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Die wahnsinnigen Staaten von Amerika

Trumps Sieg ist die Amtseinführung für Unberechenbarkeit, Rassismus und Chauvinismus

  • Von Reiner Oschmann
  • Lesedauer: 4 Min.

Diesem Anfang wohnt kein Zauber inne. Wenn ein Mann wie Donald Trump (70) Präsident der USA werden kann, sagt das einiges über die Lage der Nation. Über den Zustand ihrer Wirtschaft, über das politische System, über Befindlichkeiten ihrer Bevölkerung, die Beziehungen - in einem ethnisch so bunten Land immer wichtig - zwischen ihren wichtigsten Gruppen, über Geist und Kultur der gesellschaftlichen Debatte.

Dass Trump und nicht Clinton Präsident wird, bedeutet den Einzug des größeren Übels ins Weiße Haus. Sein Triumph bedeutet die Amtseinführung für offenen Rassismus und Großmachtchauvinismus, für neue Umgangsbrutalität und Unberechenbarkeit in den politischen Alltag der USA und - wegen deren internationaler Rolle - der Welt. Trumps Sieg offenbart die beispiellose Spaltung des Landes zwischen Oben und Unten, Weißen und Nichtweißen, zwischen dem Anspruch der USA als Leuchtturm der Freiheit und ihrer brüchigen Wirklichkeit auf vielen Gebieten.

Hillary Clintons Hoffnung, wenn schon nicht aus der eigenen Attraktivität ihrer Positionen, so doch aus der Angst vor Trump zu siegen, hat getrogen. Die Wählerangst vor Trump war kleiner als die Sorge eines »Weiter so« mit Clinton. Die Mehrheit der Wähler ist so wütend und verbittert über den Zustand ihres Landes, dass ihnen Bruch und ungewisser Neubeginn mehr bedeuten als weitere Versprechen auf Vernunft und Erfahrung. Womit wir wieder bei Trump sind. Bei Donald, dem Brüllaffen, Serienlügner und Macho. Bei Donald, dem Rassisten, der schwarze Stimmen so einwarb: »Ihr lebt in der Hölle. Was habt ihr zu verlieren, wenn ihr mich wählt?« Bei Donald, dem Waffenfreund, der noch nach schrecklichsten Amokläufen versprach: »Ich werde am ersten Tag im Weißen Haus waffenfreie Zonen an Schulen abschaffen«. Bei Donald, dem Menschenverächter, der von Atomkriegen fabuliert, »gegen die Hiroshima ein Lagerfeuer war«.

Wer so auftritt und trotzdem Zustimmung fürs Weiße Haus findet, muss eine Sehnsucht bedienen. Noam Chomsky, emeritierter Professor am Massachusetts Institute of Technology und einer der schärfsten Kapitalismuskritiker, sagte jüngst auf die Frage, warum gerade schlecht gestellte Arbeiter dem Immobilienmilliardär hinterherliefen, also jene Gruppe, die dem Sohn deutsch-schottischer Vorfahren den Wahlsieg bescherte: »Welche andere Wahl haben sie? Die amerikanischen Arbeiter werden seit nunmehr 40 Jahren von beiden großen Parteien ignoriert. Deshalb wenden sie sich nun gegen das gesamte System und folgen jemandem wie Trump, der zumindest so tut, als habe er ihre Interessen im Sinn.«

Tatsächlich hat sich der Systemprofiteur, der für den Wahlkampf beschloss, den Systemkritiker zu geben, zum Anwalt der Geprellten aufschwingen können. Dass er ein verlogener Volksvertreter ist, tut dabei erst mal nichts zur Sache. Trump bedient eine in dieser Breite erstmals seit Langem aus Wahlen hervorgehende Wutwähler-Koalition. Ihre Kennzeichen sind America-first-Chauvinismus, Pegida-ähnliche Verdammung alles Fremden, eine Verrohung der politischen wie der Alltagssitten und nicht zuletzt: Anhänger, die vor allem weiß und aus der Arbeiter- wie Mittelschicht sind. Der in Washington tätige Politologe Michael Werz sieht im Zuspruch für Trump einen »Urschrei weißer unterer Mittelschichten, die von Abstiegsängsten geplagt sind«.

Besonders seit der Jahrtausendwende verstärken weitere Trends den Unmut der Geprellten - und die Hinwendung zu dem Mann, der diese Wut für sich aktivierte: Der Handel mit China bürdete US-Arbeitern - Stichwort Billigimporte - weit größere Kosten auf als vorhergesagt. Am stärksten belasten sie die Einkommensschwächsten. Hier liegt ein Grund, weshalb Trumps Klage, »China hat Amerika abgehängt«, so viel bitteren Beifall findet. Hinzu kommt, dass große Teile der Mittelschicht und die weiße Arbeiterschaft in traditionellen, also darbenden Branchen keinen Honig mehr aus dem Amerikanischen Traum saugen können. Der amerikanische Optimismus, der besagt, die Folgegeneration lebe besser als ihre Vorgängerin, schwindet. Die einzigen Einkommensgruppen, die weiter wachsen, sind Haushalte, die im Jahr 35 000 Dollar oder noch weniger verdienen - und auf der anderen Seite Superreiche wie Clinton und Mehrfachmilliardär Trump.

Wohin geht die Reise mit Trump? Innen- wie außenpolitisch hat er, treu seinem Naturell, zu vielem Hü und Hott gesagt. Vergleichsweise deutliche Thesen fanden sich in seinem Buch »Time to get tough« aus dem Jahr 2011. Kostproben: Die Körperschaftssteuer für Unternehmen will er abschaffen. Sein Motto: Werden die Unternehmen geringer besteuert, stellen sie mehr Leute ein - »das ist keine Raketenwissenschaft«. Außenpolitisch vor allem Parolen: Die USA sind grandios, die anderen im Grunde Verbrecher. Neue US-Truppen will er in den Nahen Osten schicken und die Saudis dafür zahlen lassen. Auch gegen die IS-Terroristen hat er ein »narrensicheres Rezept« - ihnen »das Öl wegnehmen«, unter Einsatz von GIs. Wie groß Trumps Neigung nach dem Schwarzen Dienstag sein wird, mit dem Feuer zu spielen, bleibt abzuwarten. Besorgt und nüchtern.

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