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Das komplette Orchester im Schrank

  • Von Jeanette Bederke
  • Lesedauer: 2 Min.

Wer durch die Schaufenster der früheren Kaufhalle im Zentrum von Beeskow blickt, glaubt zunächst an einen Antiquitätenhandel. Große, altmodische Möbelstücke mit verschnörkelter oder verspiegelter Fassade und geschnitzten Füßen sind zu erkennen. Was tatsächlich in ihnen steckt, erkennt nur, wer eintritt. Dann demonstriert Thomas Jansen per Knopfdruck, Geldeinwurf oder Kurbeldreh die Musikalität der unförmig erscheinenden Konstruktionen. Mittels ausgeklügelter Mechanik inklusive erzeugtem Unterdruck spielen die teilweise 100 Jahre alten Instrumente wie von selbst.

Jansens ganzer Stolz ist ein etwa drei Meter hohes Jazz-Sinfonie-Orchestrion im Schrank, einst gebaut von der Leipziger Firma Hupfeld für Wirtshäuser oder wohlsituierte Haushalte. »Nach 1900 waren sie die einzige Möglichkeit, sich Musik ins eigene Haus zu holen, wollte man nicht eine ganze Kapelle bezahlen«, erklärt Jansen.

»Diese mechanischen, selbst spielenden Wunderwerke muss man in Aktion erleben, nur ausstellen allein reicht nicht«, schwärmt Jansen. Seit 40 Jahren sammelt und repariert der 62-Jährige die in Vergessenheit geratenen Orchestrions, Trompetenorgeln, automatischen Klaviere, aber auch Leierkästen, Grammophone und Spieluhren.

In Monschau (Nordrhein-Westfalen) hatte Jansen ein eigenes Museum, wollte sich aber eigentlich zur Ruhe setzen. Inzwischen ist er vom äußersten Westen Deutschlands mit seiner Sammlung in den tiefsten Osten gezogen. »Es ist ein Riesenaufwand, aber ich bereue diesen Schritt nicht«, sagt Jansen, der im Landkreis Oder-Spree noch nach einem passenden Häuschen für sich sucht.

Die Stadt Beeskow hat den Großteil seiner knapp 200 Instrumente sowie rund 1600 Tonträger und Notenrollen für rund 400 000 Euro gekauft, um einen zusätzlichen Touristenmagneten zu haben. Schon zu Jahresbeginn hätte das Musikmuseum mit den tonnenschweren Instrumenten auf der Burg Beeskow öffnen sollen. Doch als Statiker die Gewölbedecken überprüften, stellten sie einen aufwendigen Sanierungsbedarf fest. »Die Burg ist das älteste Gebäude der Stadt, Schäden sieht man erst bei genauerer Betrachtung«, sagt Bürgermeister Frank Steffen (SPD). Die unerwartete Baustelle habe ihm schon einige »schlaflose Nächte« beschert, bekennt er. Doch das Musikmuseum sei richtig für die Burg, die das DDR-Kunstarchiv beherbergt, als Ausstellungszentrum allerdings viele Standbeine brauche. Weil es mit dem Museum auf der Burg wohl erst 2018 etwas wird, hatte die Stadt eine Zwischenlösung gesucht und hatte das Geschäft gefunden. dpa

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