klasse sind?

Apraku: Ich glaube, ein positives Gefühl für Schwarze Kinder hervorzurufen, geht als weiße Person nur bedingt. Die Realität ist aber, dass es vor allem weiße Lehrende gibt. Einige von denen kommen zu uns, sind total isoliert und wollen wissen, wie sie das Thema rassismuskritisch behandeln können. Diese individuelle Ebene können wir in unseren Fort- und Weiterbildungen beeinflussen.

Es soll ein lebenslanger Lernprozess sein, aber haben Sie trotzdem ein Beispiel für eine bessere Unterrichtsgestaltung?

Apraku: In einem Projekt habe ich die Schüler einer vierten Klasse aufgefordert, in Stillarbeit aufzuschreiben, was ihnen zu Afrika einfällt: das waren natürlich Giraffen, Armut und Krieg. Dann habe ich ihnen Bilder gezeigt: von einem Markt in Addis Abeba, von den Lichtern Nairobis bei Nacht, vom Hafen von Luanda, der aussieht wie ein Urlaubsziel. Ich habe gefragt: Was glaubt ihr, wo ist das? Dann sollten sie darüber diskutieren. Eine Schülerin sagte: »Wenn wir den Fernseher anmachen, sehen wir Armut und Krieg. Oder wir sehen Entwicklungshilfeplakate mit armen Schwarzen Menschen drauf.«

Die zukünftige rot-rot-grüne Koalition hat sich gerade darauf geeinigt, die deutsche Kolonialzeit stärker zu beleuchten und auch zivilgesellschaftliche Projekte und Bildungsarbeit zu unterstützen. Was wünschen Sie sich konkret?

Apraku: Nicht nur Rassismuskritik, Diskriminierungskritik muss verpflichtender Teil der Lehrenden-Ausbildung werden. Junge Menschen müssen in der Schule vor Diskriminierung geschützt werden. Es darf nicht sein, dass eine verbeamtete Person rassistische Fremdbezeichnungen verwendet, ohne, dass das geahndet wird. Unterrichtsmaterialien müssen verändert werden. Das hilft aber nur, wenn Lehrende sich reflektieren.

Bönkost: Wir brauchen auch eine strukturelle Förderung, um das Angebot, das wir machen, nachhaltig abzusichern. Unsere Projektförderung läuft mit Jahresende aus. Langfristiges Lernen bedeutet langfristige Räume zum Lernen. In den Schulen fehlt der Raum für Reflexion. Wir fordern ein verpflichtendes Fort- und Weiterbildungsangebot für Lehrende zu dem Thema.

Sie bieten auch postkoloniale Spaziergänge an. Was kann man über den Umgang mit deutschem Kolonialismus in Berlin lernen?

Apraku: Das sogenannte ›Afrikanische Viertel‹ ist ein Ort, in dem der deutsche Kolonialismus positiv erinnert wird, denn die Straßennamen sind nicht kritisch kommentiert. Gegenwärtig werden dort immer noch Kolonialisten geehrt. Einer davon ist Karl Peters, der während der NS-Zeit als Vordenker rassistischer Ideologie geehrt wurde. Die Petersallee ist zwar 1986 umgewidmet worden, ein anderer Peters wurde herangezogen, dem die Straße jetzt gewidmet ist. Das ist im Kontext dieses Viertels jedoch hinfällig. In Bezug auf mögliche Umbenennungen wurden aus meiner Sicht Leute zu Rate gezogen, die von Rassismus nicht negativ betroffen sind und die sich dazu einfach nicht äußern sollten.

Fortbildungen am 4.11, 18.11, 02.12, 14-18 Uhr, Schillerstraße 59, 10 Euro, Anmeldung: projekt@diskriminierungsfreie-bildung.de

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