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Nichts nimmt dieser wundersamen Welt den Zauber

Woody Allen repräsentiert das in diesen düsteren Tagen in Bedrängnis geratene, aber weiterhin existente bessere Amerika

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 4 Min.

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Seinen Filmen ist es zu verdanken, dass selbst jene die schönen Seiten New Yorks zu kennen glauben, die noch niemals in dieser Stadt gewesen sind. Es ist ein idealisierter Blick, in dem die Armut, der Müll und die Verkehrsstaus dieser mondänen Metropole in einem der am meisten polarisierten demokratischen Länder der Welt nicht vorkommen. Schon immer ging es Woody Allen in seiner Kunst darum, jenseits aller Alltagsaufgeregtheiten tief zu graben in der menschlichen Seele und zu ergründen, was uns alle trotz der offensichtlichen Gesamtscheiße jeden Tag auf Neue sagen lässt: dennoch.

Es ist dieser zentrale Gedanke, den der spanische Autor Natalio Grueso in seiner Biografie des Filmemachers zur Geltung bringt. In zwölf Kapiteln beleuchtet er vom Kinoliebhaber über den Jazz-Musiker bis zum Star wider Willen alle Facetten eines Mannes, den Grueso als Genie bezeichnet, während der so Geadelte sich selbst nicht einmal als Intellektueller sieht: »Trotzdem ist Allen einer der wenigen Menschen, die ich kenne, mit denen man sich über das Theater von Genet und den Pointillismus von Seurat unterhalten kann.«

Grueso ist mit Allen lose befreundet. So viel Nähe kann den Leser misstrauisch stimmen. Der Verfasser erweckt aber aufgrund seiner stilistisch bedächtigen und inhaltlich abwägenden Erzählhaltung niemals den Eindruck, den Meister bloß unkritisch anzubeten. Einige Beispiele liefert er etwa für die Bescheidenheit und Bodenständigkeit des heute 80-Jährigen, der schon als Teenager die größten US-Komiker mit Gags belieferte und dadurch mehr Geld verdiente als seine Eltern.

Die Dreharbeiten zu »Vicky Cristina Barcelona« (2008) endeten etwa in den Straßen von Oviedo mit großem Applaus des Publikums. Hauptdarstellerin Scarlett Johansson entschwand sofort im bereitstehenden Kleintransporter. Woody Allen höchstpersönlich tapste ihr hinterher, öffnete die Wagentür, nahm das Hollywoodsternchen bei der Hand und forderte es auf, sich anständig vor den Fans zu verneigen.

Grueso stellt auch fest, dass Woody Allen keinen Wert darauf legt, als Gesamtkunstwerk eine Symbiose von Mensch und Werk abzugeben. Er illustriert das anhand des kleinen Jungen in »Radio Days«, der seine Hausaufgaben nicht mehr machen will, weil er erfahren hat, dass das Weltall expandiert und irgendwann unweigerlich explodieren wird. Das Streben nach Unendlichkeit in einer absurden und objektiv sinnlosen Welt entlockt Allen in Kombination mit seinem zutiefst pessimistischen Weltbild immer wieder Bonmots wie dieses: »Lieber als in den Herzen der Menschen würde ich in meiner Wohnung weiterleben.«

Darin, und das bezweifelt auch Grueso nicht, dürfte die entscheidende Triebfeder von Allens künstlerischem Schaffen liegen: Er muss seine panische Angst vor dem Tod kanalisieren. Da er nicht die verschwurbelte Sprache eines Sartre braucht, schenkt dieser Existenzialist dem Publikum seit Dekaden jährlich einen neuen Film. Formal hat sich der Genius in allen Genres bewährt, die stets diesen einen Grundton vermitteln: Slapstick, Krimi, Drama und Fantasy - immer sind da einerseits die überbordenden Gefühle, zu denen Menschen fähig sind, und andererseits ist da dieses Universum, dem natürlich komplett gleichgültig ist, was wir tun und was wir lassen, warum wir leben und wie wir sterben, wer US-Präsident wird und wessen Religion die einzig wahre zu sein scheint.

Wegen seiner behüteten Herkunft und seiner außergewöhnlichen Kulturbeflissenheit interessieren Woody Allen vor allem Menschen aus der gehobenen Mittelklasse, gebildet und distinguiert, die in schönen Wohnungen in bester Lage beliebter Städte leben und deren amouröse Leidenschaften immer wieder in Konflikt geraten mit ihrem verzweifelten und zum Scheitern verurteilten Drang, wirklich Bleibendes zu schaffen.

Da erscheinen sie dann auch plausibel, jene drei zentrale Merkmale, die Grueso dem Werk des Freundes verklausuliert zuschreibt: Tod, Glück und Magie. Fast alles Entscheidende im Leben hängst vom individuell kaum beeinflussbaren Glück ab, wie es Allen am besten in seinem Meisterwerk »Match Point« (2005) gezeigt hat. Es kommt im Leben aber ebenso darauf an, sich trotzdem nicht den Zauber dieser wundersamen Welt nehmen zu lassen. Neben »Midnight in Paris« (2011) kommt das wohl in keinem Leinwandwerk stärker zum Ausdruck als in Allens schönsten Film »The Purple Rose of Cairo« (1985).

Woody Allen ist ein hoffnungslos pessimistischer Mensch, der sich vor allem darum eine so große Anhängerschaft erschrieben, erspielt und erdreht hat, weil er auch nicht dem im Angesicht der potenziellen Düsternis allen Seins so naheliegenden Zynismus verfällt, sondern die Möglichkeit menschlicher Empathie im Zeichen säkularer Gewissheiten so komisch und so traurig, so zugänglich und so herausfordernd, so einfach und so brillant ästhetisiert wie kein zweiter Künstler der Gegenwart.

Natalio Grueso: Woody Allen. Ein ganz persönlicher Blick auf das Filmgenie. Atlantik. 240 S., geb., 18 €.

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