Werbung

Blick in die Vorhölle

Asli Erdogan

  • Von Walter Kaufmann
  • Lesedauer: 3 Min.

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Im August wurde die türkische Schriftstellerin Asli Erdogan verhaftet, am Donnerstag hat die Staatsanwaltschaft in Istanbul für sie und acht weitere Angeklagte lebenslange Haft gefordert. Asli Erdogan, die auch als Journalistin der Istanbuler Zeitungen »Radikal« und der kurdisch-türkischen »Özgür Gründem« tätig war, wird Mitgliedschaft und Propaganda für die kurische Arbeiterpartei PKK vorgeworfen.

Das ist der - vorläufige Höhepunkt - der Repression gegen die 1967 in Istanbul geborene Schriftstellerin, die zunächst Physik und Informatik studierte und von 1991 bis 1993 am europäischen Kernforschungszentrum Cern in Genf arbeitete. Danach lebte sie kurzzeitig in Rio, bevor sie wieder in die Türkei übersiedelte. Nach ihrer Rückkehr engagierte sie sich im türkischen P.E.N.-Komitee »Schriftsteller in Haft«.

Mit ihrem dritten Roman, der in Rio de Janeiro handelt - »Die Stadt mit der roten Pelerine« - gelang ihr der Durchbruch zur weltweiten Anerkennung. Jetzt wurde das Buch im Unionsverlag wieder aufgelegt. In der Romanfigur Özgür offenbart sich das zweite Ich der Autorin, was Asli Erdogan nicht verhehlt. »Stadt der Abgründe, der Kadaver«, ist zu lesen (anderswo weit Krasseres), »Rio, das waren Regentropfen, so schneidend wie Rasierklingen; waren die Busse nach Santa Teresa, voller Säufer und Banditen, die einstimmig miteinander sangen; war das Nerven zerreißende Schlagen der Karnevalstrommeln …«

In Santa Teresa, eine der ärmsten Favelas Rio de Janeiros, wohnt Özgür, wie seinerzeit auch Asli Erdogan, zwei Jahre lang in einer schäbigen Behausung zur Untermiete. Von dort aus wird sie Rio de Janeiro erforschen, eine Stadt, in der sie sich nie einleben, stets verwundbar bleiben wird, wehrlos unter Dieben, Messerstechern, Vergewaltigern, Frauenmördern - eine Gringa eben, eine Weiße!

Die Özgür im Roman sieht sich einem Rio de Janeiro ausgesetzt, das kaum der Stadt gleicht, die mir einst ans Herz gewachsen war, die ich als weltoffen erlebt hatte, eine sonnige Stadt am Meer mit weiten Stränden und umgeben von grünen Bergen. Ohne Frage wird Asli Erdogan in ihrer zweijährigen Favela-Zeit tiefere Einblicke gewonnen haben als ich in meinen wenigen Wochen in Rio de Janeiro. »Die Stadt mit der roten Pelerine« weist glänzende Beobachtungen auf, vermittelt echt brasilianische Stimmungen, kraftvoll-gefährliche Begegnungen in der Favela.

Gerade diese Passagen werden es gewesen sein, welche der Schriftstellerin den Durchbruch brachten und moderne türkische Gegenwartsliteratur über die Grenzen des Landes hinaus bekannt machten. Wobei ein düstereres Rio de Janeiro als das von Asli Erdogan gezeichnete kaum denkbar ist: ein Alptraum, eine Vorhölle, die einem die Kehle zudrückt, einen hinein in den Abgrund drängt.

Wie erst mag diese mitfühlende, empfindsame Frau, wie sie in der Romanfigur Özgür zu erkennen ist, ihre Inhaftierung in einem Istanbuler Frauengefängnis empfinden?

Asli Erdogan: Die Stadt mit der roten Pelerine. Roman. Aus dem Türkischen von Angelika Gillitz-Acar und Angelika Hoch. Unionsverlag. 218 S., geb, 22.95 €.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Noch kein Abo?

Jetzt kostenlos testen!

14 Tage das »nd« gratis und unverbindlich als App, digital oder gedruckt.

Kostenlos bestellen

Das Blättchen Heft 19/18