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Bayern ist mal Spitzenreiter, mal Schlusslicht

Nirgends heißen mehr Neugeborene Lukas, sind die Gefängnisse voller und die Bahnstrecken länger - der Freistaat im statistischen Vergleich

  • Von Marco Krefting, München
  • Lesedauer: 4 Min.

Das bayerische Ego wird es verkraften: In vielen Ländervergleichen steht der Freistaat nicht auf Platz eins. Bei der Strauchbeerenernte zum Beispiel hat Niedersachsen die Nase vorn. Die meisten Musikschullehrer beschäftigt Baden-Württemberg. Und bei den »Bufdis« hat Bayern in Relation sogar die rote Laterne: Je 100 000 Einwohner engagieren sich im Freistaat gerade einmal 27 Menschen für den Bundesfreiwilligendienst. Thüringen kommt auf 103.

Diese Erkenntnisse liefert das Statistische Jahrbuch 2016 für Deutschland, das vor wenigen Tagen veröffentlicht wurde. Der fast 700 Seiten dicke Wälzer eignet sich weder zum Schmökern noch als Gute-Nacht-Lektüre. Aber er taugt zum Vergleich - und hält so manche Kuriosität parat. So ist Bayern demnach das einzige Bundesland, in dem Lukas 2015 unter den Top 3 der häufigsten Vornamen Neugeborener stand. Im Freistaat wurden im letzten Jahr mit 918 000 so viele Rinder geschlachtet wie sonst nirgends. Mit einer Belegung von 94 Prozent sind die Gefängnisse in Bayern am proppevollsten. Und mit 6310 Kilometern zwischen Rhön und Alpen ist das bayrische Streckennetz der Eisenbahn im Bundesvergleich nicht nur das längste, die Streckenlänge wuchs in Bayern im Gegensatz zu vielen anderen Bundesländern zwischen 2005 und 2014.

Manche Spitzenplätze sind ziemlich erwartbar, beziehungsweise den Fachleuten längst bekannt: Mit 5,45 Milliarden Euro ist Bayern beim Länderfinanzausgleich der größte Geber. Mit 3,6 Prozent war die Arbeitslosenquote im vergangenen Jahr am niedrigsten. Und mit einer Ganztagsquote bei der Kinderbetreuung von knapp über zehn Prozent bei den Unter-Dreijährigen schneidet Bayern im Ländervergleich am schlechtesten ab.

Warum interessieren wir uns überhaupt für solche Vergleiche? Sozialpsychologen begründen das zum einen mit dem Wunsch, ein positives Selbstbild zu erhalten. Zum anderen mit dem Versuch, Wissen über die Umwelt zu erlangen. Denn sich selbst kann man am besten in Relation zu anderen einschätzen. Bundesländer sind da nur eine von vielen Kategorien.

Beispiel Kultur und Bildung: 190 Volkshochschulen, 129 063 Kurs- und 38 210 Einzelveranstaltungen waren 2014 jeweils unerreicht. Eher schlecht sieht jedoch aus Sicht von Wilhelm Lang, Direktor des Bayerischen Volkshochschulverbands, die staatliche Förderung aus: gerade einmal sechs Prozent des Gesamtetats. Bemessen pro erwachsenem Einwohner läge der Freistaat am unteren Ende. »Für ein Spitzenland, das Bayern gerne ist, finde ich das sehr blamabel«, sagt Lang.

Mit 9,5 und 11 Prozent stiegen zudem die Ausgaben je Professor beziehungsweise wissenschaftlichem Mitarbeiter an den Hochschulen von 2012 auf 2013 so stark wie in keinem anderen Bundesland - in manchen sanken die Personalausgaben sogar. Und Bayern bringt es auf neun staatliche Archive der Länder, die etwa Unterlagen der Behörden und Gerichte beherbergen. Klingt wenig, doch nur wenige Länder haben ein solches Archiv. Selbst das von den Einwohnerzahl größere Nordrhein-Westfalen kommt nur auf vier.

Überraschend deutlich hebt sich Bayern auch beim Anstieg der Privathaushalte von der Länderkonkurrenz ab. Seit 1991 wuchs der Anteil um mehr als ein Viertel auf zuletzt 6,3 Millionen. Gleiches gilt für den Anteil der Familienangehörigen unter den Arbeitskräften in landwirtschaftlichen Betrieben: Mit über 76,2 Prozent liegt er in Bayern erheblich über dem Wert von Schlusslicht Brandenburg, das auf nicht einmal 15 Prozent kommt.

Apropos Agrar: Mit 4783 Betrieben in der Kategorie »Erzeugung aus Aquakultur« - also der kontrollierten Aufzucht etwa von Fischen - hat Bayern die Nase weit vorn. Auf Rang zwei folgt NRW mit gerade einmal 261. Das zeigt aber auch, dass Statistiken immer mit Vorsicht zu genießen sind: Bei der erzeugten Menge ergibt sich ein völlig anderes Bild: Zwar führt auch da Bayern die Liste mit 6240 Tonnen an. Auf dem zweiten Platz liegt hier aber Schleswig-Holstein mit 3811 Tonnen. Die Betriebe im Freistaat müssen also im Schnitt einfach deutlich kleiner sein.

Und wo wir schon bei den Details sind: Bei den Mitgliedern unter 27 Jahren der deutschen Chorverbände erreicht der Chor-Verband Bayern mit 30,3 Prozent den Spitzenwert. Das liegt laut Präsidentin Angelika Schreiegg an den Schul- und Kinderchören. »Das macht bei nur 1200 Mitgliedern schnell einen erheblichen Anteil aus.« Dies ist aber auch ein gutes Beispiel für die Haltbarkeit solcher Zahlen: Ende des Jahres wird der Verband aufgelöst. dpa/nd

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