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Lust, Instinkt und Spürsinn

In der »Weltbühne« eine Instanz: Lothar Langs Kunstkritiken in einem Buch

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Und dann war da »Die Weltbühne«. Sie war nicht mehr so, wie sie in ihren Glanzzeiten unter Jacobsohn, Tucholsky und Ossietzky gewesen ist, aber sie war in ihren DDR-Jahren auch nicht so eintönig und grau, so genormt und öde wie vieles ringsum. Ein bisschen welthaltiger, informierter, eigenwilliger, spritziger war sie, ein lesbares (und gern gelesenes) Blatt, das sich Mühe gab, dem einstigen »Blättchen« nicht nur äußerlich zu ähneln. Hier schrieben namhafte Feuilletonisten und Leute vom Fach, hier fand man Sachen, die anderswo nicht vorkamen. Einer, der Niveau und Ansehen der kleinen Zeitschrift jahrzehntelang mitbestimmte und bis zum traurigen Ende 1993 dabei war, war Lothar Lang, der Kunstkritiker, ein Mann, der sich in den Ateliers der Republik auskannte wie kaum ein anderer seiner Zunft und auch von Grafikern, Malern und Bildhauern wusste, die sich der Aufmerksamkeit der offiziellen Kulturpolitik nicht erfreuten.

Einiges von dem, was er damals in der »Weltbühne« veröffentlichte, findet man in einem Buch wieder, das im neuen Quintus-Verlag, einem Imprint des Verlages Berlin-Brandenburg, erschienen ist, leider nichtssagend mit einem Null-Acht-Fünfzehn-Titel versehen: »Begegnung und Reflexion«. Da hat man, auf beinah zweihundertfünfzig Druckseiten, vom Autor noch geplant und von Elke Lang, seiner Witwe, herausgegeben, Beispiele seiner Publizistik, Berichte eines Liebenden und Kunstsüchtigen, der seinem eigenen Urteil folgte und nicht den Maßgaben der Ideologen und Bescheidwisser, in seinem Metier bald ohne wirkliche Konkurrenz.

Er kam, 1928 geboren, aus Werdau in Sachsen, war nach 1945 zunächst Lehrer, dann Student der Geschichte, Kunstgeschichte und Pädagogik, ging nach Potsdam, wo er Ästhetik-Vorlesungen hielt und ein Hochschulblatt redigierte. Er stieß auf Conrad Felixmüller und nach ihm auf Ernst Barlach. Zwei Ausstellungen, die eine 1949 im Museum auf der Moritzburg bei Halle, die andere 1951/52 in Berlin, wurden prägende Erlebnisse und entschieden über seinen Weg. Sie weckten, so hat er in seiner Autobiografie berichtet, das Interesse für die bildende Kunst. Er versuchte sich als Kritiker und landete, noch keine dreißig, bei der »Weltbühne«. Und wurde hier der Publizist mit Spürsinn und sicherem Urteil, mit Blick über alle Mauern und Dogmen, ein Autor, der über Schwieriges mit leichter Hand schreiben konnte, bald schon eine Instanz.

Vorn im Buch die Würdigung der Großen: Cézanne, Picasso und Braque, Chagall, Max Ernst und Henry Moore, Dalí und Dix, dann ein Kapitel über die vergessene Generation mit Erinnerungen an Johannes Wüsten, Heinrich Ehmsen, Wilhelm Lachnit und Ernst Hassebrauk, Hinweisen auf Theodor Rosenhauer, Albert Ebert und Hermann Glöckner, deren Kenntnis mancher Lothar Lang und der »Weltbühne« verdankte. Auch im letzten (und umfangreichsten) Abschnitt neben Bekanntem (Quevedo, Stötzer, Heisig, Mattheuer, Goltzsche oder Sagert) viele Entdeckungen und Geheimtipps, Namen, Werkbeschreibungen, Kunstwelten, oft aus dem Verborgenen ans Licht gebracht.

»Wer war Ernst Schroeder?« fragte Lang 1990, als endlich eine Retrospektive des Malers und Grafikers in Berlin und Rostock zu sehen war. Er selber hatte von ihm, seit Schroeder Ende der fünfziger Jahre von Berlin, wo man ihn nicht verstand, nach Hamburg gezogen war, nichts mehr gehört. Und stand nun vor den in Schwarz- und Grautönen gehaltenen Arbeiten eines Mannes, der einst Meisterschüler Otto Nagels war und einer der markanten Vertreter der frühen DDR-Kunst, ein Unbekannter längst, der nur noch als konturlose Legende existierte.

Was Lang publizierte, blieb nicht unwidersprochen. Er bekam es mit Banausen und Ignoranten zu tun, sah sich harscher Kritik ausgesetzt, wurde attackiert und, wenn’s schlimm kam, verdächtigt, nicht auf marxistischem Boden zu stehen. Er stand auf der Seite der Kunst, wo denn sonst, stand dort unbeirrt, zog durch die Ateliers, ließ kaum eine Ausstellung aus, machte sein Haus zu einem Ort, an dem man sich traf und diskutierte, im märkischen Freienbrink oder auf dem alten Reußen-Schloss Burgk an der Saale. Er verfügte über einen verlässlichen Instinkt und registrierte mit Lust, was anderswo passierte. Lang, dieser Ausnahmekritiker, sah und wusste mehr als andere. Einer der längsten Texte im Buch nennt sich bescheiden »Annotationen über Leipziger Malerei, mit neuerlichem Hinweis auf Tübke«. Er wurde 1965 geschrieben und war der frühe Hinweis auf ein Phänomen, von dem man erst viel später hörte: die Leipziger Schule.

Die letzten Jahre verbrachte Lang, der leidenschaftliche Sammler, der Publizist und international geachtete Buchautor, in einem kleinen Häuschen nahe Grünheide mit dem Blick auf die Wiesen zu beiden Seiten der Spree. Das »Blättchen« gab es schon lange nicht mehr, und auch die Redaktion der »Marginalien«, dieser wunderschönen Zeitschrift für Buchkunst und Bibliophilie, hatte er nach über dreißig Jahren 1998 abgegeben. Was er sagen konnte, war gesagt. Er starb, fünfundachtzigjährig, am 20. Juli 2013.

Nun gibt es, zum Glück, auch sein letztes Buch, von Elke Lang eingeführt und ergänzt mit den noblen Worten, die ihm im März 1988 Elmar Faber gewidmet hat, als Lang seinen sechzigsten Geburtstag feierte. Wer ihn kannte, wird dem Verleger und Freund gern zustimmen: Da war einer, »halb Kunstgott, halb Kunstteufel, dem Himmel und Hölle gehört, der unsere Kunst durch die Märkische Ebene und die Thüringer Berge geschleppt hat und doch immer das Paradies erreichte, weil er, selbst ein Weltbürger, die Welt kannte, und die ihn«.

Lothar Lang: Begegnung und Reflexion. Kunstkritik in der Weltbühne. Hg. von Elke Lang, Quintus Verlag, 246 S., geb., 20 €.

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