Werbung

Nach 31 Jahren: Lokisten gegen Chemiker

Folge 106 der nd-Serie «Ostkurve»: Im Sachsenpokal empfängt BSG Chemie Leipzig den 1. FC Lokomotive Leipzig

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

BSG Chemie Leipzig gegen 1. FC Lokomotive Leipzig - wortgetreu gab es diese Ansetzung letztmals am 22. Mai 1985 im alten Zentralstadion. Die Fans der «Loksche» denken gern daran zurück: Mit seinem Treffer zum 1:0-Endstand besiegelte Lok-Stürmer Dieter Kühn dereinst den Abstieg des Stadtrivalen, der es seither nie wieder in eine erste Liga geschafft hat.

Wegen allerlei Vereinsumbenennungen nach 1990 und noch mehr Insolvenzen mussten 31 Jahre vergehen, damit es diese Ansetzung nun mal wieder in einem Pflichtspiel gibt. Die Auslosung der Viertelfinalrunde des sächsischen Landespokals bescherte den Fans jenes Duell, das trotz des Bundesliga-Siegeszuges von RB Leipzig die Gemüter der Messestädter seit Tagen und Wochen erhitzt: Am Sonntag muss Lok nach Leutzsch - in den Alfred-Kunze-Sportpark zu Chemie.

In kaum einem Derby des deutschen Fußballs sind sich die Fans in so herzlicher Abneigung verbunden wie in diesem: Hier die grün-weißen Chemiker mit ihrer lebendigen Ultraszene, deren Anhang eher dem linken Spektrum zugeordnet wird, dort die Lokisten aus dem Stadteil Probstheida, unter denen entgegen allen Beteuerungen noch immer allerlei rechte Spukgestalten umherziehen - Schlachtruf: «Chemieschweine raus!».

Bereits am Donnerstag ließen Unbekannte, vermutlich Lok-Anhänger, Strohpuppen in Grün von Leipziger Autobahnbrücken baumeln, was die sächsische Polizei nun wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr ermitteln lässt. Dass die Lok-Anhänger zu martialischen Gesten neigen, zeigten sie schon am Reformationstag: Während Chemies Fußballer, derzeit Zweiter in der NOFV-Oberliga Süd, samt Anhang zum Auswärtsspiel in Makranstädt weilten, stiegen Dutzende schwarzgekleidete Männer über den Zaun des Alfred-Kunze-Sportparks und entrollten stolz ein blau-gelbes Banner mit dem Slogan «Good night green-white!»

4999 Zuschauer sind zugelassen für die Partie des gastgebenden Fünftligisten gegen den Viertligisten in jenem Stadion, in dem sich zu Glanzzeiten schon bis zu 30 000 Menschen am Spielfeldrand drängten. Seit Tagen sind die Tickets (7 Euro plus 3 Euro Sicherheitszuschlag) ausverkauft, immerhin 750 Karten gingen dabei an die Gästefans.

Lok-Trainer Heiko Scholz hatte sich anfangs eine Verlegung in die Arena des ehemaligen Zentralstadions gewünscht. In seinem Verein war man der Meinung, allein an Lok-Fans hätten bis zu 10 000 Tickets verkauft werden können. «Klar, dass Heiko Scholz in der Leutzscher Hölle nicht spielen will», sagte Dirk Skoruppa, Sprecher des BSG-Vorstands. «Als ehemaliger Chemie-Spieler weiß er nur zu gut, wie schwer es bei uns für Auswärtsteams ist.» Lok hat seine Fans zum Public Viewing ins heimische Bruno-Plache-Stadion geladen.

Anno 2016 entspricht das sportliche Kräfteverhältnis in etwa den Relationen von vor 31 Jahren, allerdings ein paar Klassen nach unten versetzt: Chemie ist als Aufsteiger in die fünfte Liga eindeutig der Außenseiter, Viertligist Lok trotz einer «Ergebniskrise (O-Ton Scholz) und Rang 13 in der Regionalliga der klare Favorit. »Bloß nicht überdrehen«, hat Heiko Scholz seinen Spielern als Marschroute empfohlen. »Das wird ein Hexenkessel, das musst du als Spieler wissen«, verriet er der »Leipziger Volkszeitung«. Scholz, übrigens 1990 bei seinem Wechsel von Lok Leipzig zu Dynamo Dresden der erste Millionentransfer im DDR-Fußball, weiß, wovon er spricht: Er spielte für beide Klubs und 1992 als Leverkusener sogar einmal im DFB-Trikot, was ihn am Sonntag zur prominentesten Figur des Stadtduells macht. Bis März hatte noch Ex-Nationalspieler Mario Basler als »Geschäftsführer Sport« diese Rolle bei Lok ausgefüllt.

Während BSG-Kapitän Stefan Karau sagt, das Match gegen Lok sei »für alle Chemie-Spieler das höchste der Gefühle«, sehen die Chemie-Funktionäre das Derby zwiespältig: »Beide Gefühle, Bedenken und Vorfreude, halten sich die Waage«, sagt Vorstandsprecher Skoruppa. Mehrere Polizeihundertschaften werden am Sonntag rund ums Stadion im Einsatz sein. Chemie gegen Lok ist ein Risikospiel, erst recht, nachdem sich in Internetforen auch Unterstützung von außerhalb angesagt hat: Zu den Chemikern wollen sich demnach Anhänger der SG Eintracht Frankfurt gesellen. Auf Seiten der Lokisten könnten sich Anhänger von Hansa Rostock, Halleschem FC und BFC Dynamo tummeln - allesamt nicht eben für ihre Friedfertigkeit bekannt.

Vor allem ein Erscheinen der BFC-Fans in Leipzig erscheint plausibel, schließlich sind die Dynamos am Sonnabend bei RB Leipzig II zu Gast. Die Hauptstädter könnten einfach über Nacht in der Stadt bleiben. Für die Berliner Fans ist Leipzig-Leutzsch von besonderer Bedeutung: Hier starb 1990 der 18-jährige BFC-Anhänger Mike Polley durch die Kugel eines Polizisten. Die Umstände von Polleys Tod sind bis heute ungeklärt.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

9 Ausgaben für nur 9 €

Jetzt nd.DieWoche testen!

9 Samstage die Wochenendzeitung bequem frei Haus.

Hier bestellen