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Die Gesellschaft ist wie ein Haushalt

Wolf Meyer über die Folgen der Digitalisierung für eine kämpferische Gewerkschaftsarbeit

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Die Arbeit wird knapp – nicht nur in Europa, sondern weltweit. Rund zehn Prozent der Menschen in Europa gehen aktuell keiner Lohnarbeit nach. Die Jugendarbeitslosigkeit kratzt in manchen Ländern an der 50-Prozent-Marke. Neue Technologien führen zum Niedergang ganzer Berufszweige. Sie schaffen zwar mit der Folgeindustrie immer auch neue Stellen – aber eben nicht annähernd so viele wie sie überflüssig machen. Warum aber sehen wir keine jubelnden Massen auf der Straße, die die frei gewordene Zeit feiern? Die Antwort liegt bei denen, die am Kapitalismus festhalten als sei er ein Naturgesetz.

Eine vernünftige Gesellschaft würde funktionieren wie ein guter Haushalt: Alle verrichten die notwendigen und leidigen Tätigkeiten, danach ist angesagt, was uns Freude bereitet. Die meisten würden sich hier wohl über Geräte freuen, die die lästigen Tätigkeiten abkürzen. Im Kapitalismus zu leben heißt aber leider unabänderlich: Die meisten haben nichts zu verkaufen als ihre Arbeitskraft. Wer sich nicht verkaufen kann, hat kein oder kaum Geld und somit kein lebenswürdiges Leben. Es sollte auf der Hand liegen, dass hier nicht die Spülmaschine das Problem ist.

Der Fortschritt lässt sich nicht aufhalten. Jede_r Gewerkschaftsfunktionär_in und jede_r Politiker_in ist weit utopistischer als frisch politisierte Anarchos, wenn sie von einem »Zurück zur Vollbeschäftigung!« reden (zumindest wenn sie dabei nicht in Richtung eines Krieges blinzeln, der Massen von Menschen und Kapital vernichtet).

In den Schlüsselindustrien wird auf Vereinzelung und Abstiegsangst – aber eben auch auf Bevorzugung – gesetzt, damit es nicht zu sozialer Bewegung und politischen Streiks wie in Frankreich kommt. Für uns heißt das: Ein Gewerkschaftskonzept leben, das weiter geht als landläufig üblich. Es gilt, die Angst vor dem Abstieg dadurch zu nehmen, dass unsere Strukturen uns in allen Lebenslagen schützen. Auf dem Jobcenter fängt das mit konsequenter Begleitung aller Kolleg_innen, Verweigerung von Eingliederungsvereinbarungen und konsequentes Klagen gegen Sanktionen an. Selbstverständlich muss dieses Engagement mit der Wiederbelebung einer offensiven Erwerbslosenbewegung einhergehen.

Gleichzeitig ist es erforderlich, Strukturen aufzubauen oder zu unterstützen, die Lohnausfälle oder Verschlechterungen, aber auch die Willkür zum Beispiel von Vermieter_innen abfangen können. Dazu zählen beispielsweise eigene, soziale Wohnprojekte wie die des Mietshäusersyndikats, aber auch Urlaubsmöglichkeiten gegen Spende, kollektive Produktionsbetriebe mit an die Einkommen der Konsument_innen gekoppelten Preisen, solidarische Netzwerke und Strukturen auch im Bereich Pflege und Fürsorge u.v.m. Diese Modelle ermöglichen, wenn sie mit einer kämpferischen Gewerkschaftsarbeit und politischen Visionen kombiniert werden, ein Wiederentstehen von sozialen Bewegungen.

Wichtig ist es, den Menschen abseits von ritualisierten Tarifrunden und aufgeblasenen Funktionärsapparaten zu zeigen, dass eine Gemeinschaft hinter ihnen steht. Und das überall: Wenn der oder die Vermieter_in einen rauswerfen will, wenn es an Klamotten für die Kinder fehlt, wenn im Minijob das Arbeitsrecht unterlaufen wird. Die Frage ist dann nicht mehr: »Wie schaffe ICH das?«, sondern »Wie schaffen WIR das?«

Gleichzeitig können wir uns von den Großbetrieben als einzigem Hauptträger einer kämpferischen Gewerkschaftsbewegung zumindest in Deutschland verabschieden. Was wir täglich erleben, sind harte und kleinteilige Auseinandersetzungen im Baugewerbe, in der Gastronomie, in der Pflege und anderen Branchen die von Schwarzarbeit, Minijobs und Scheinselbstständigkeit betroffen sind. Auch hier ist die Lösung für uns, eine Gewerkschaft zu sein, die auch »Community« und aktiv mit den sozialen Strukturen in den Stadtteilen verzahnt ist. Es geht gerade bei diesen Arbeitskämpfen auch um emotionalen Rückhalt für die Kolleg_innen, um direkte Aktion, weil das Arbeitsrecht nicht weiter hilft, und um die Problemlagen prekärer Arbeiter_innen. Dafür ist Selbstorganisation unerlässlich.

Zusammengefasst: Wir müssen das Märchen vom guten Kapitalismus beerdigen. Wir brauchen kämpferische Stadtteilnetzwerke und Basisgewerkschaften. An denen müssen sich möglichst viele beteiligen statt auf Verbesserungen von oben zu hoffen. Und in ihnen müssen wir Konzepte entwickeln, wie es weiter geht – ohne Staat, Nation und Kapital.

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