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Utopie - Aufbruch und Abbruch

Ideale und Wirklichkeiten in der russischen Revolution von 1917. Von Thomas Möbius

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Es gibt eine Erzählung von Karl Schmückle aus dem Jahr 1935 mit dem Titel »Geschichte vom Goldenen Buch. Eine utopische Reportage«. Darin schildert er, wie Thomas Morus im Jahr 1935 die Sowjetunion besucht und lässt ihn resümieren: »Als ich das Buch über die Insel Utopia und ihre harmonischen Einrichtungen schrieb, erzählte ich gleichsam einen künstlichen Traum und war voll Traurigkeit in meinem Herzen, wenn ich nachdachte, ob er denn zu verwirklichen wäre. Als ich aber in Euer Land kam, da sah ich bald, dass Ihr nicht nur mit unsterblicher Kühnheit Utopia, das Land, das nirgends ist, zur Realität, zu einem einfachen Bestandteil der Geographie gemacht, sondern die meisten meiner Ideen in der Ausführung verbessert und übertroffen habt.« Schmückle macht für die »Utopia« als Vorbild nur eine Einschränkung. Morus habe die »Einführung der besten Verfassung eines Gemeinwesen« von der »Weisheit und Güte eines Fürsten erwartet«, an die »revolutionäre Kraft des arbeitenden Volkes« habe er nicht gedacht. Das sei der historische Irrtum der Utopie, der durch ihre Verwirklichung im Sozialismus überwunden wurde.

Die Sowjetunion als Utopia - das war ein weit verbreitetes Bild in jener Zeit. Es gibt eine Reihe von Reiseberichten aus den 1920er und 1930er Jahren, die die Sowjetunion als Ort zeigen, an dem die Utopie Wirklichkeit wird, aber auch andere, die Klage erheben, die Utopien der Revolution seien nicht verwirklicht.

Die Revolution 1917 galt als Aufbruch in die Utopie. Sie setzte in einem bis dahin unvorstellbaren Maße utopische Ideen und Energien frei. Ein schier »grenzenloser und unterdrückter Vorrat an Ideen und Sehnsüchten« drängte mit ihr, wie es der Historiker Karl Schlögel beschrieb, an die Oberfläche: »In gewisser Weise explodierte in der Russischen Revolution die ganze Phantasiewelt des 19. Jahrhunderts: Technikphantasien, Gerechtigkeitsphantasien, urbane und anti-urbane Visionen, Maschinenfetischismus und Maschinenstürmerei, rationalistische Träume und bürokratische Regulierungsphantasien.« Dazu kamen Vorstellungen von einem neuen Menschen und der Überwindung der Natur und des Todes. »In den Brüchen und Turbulenzen der Revolution trafen die verschiedenen Ströme und Rinnsale sozialer und kultureller Phantasie aufeinander, verbanden oder paralysierten sich. (…) Fast alles schien möglich in jenem kurzen historischen Moment.«

Es war nicht die eine - kommunistische - Utopie, an deren Umsetzung man 1917 ging. Es war eine Vielzahl von utopischen Entwürfen, die aufeinander trafen. Und es waren keineswegs nur sozialistische Ideen. Im Namen des Sozialismus kamen die verschiedensten Gruppen mit ihren Zukunftsvorstellungen zusammen. Man kann für die Zeit von einer Art »utopischen Feld« sprechen, in dem die vielfältigen Utopien und die Politik um Deutungsmacht über die Gestaltung der Zukunft konkurrierten. Das Spektrum der »utopischen Akteure« reichte von den politischen Gruppen wie den Bolschewiki, Anarchisten und Agrarsozialisten über die Avantgarde mit ihrem Anspruch, die Kunst ins Leben und das Leben in die Kunst zu überführen, bis hin zu Pädagogen, die mit einer freien Erziehung einen neuen Menschen schaffen wollten.

Zum Teil verbündeten sie sich. So stellte sich etwa die Avantgarde auf die Seite der Oktoberrevolution. Wsewolod Meyerhold verkündete den »Theateroktober« und forderte vom Theater das Bekenntnis zur Revolution: »Die Schauspieler müssen mit dabei sein, den neuen Aufbau der Gesellschaft zu bewerkstelligen, das neue Leben zu organisieren.« Wladimir Majakowski sprach von den Futuristen als »Kunstarmee« der Sowjetmacht. Doch die Divergenzen traten rasch zutage. Kasimir Malewitsch z. B. kritisierte die Bolschewiki und ihre Politik, dass sie die Revolution nicht radikal genug denken: Sie würden den Sozialismus zu einem »Futtertrog-Sozialismus« verkürzen.

So breit wie das Spektrum der Akteure war das der utopischen Ideen: Entwürfe einer sozialistischen Lebensweise, Kommunehäuser, fliegende Städte, Schulkommunen und Kinderstädte. In die Neuschöpfung der Gesellschaft wurde das Leben als Ganzes hineingezogen: vom radikalen Umbau der politischen, sozialen und ökonomischen Verhältnisse über ein neues Alltagsdesign bis hin zur »Reorganisation des Menschen« (ein Titel von Abram Golzman). Mit einem Kommunismus im Sinne von Marx hatte all das teils wenig zu tun.

Was der Utopie dabei eine neue Dimension gab, war zum einen die Radikalität der Ideen. Für die Avantgarde war der Umbau der materiellen Verhältnisse nur der erste Schritt für eine viel weiter reichende kulturelle Emanzipation des Menschen. Selbst seitens der Politik dachte man so ausgreifend. Leo Trotzki sagte in »Literatur und Revolution« (1924) für den Sozialismus einen neuen Menschen voraus, der sich sowohl geistig als auch körperlich vervollkommnen werde: »Der Mensch wird unvergleichlich viel stärker, klüger und feiner; sein Körper wird harmonischer, seine Bewegungen werden rhythmischer und seine Stimme wird musikalischer werden. Die Formen des Alltagslebens werden dynamische Theatralität annehmen. Der durchschnittliche Menschentyp wird sich bis zum Niveau des Aristoteles, Goethe und Marx erheben. Und über dieser Gebirgskette werden neue Gipfel aufragen.«

Das zweite war die Überzeugung, die Utopien für eine ganze Gesellschaft verwirklichen zu können, nicht nur als Aussteigerinseln für einzelne Gruppen. Die utopischen Entwürfe waren keine Gedankenexperimente, sondern Programm für die Wirklichkeit. Man sah die Utopie in greifbare Nähe gerückt. Alles schien machbar, im Hier und Jetzt erreichbar.

Im Verhältnis von Utopie und Politik lassen sich in Russland nach 1917 verschiedene Phasen ausmachen. Die erste Phase bildeten die Jahre der Revolution und des sogenannten Kriegskommunismus. Es war eine Zeit der Anarchie für die Utopie. Mit dem Zerfall der Autokratie entstand ein gesellschaftliches Machtvakuum. Die Verhältnisse wurden gleichsam flüssig. Das Möglichkeitsdenken ging gewissermaßen in ein Möglichwerden über. Inmitten von Bürgerkrieg und größter Not ging man daran, die verrücktesten Utopien zu leben: anarchistische Agrarkommunen, Schulkommunen der freien Erziehung, auch Alexander Bogdanows Proletkult-Bewegung ist dazu zu zählen.

Zum anderen lässt sich nach der Machtergreifung der Bolschewiki eine utopische Durchdringung der Politik beobachten. Diese wird gemeinhin mit dem Begriff des Kriegskommunismus verbunden. Sie war bestimmt von der Erwartung, unmittelbar den Kommunismus aufzubauen. Man sah die Formen der öffentlichen Versorgung als erste Schritte zu einer kollektiven Lebensweise, als Teil der kulturevolutionären Umgestaltung des Alltags; so Nikolai Bucharin und Jewgeni Preobrashenski in ihrer »populären Erläuterung« des Parteiprogramms, »Das ABC des Kommunismus« von 1919.

Es ist eine heftig umstrittene Frage: Lag dem Kriegskommunismus ein utopisches Konzept zugrunde? Oder war er lediglich eine Versorgungsdiktatur, die aus den Notmaßnahmen des Bürgerkrieges erwuchs? Die Antwort hängt sicher auch vom Blick auf die Revolution ab: Betont man den utopischen Anspruch oder die Gewalt? Schlögel brachte das Sowohl-als-Auch auf die Formel von »Utopie als Notstandsdenken«. Es war eine Verschränkung von utopischem Anspruch und historischem Zwang, bei der das eine das andere bedingte.

Die Einführung der Neuen Ökonomischen Politik 1921 brachte die erste Zäsur für die Utopien: Mit ihr wurde die Utopisierung der Politik, wie sie für die Zeit des Kriegskommunismus zu sehen war, zurückgenommen. Gegen die Haltung, die Utopie unmittelbar als politisches Programm zu nehmen, erfolgte mit der NÖP eine Anpassung der Politik an die faktischen Möglichkeiten. Das kriegskommunistische Versorgungssystem wurde abgeschafft, privater Handel und private Unternehmen wieder zugelassen, die Bestrebungen im Sozial- und Bildungsbereich, die von der unmittelbaren Erwartung des Kommunismus bestimmt waren, wurden jetzt als linksradikale Übertreibungen kritisiert. Viele, insbesondere die Linksbolschewiki, empfanden die NÖP daher als Verrat an den utopischen Idealen der Revolution, als Schritt zurück.

Mit den ersten beiden Fünfjahrplänen ab Ende der 1920er Jahre kam es zu einem neuen politischen Aufschwung der Utopie. Jedoch mit einer charakteristischen Verschiebung: Die Utopie wurde auf die Industrialisierungspolitik ausgerichtet. Die radikalen emanzipativen Ansätze wurden abgeknipst. Das Unbändige, die anarchistischen und karnevalesken Momente, die die utopischen Entwürfe der Revolutionszeit geprägt hatten, verschwanden endgültig. Die Fünfjahrpläne bedeuteten die Disziplinierung der Utopie. An die Stelle von Aufklärung und Emanzipation trat die Festigung und Repräsentation der Macht. In der Familienpolitik äußerte sich das u. a. in der Rückkehr zur patriarchalen Kleinfamilie. Ebenso geriet bekanntlich die Avantgarde mit ihren utopischen Ansätzen einer neuen Kunst, einer neuen Lebensweise, eines neuen Menschen zunehmend unter Druck.

Dieses sich Verflüchtigen der Utopien wurde von außen aufmerksam registriert. Wilhelm Reich etwa, der in den 1930ern die Sowjetunion besuchte, beschrieb den Umschlag in der Familien- und Bildungspolitik als Verrat der emanzipativen Ansätze und Rückkehr zur autoritären Erziehung. Ebenso konstatierten Walter Benjamin und Joseph Roth bei ihren Besuchen 1926/1927 in der Sowjetunion das Verdrängen der Avantgarde und das Erlöschen der Revolution. Roth bemerkte: »Wenn ich ein Buch über Rußland schreiben würde, so müsste es die erloschene Revolution darstellen, einen Brand, der ausglüht, glimmende Überreste und sehr viel Feuerwehr.«

Man kann diese Entwicklung auch als Okkupation der Utopie durch die Politik beschreiben: Stand am Anfang die Utopisierung der Politik, erfolgte nunmehr die Politisierung der Utopie. Es ging mit der Utopie jetzt nicht mehr um Kritik und Überwindung der Gegenwart, sondern sie diente als Instrument der Mobilisierung und Wirklichkeitsbestätigung. Die Utopie wurde zur Ideologie.

Es wäre jedoch zu einfach, zu sagen, die Utopien mit ihren radikalen Emanzipationsansprüchen seien von der Politik abgebrochen worden, dass es also eine utopische Phase der Revolution gab, die vom Stalinismus beendet wurde. Das wäre die Rede vom Verrat. Es lässt sich für die utopischen Ideen und Experimente vielmehr eine Ambivalenz von Scheitern, dystopischer Ernüchterung und politischem Abbruch beobachten.

Dieses tragische Scheitern der utopischen Ideale der Revolution, ihr Leerlaufen ins Dystopische und ihr Zerbrechen an Machtverhältnissen wurde wiederum schon früh von utopischen Gegenstimmen reflektiert, etwa von Andrej Platonow in seinen großartigen Romanen »Tschewengur« und »Die Baugrube«.

Dr. Thomas Möbius ist Sozial- und Literaturwissenschaftler und Autor des Buches »Russische Sozialutopien von Peter I. bis Stalin. Historische Konstellationen und Bezüge« (Lit, 760 S., br., 79,90 €).

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