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Weil die anderen BWL studieren

Der Interreligiöse Chor in Frankfurt am Main verbindet die Musik der Religionen. Von Ulrike Gramann

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Der 5. Oktober 2016 ist ein normaler Arbeitstag. Am Abend kommen Sängerinnen und Sänger des Interreligiösen Chors Frankfurt am Main zur Probe ins evangelische Gemeindehaus St. Katharinen. Einige sitzen schon, andere schneien verspätet herein, legen Fahrradhelme und Aktentaschen ab. Stimmen werden gelockert: »fr - fr - fr - fr«. Bettina Strübel, evangelische Kantorin, singt: »Froh - froh - froh - frohes neues Jahr«, der Chor antwortet, und dann singen sie: »Schana tova«.

Denn der 5. Oktober 2016 ist ein Tag zwischen höchsten Feiertagen. Zwei Tage zuvor hat das Jahr 5777 begonnen, acht Tage danach wird Versöhnungstag gefeiert, Jom Kippur. An diesem Tag finde die Versöhnung Gottes mit den Menschen statt, erklärt mir Daniel Kempin. Auch er ist Kantor, genauer Chasan im Egalitären Minjan der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main. Mit Bettina Strübel leitet er den Interreligiösen Chor, ein bundesweit einmaliges Projekt, bei dem Angehörige christlichen, jüdischen und muslimischen Glaubens sowie Menschen ohne religiöses Bekenntnis miteinander singen.

Anfangs sei sie eine »ganz normale Kirchenmusikerin« gewesen, sagt Strübel. Seit 2012 arbeitet sie als freie Kantorin, an keine Gemeinde gebunden. Gebunden hat sie sich daran, musikalische Vorhaben im Dialog der Religionen zu verwirklichen. Das kam nicht aus dem Nichts, schon im Studium interessierte sie sich nicht nur für die Musik in der Kirche, sondern auch für die Worte. Und sie kam zum jüdisch-christlichen Dialog, der üblicherweise in Gesprächen stattfindet, Diskussionen, Disputen. Sie dachte: Wie wäre es, die Musik der verschiedenen Religionen zusammenzubringen? Deshalb gründete sie den Interreligiösen Chor, einen Laienchor.

Schon sein erstes Konzert, in dem die Königin von Saba im Mittelpunkt stand, bereiteten Kempin und Strübel gemeinsam vor. Kempin ist Gitarrist und Sänger und hat eine sieben Jahre währende Ausbildung zum Chasan absolviert. Seine Arbeit unterscheidet sich von der einer christlichen Kantorin, er singt unbegleitet in jedem Gottesdienst und erfüllt theologische Aufgaben, bereitet beispielsweise Jugendliche auf ihre Bar oder Bat Mitzwa vor. Er erinnere sich nicht genau, wie Strübel auf ihn kam, erzählt er, aber daran, dass er ihre Anfrage spontan fand und offen. Sie berührte bei ihm »ein Lebensthema«, die Auseinandersetzung mit Religionen. »Das Wissen, dass da mehr ist als nur das Sichtbare, geht heute mehr und mehr verloren. Aber zur gleichen Zeit berufen sich Menschen abstrakt auf eine christliche Leitkultur, ohne damit etwas Konkretes zu verbinden.« Beim Interreligiösen Chor, das spürt man beim Zuhören, geht es um jedes einzelne konkrete Wort, nicht um das »irgendwie Spirituelle«, schon gar nicht um abstrakte kulturelle Vorgaben.

Zwei Programme im Jahr werden erarbeitet, zur Zeit das achte Tehillim-Psalmen-Projekt. Sefer Tehillim heißt jenes Buch der hebräischen Bibel, das das Christentum den Psalter nennt. Psalmen sind Gebete, verzweifelt, voll Freude, voll innerer Dramatik, tief in der Sprache verwurzelt. Sie kommen in jedem jüdischen und jedem christlichen Gottesdienst vor, auch der Islam kennt sie. Sie sind »eine gemeinsame Basis«, sagt Strübel, »die sehr unterschiedlich interpretiert wird. Das ist ein Gedanke unseres Chors, sich darüber auszutauschen und das Andere kennenzulernen, aber nicht nur über den Disput, sondern die Musik.« In jedem Konzert mischen sich Vertrautes und Unvertrautes. Dabei, versteht sich, ist nicht jedem und jeder das gleiche vertraut oder unvertraut.

Im aktuellen Konzert zu den Psalmen 42 und 43 wird Musik von Händel und Mendelssohn Bartholdy aufgeführt, eine Melodie der Bratzlawer Chassiden, eine Komposition von Chasan Jacob Lefkowitz, eine Chiaconna von Dietrich Buxtehude, die Strübel und Kempin mit hebräischen Psalmversen unterlegt haben, und eine musikalische Collage, die Psalm 42 mit Koranversen verbindet. Um solche Brücken zu finden, recherchieren Strübel und Kempin im Vorrat aus Jahrhunderten synagogaler Musik, Jahrhunderten christlicher Tradition, beziehen andere Traditionen ein. Sie bearbeiten Musikstücke und geben auch Kompositionen in Auftrag, wie beim Konzert zu Psalm 104, für das der Komponist Saad Thamir Psalmenverse in osmanischer Sprache und deutsch gesungene Koranverse vertonte. Am Ende entsteht ein »Gesprächskonzert«, in dem die Musik mit Passagen des Gesprächs mit Sachkundigen wechselt. Unterschiede zeigen sich gerade in den Übersetzungen. So heißt es in einer rabbinischen Übersetzung von Psalm 42: »Was beugst du dich, meine Seele, wenn dir banger wird um mich?«, bei Luther: »Was betrübst du dich meine Seele und bist so unruhig in mir?« Der Chor nimmt sich ungewöhnlich viel Zeit, um sich den Texten zu nähern, intensiv, auch spielerisch, in einem »Bibliodrama« zum Beispiel.

»Haben alle das Händel-Update?«, fragt Bettina Strübel jetzt. Der Chor singt, unterbricht, beginnt neu. Strübel steht oft am Klavier, singt, hört zu, dirigiert. Sie kann ungehalten klingen: »Soprane, passt auf, ihr seid zu tief bei Takt 39.« Oder erklärend, fast liebevoll: »Das sind Halbtonschritte, die bedeuten oft Schmerz, schmerzliches Verlangen, spürt das.« Der Chor singt: »I will praise him, I will praise him.«

Später, als die Buxtehude-Chiaconna und der hebräische Psalm geübt werden, übersetzt Kempin und korrigiert die Aussprache: »Denkt daran, die Vokale sind kurz.« Erst spricht der Chor nur, rhythmisch, das Klavier fällt ein, alle singen, verlieren den Rhythmus wieder. Strübel lässt Tenöre und Bässe rhythmisch klatschen, die Singenden finden zurück. Nun das Ganze im Stehen, einige stehen fest, andere wippen, ein Mann wiegt sich weich, sein Fuß tupft den Takt aufs Parkett. »Das könnte schön werden«, sagt die Kantorin, »wenn ihr zu Hause übt, geht in die selbe Haltung, das ist ein rhythmisches Stück.«

In der Pause wird die Zugfahrt zum Auftritt nach Köln organisiert. Charlotte Brombach vom Vorstand des Fördervereins hat ein Kästchen mitgebracht: »Jeder kann 46 Euro hineinlegen oder mehr oder weniger.« Eine Frau bietet an, Finanzierungslücken zu füllen. Bisher hat es immer geklappt, mit Solidarität und Vertrauen. Noten bezahlen die Chormitglieder selbst. Alles andere, auch Honorare für professionelle SolistInnen und InstrumentalistInnen, werden durch Spenden an den Förderverein und Zuschüsse von Stiftungen aufgebracht. Die Finanzierung möge sich verstetigen, wünscht sich Bettina Strübel. Das wäre gut für eine Stadt wie Frankfurt, in der der Chor interkulturelle Kontakte pflegt und neu knüpft.

Der Chor hat um die 50 Mitglieder, vom pensionierten Pastor über Berufstätige bis zu Studierenden. Was ist so gut daran, hier mitzusingen? »Dass es anspruchsvoll ist«, sagt eine Sängerin, eine andere: »dass es interreligiös ist«, die dritte: »dass es projektorientiert ist« und man sich immer neu entscheide. Silke sagt: »Ich erlebe hier religiöse Gemeinschaft, das ist in der Kirche nicht so.« Angela spricht von den netten Leuten, die mitsingen, das mache ihr so gute Laune, dass sie sogar auf der Arbeit darauf angesprochen werde. Mehrere, darunter Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind, erzählen, dass sie im Chor einen Zugang zu Religiosität und Spiritualität finden. Bilqis, die das Fach Islamische Studien studiert, fand das Bibliodrama »super«, endlich einmal sei ihr theologisches Wissen relevant gewesen, in ihrer Community sei das nicht so. »Weil Sie eine Frau sind?«, frage ich vorsichtig. »Nein, weil die anderen BWL studieren.« Charlotte Brombach berichtet über Chor-Workshops, an denen Sikhs und Bahai teilnahmen, und von einer Liederwerkstatt mit muslimischen Frauen, bei denen sie Lieder kennenlernte, die »unseren« Adventsliedern ähneln.

So ein Reichtum, so viel Freude, fast zu schön, um wahr zu sein. Haben Verstehen und Einverständnis keine Grenzen? Strübel meint, wenn der interreligiöse Dialog ins Stocken komme, helfen die gemeinsamen Quellen, die Psalmen. Doch gerade sie zeigen auch Unterschiede. Denn im Christentum werden sie vielfach auf Jesus bezogen, was im Judentum notwendigerweise nicht so ist. Die Kantorin habe es nicht immer leicht gehabt mit ihm, sagt Kempin. Gemeinsamkeit ja, Einheitsbrei nein. Nicht alles sei kompatibel. Enthielten die Stücke Passagen, die sich auf die Dreieinigkeit beziehen, verstünden Christen das so, dass damit ein Gott gemeint ist. Für Juden (und Muslime) sei das nicht so klar. Auch unterm Kreuz und neben dem Taufbecken zu singen, sei für manche jüdischen Chormitglieder, wie ihn, nicht möglich, er sehe im Kreuz ein Folterinstrument. »Im Zusammenleben die Identität zu bewahren, das ist ein Kunststück, das muss man lernen.« Grenzen zu ziehen bedeute keine Geringschätzung. »Sehnsucht nach Religion und Spiritualität bleiben im Alltag ungelebt und ungewusst. Menschen, die religiös empfinden, sollten sich mit dieser Sehnsucht zusammentun.« Und diese Sehnsucht existiert. Die Konzerte sind gut besucht. 2015 wurde der Chor zu einer multireligiösen Feier am Tag der Einheit eingeladen, 2017 wird er beim Kirchentag in der Berliner UdK singen. Und jetzt fällt mir wieder ein, was Daniel Kempin noch über den Versöhnungstag sagte: »Mit den Menschen muss man sich vor Jom Kippur versöhnen.«

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