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Fußballer gegen Atomkraft

Stop Tihange! - Statt Sponsor prangt auf den Trikots zweier Regionalligisten ein »gesellschaftliches Statement«

  • Von Andreas Morbach, Aachen
  • Lesedauer: 4 Min.

Es ist wieder einer von den Tagen, an denen die Regionalligakicker von Alemannia Aachen gleich zwei Mal zum Training antreten müssen. Zwischen den Fußballschichten gehen Timo Staffeldt und seine Teamkollegen gerne mal zum Mittagessen in die Stadt. Und dort entdecken sie dann überall die gelben Schilder mit dem Aufdruck »Stop Tihange«, die in vielen Häusern in den Fenstern hängen - das Statement der Aachener gegen das marode Atomkraftwerk in der belgischen Nachbarschaft. »Die Schilder sieht man schon, das Problem wird einem immer wieder vor Augen geführt«, berichtet Mannschaftskapitän Staffeldt.

Auch Christian Steinborn fallen die warnenden Plakate auf seinen Autofahrten durch die Kaiserstadt auf, schon seit längerem. »In Aachen ist das Thema extrem präsent«, weiß der Aufsichtsratsvorsitzende der Alemannia - der das immer wiederkehrende Bild schließlich mit in den Berufsalltag nahm. So kam ihm bei einer Fahrt von Aachen nach Hannover mit dem Gremiumskollegen Oliver Laven im Frühjahr die Idee zu einer Protestaktion, die beim Regionalligaspiel gegen den 1. FC Köln II nun umgesetzt wird.

Auf den Trikots beider Mannschaften prangen nicht wie sonst die Schriftzüge der Klubsponsoren, stattdessen steht dort die Botschaft: »Stop Tihange«. Als Jurist kennt Steinborn auch das Reglement des Fußball-Weltverbandes, daher erwähnt er: »Wir geben mit dieser Aktion kein politisches, sondern ein gesellschaftliches Statement ab. Sonst wäre das auch nicht genehmigt worden.«

Den Daumen gehoben hat der 1. FC Köln, der die Sache unterstützt, sich begleitende Kommentare aber verkneift. »Klar würde man sich wünschen, dass zu der Aktion oder zu dem Thema an sich etwas gesagt würde - egal ob positiv oder negativ«, erklärt Aachens Timo Staffeldt dazu. »Aber wenn sich die Spieler von Kölns zweiter Mannschaft nicht dazu äußern möchten, ist das ihr gutes Recht.«

Der gebürtige Heidelberger, seit Sommer 2015 in Aachen unter Vertrag, wohnt selbst in Köln. Deshalb weiß er, dass der Atommeiler in Tihange die Gemüter in der Domstadt weniger stark bewegt als 60 Kilometer weiter westlich. Noch mal so weit ist es von Aachen nach Tihange. »In Köln ist das Thema auch in den Medien präsent, aber nicht so extrem wie in Aachen«, erwähnt Staffeldt, der glaubt: »Das hängt einfach mit der Entfernung zusammen. Wenn in dem AKW in Belgien etwas passiert, käme das nur in abgeschwächter Form nach Köln.«

Eine aktuelle Studie des Instituts für Sicherheits- und Risikowissenschaften der Universität Wien, von der Städteregion Aachen in Auftrag gegeben und Ende Oktober vorgestellt, zeigt allerdings: Bei einem Reaktorunfall in Tihange steigt - im günstigsten Fall - die radioaktive Belastung der Region bis weit nach Nordrhein-Westfalen hinein um das Dreifache. Die Wahrscheinlichkeit dieses Szenarios liegt im Falle eines GAUs bei 30 Prozent. Im allerschlimmsten Fall müsste das Gebiet sofort evakuiert werden.

»Bei einem Reaktorproblem in Tihange wäre Köln genauso betroffen wie Aachen«, erläutert Christian Steinborn, nach dessen Ansicht die Studie den Vorverkauf der verbilligten Karten nochmals befeuert hat. Der Verein rechnet am Samstag mit 20 000 Zuschauern, das wäre das Dreifache des geplanten Saisonschnitts. »Das Spiel hat mittlerweile einen Eventcharakter, die Leute wollen dabei sein«, schlussfolgert Alemannias Aufsichtsratsvorsitzender, unterstreicht aber zugleich den ernsten Hintergrund der Aktion.

»Alemannia Aachen ist zwar nicht auf Rosen gebettet - aber das Thema ist so wichtig, dass Geld hier keine große Rolle spielen darf«, betont er. Und: »Selbstverständlich werden die Spieltagkosten von dem Ticketerlös gedeckt, aber auch nicht mehr. Der Verein wird darüber hinaus in keiner Form finanziell profitieren.« Der Einnahmeüberschuss gehe vielmehr zu 100 Prozent an die länderübergreifende Initiative »Stop Tihange«.

Erst Anfang Oktober gab es in dem belgischen AKW wieder einen ernsten Zwischenfall. Ein Reaktordruckbehälter ist bis auf die Hälfte seiner Dicke mit Rissen durchzogen, Experten halten den Weiterbetrieb der Reaktoren für verantwortungslos. »Viele Menschen hier eint die Sorge vor der Gefahr, die von diesem erwiesenermaßen problematischen Reaktor ausgeht. Deshalb ist auch eine gesamte Region bereit, ein Zeichen zu setzen - völlig unabhängig von politischer Couleur und irgendwelchen Ressentiments«, sagt Steinborn.

Timo Staffeldt schlägt den Bogen zu den Präsidentschaftswahlen in den USA. Der Sieg des Republikaners Donald Trump war ein heftig diskutiertes Thema in Alemannias Kabine. »Wir hatten alle durch die Bank ein komisches Gefühl und fragten uns: Wie konnte es so weit kommen, dass so einer überhaupt zur Wahl stand - und dann auch noch gewinnen kann?« erzählt der Kapitän von den internen Diskussionen zwischen den Trainingseinheiten und meint dann mit Blick auf die Aktion am Wochenende: »Man sollte solche Versuche auf jeden Fall starten. Damit man im Nachhinein nicht sagen muss - so wie jetzt vielleicht manche Nichtwähler in Amerika: Hätte ich doch besser mal.«

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