Werbung

Marvels größte Superheldin ist eine Stadt

Der kostenlose Online-Comic »Madaya Mom« erzählt eine Geschichte aus einer belagerten syrischen Stadt

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Spätestens als die Medikamente für das kranke Kind ausgehen, die Haut beginnt vom unterernährten Körper abzublättern, als die Granate einem der Schüler ein Bein abreist, müsste der Superheld erscheinen. Vielleicht irgendein unscheinbarer Student, der durch einen Angriff mit radioaktiven Geschossen übermenschliche Fähigkeiten entwickelt hat. Oder ein Straßenjunge, der in einem geheimen Regierungsexperiment zum unverwundbaren Supersoldaten verwandelt wurde und nun die Seiten wechselt, mit einem Hitzestrahl aus seinen Augen das Minenfeld säubert und in Überschall den Belagerungsring durchsprengt.

Aber im im neuesten Comic des Marvel-Verlages, der mit Superheldengeschichten wie Spider-Man oder Captain America bekannt wurde, kommt kein solcher Superheld. Denn der Plot von Marvels »Madaya Mom« spielt in der echten Welt - in der von Syrien.

Gemeinsam mit dem US-Fernsehsender ABC News hat Marvel (beide gehören zum Disney-Konzern) die wahre Geschichte vom Leben und Sterben in der westsyrischen Kleinstadt Madaya veröffentlicht. In 34 schwarz-weiß colorierten Panels erzählt die titelgebende Mutter von ihrem Kampf. Aber nicht von dem gegen Superschurken. Sondern von dem gegen Kälte, Krankheiten, Hunger und für das Überleben ihrer Ehemannes und ihrer vier Kinder.

Dass solche Geschichten in Syrien nicht fiktional sind, wurde der weltweiten Öffentlichkeit spätestens Anfang dieses Jahres bekannt, als Bilder von unterernährten Kindern aus der Kleinstadt an der libanesischen Grenze drangen. Der einstige Urlaubsort Madaya ist auch heute noch einer von rund einem Dutzend syrischen Städten, die belagert werden - einige vom Regime wie Madaya, andere von Rebellen wie das bei Idlib gelegene Kafraya. Rund eine halbe Million Menschen sollen derzeit in Orten wie Madaya von Hilfslieferungen abgeschnitten sein, so die Vereinten Nationen.

Mit dem Bericht über eine dieser wenigen Hilfslieferung begann auch die Entstehungsgeschichte des Comics: »Unsere Körper sind nicht mehr gewohnt zu essen, meine Kinder sind hungrig aber sie werden krank, bekommen starke Bauchschmerzen von dem Essen, weil unsere Körper das Essen nicht mehr verdauen können, weil wir so lang gehungert haben.« So lautete der erste Augenzeugenbericht von der namentlich nicht genannten »Madaya Mom«, den ABC News im Januar dieses Jahres auf dem Blog seiner Website veröffentlichte. Als der Kontakt zwischen »Madaya Mom« und den Reportern auch in den folgenden Wochen und Monaten nicht abriss und TV-Bilder aus der Gegend ausblieben, entstand die Idee, den Zuschauern die Geschichte als Comic zu vermitteln.

Gezeichnet wurde »Madaya Mom« von Dalibor Talajic, den Fans aus Serien wie Deadpool oder X-Men kennen. Der aus Kroatien stammende Künstler ist selbst vor dem Krieg auf dem Balkan geflohen. Vielleicht ist das ein Grund, warum er in »Madaya Mom« auf so ziemlich alles verzichtet, was seine sonstigen Comics ausmacht: Keine Kämpfe, keine Explosionen, nur ein einziges Mal gibt es Blut zu sehen. Als eine Granate in der Schule einschlägt, stehen die psychischen Probleme der Kinder im Fokus der Geschichte. Ansonsten: Bilder vom letzten Gemüse, Gesangsversuchen, Wäschewaschen, vom Alltag. Überhaupt verzichtetet Talajic auf jede zusätzliche Dramatisierung. Keine überraschenden Twists. Kein »Gut-versus-Böse«-Schema bietet dem Leser die Möglichkeit seinen Frust bei realen oder imaginären Schurken abzuladen. Keine emotionalen Höhepunkte. Keine hoffnungsvollen Andeutungen. Und auch kein Happy End.

»Ich hatte Angst, dass meine Kinder sterben könnten aber jetzt denke ich, dass der Tod vielleicht gnädiger sein könnte als das, was wir momentan durchmachen«, ist der letzte Satz der »Madaya Mom«. Ihren Vater und zwei Brüder hat sie schon verloren. Wie ihr Ehemann hat auch sie aufgehört zu essen, damit sie die wenige verblieben Nahrung ihren Kindern geben kann. Vielleicht ist Marvels »Madaya Mom« doch die Geschichte einer Superheldin.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

9 Ausgaben für nur 9 €

Jetzt nd.DieWoche testen!

9 Samstage die Wochenendzeitung bequem frei Haus.

Hier bestellen