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Sie sind die junge Garde

Serge Gnabry steht im Aufgebot für das WM-Qualifikationsspiel gegen San Marino

  • Von Frank Hellmann, 
Frankfurt am Main
  • Lesedauer: 4 Min.

Selbst wenn seine Haare nicht so auffällig blondiert wären, Serge Gnabry wäre dank seiner fußballerischen Klasse eine besondere Erscheinung in jenem Team, das sich am Mittwoch zum WM-Qualifikationsspiel in San Marino (Freitag 20.45 Uhr/ RTL) und dem Freundschaftsspiel in Italien (Dienstag 20.45 Uhr/ARD) aufgemacht hat. Bundestrainer Joachim Löw hat durchblicken lassen, bei dieser Rundreise auch die junge Garde von der Leine zu lassen. Spätestens in Mailand wolle er Yannick Gerhardt, Benjamin Henrichs oder eben Serge Gnabry sehen.

Aus dem Trio der designierten Debütanten bringt der Sohn eines Ivorers und einer Schwäbin einen Vorteil ein: Der in Stuttgart geborene Profi hat ein herausragendes Olympisches Fußballturnier mit einem halben Dutzend Toren hingelegt und zuletzt in der U21-Nationalmannschaft aufgetrumpft. Seine Beförderung wirkt allein aus Leistungsgründen logisch. Aus dem Dauerreservisten vom FC Arsenal ist beim SV Werder in Windeseile ein Leistungsträger geworden.

Die halbe Bundesliga jagte im Spätsommer den Flügelstürmer mit den flinken Beinen, und als ausgerechnet Werder Bremen das Rennen machte, war das Rätselraten groß. Alsbald raunte die Branche, der FC Bayern habe einen mündlich vereinbarten Zugriff auf die vermeintliche Ribery-Robben-Kopie, sollte dessen rasante Entwicklung anhalten. Werder-Aufsichtsratsmitglied Willi Lemke bestätigte in einer Talkrunde die Vermutung. Und so oft Geschäftsführer Frank Baumann danach dementierte: Der bis 2020 gebundene 21-Jährige wirbelt an der Weser wohl nur auf Zeit.

Nach einer bis hierhin ziemlich miesen Saison gilt Gnabry in Bremen als einziger Lichtblick. Und er ist auch der einzige Neuzugang, der die Grün-Weißen wirklich weitergebracht hat. Während Managerneuling Baumann es geschafft hat, für die Abwehr gleich drei weitere Wackelkandidaten (Sane, Moisander, Diagne) zu verpflichten und der Königstransfer Kruse im Angriff seit der Pokalblamage in Lotte verletzt ausfällt, mimt der Fünf-Millionen-Einkauf den Alleinunterhalter. Ohne seine vier Tore und zwei Vorlagen stände Werder wohl dort, wo sich jetzt Ingolstadt und Hamburg aufhalten.

Zuletzt auf Schalke (1:3) musste die Nummer 29 gar als einzige Spitze auflaufen, was ihn aber seiner Stärken beraubt: Er ist einer für die Eins-zu-eins-Situationen mit Anlauf. Gnabry hat den Mut, zwei oder drei Gegenspieler einfach auszuspielen oder stehen zu lassen - eine Eigenschaft, die Löw nach eigener Aussage unbedingt braucht, um etwa einem verfahrenen Viertel- oder Halbfinale noch eine Wendung zu geben. Ein bisschen erinnert er mit seinem Tempo an David Odonkor - nur Gnabry hat die viel bessere Technik. Aufschlussreich wird daher sein, was Gnabry sich beispielsweise im San Siro gegen die wenig zimperlichen Kaliber Chiellini oder Bonuccci trauen wird, sollte er zum Einsatz kommen.

Gnabry hat auf und außerhalb des Platzes dazugelernt. Einmal mokierte er sich bei einer Pressekonferenz darüber, dass ihn sein Verein nicht über die Eigenheiten des Volksfestes »Freimarkt« aufgeklärt habe - diese Blöße wollte sich der Neubremer nicht geben. Und er stellte sich schützend vor Ousman Manneh, als dieser ob seiner technischen Defizite gerügt wurde. Der aus Gambia geflüchtete Stürmer habe doch eine ganze andere Ausbildung genossen als beispielsweise Gnabry selbst.

Angeblich standen Scouts aus halb Europa an der Bande, als Gnabry noch für die B-Junioren des VfB Stuttgart auflief. Bei einem Turnier in Bad Ragaz sollen dann Arsenal-Späher auf ihn aufmerksam geworden sein. Die Engländer holten das deutsche Talent im Sommer 2011 nach London. Da war Gnabry gerade mal 16. Arsenal-Übervater Arsène Wenger gab ihm ein Jahr später den ersten Profivertrag, setzte ihn in der Premier League und gegen Schalke in der Champions League für einige Minuten ein.

Vom »German Wunderkind« war die Rede, doch der Weg nach oben verläuft im Fußball nur selten ganz gerade: Gnabry spielte in der Folgezeit bei den »Gunners« nie die Rolle, die sich die Beteiligten erträumt hatten. Mal klemmte ein Nerv im Rücken, mal streikte das Knie, mal hieß es aber auch, dass der Youngster selbst mitunter mehr tun könne.

Die Rückkehr nach Deutschland könnte nach wenig hilfreichen Leihgeschäften auf der Insel die Befreiung gewesen sein, und die Lektionen, die ihm diese Spielzeit der Abstiegskampf vielleicht einbringt, können auch nicht schaden. Dass Gnabry im Alltag der Bundesliga bereits so viel nach hinten arbeiten musste, bewirke einen »super Reifeprozess«. Sagte jedenfalls kürzlich sein Berater Hannes Winzer, Trauzeuge des einst von Werder zu Arsenal gewechselten Nationalspielers Per Mertesacker.

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