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Das Ende dieser Welt

Bernd Zeller über eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dem »Spiegel« und dem »Wachtturm«

Unser heutiger Bericht widmet sich dem Ende der Welt, wie wir sie kennen. Wie die Leser des Wochenendmagazins »Der Spiegel« sowie alle, die nur auf dessen Titel schauten, erfahren haben, ist das Ende der Welt, wie wir sie kennen, nach der US-Präsidentenwahl nun da, nachdem es lange Zeit nur nah gewesen ist, wie bisher vor allem den Lesern des »Wachtturms« bekannt war.

Eine Fusion von beiden Zeitschriften wäre naheliegend, die Weltuntergangskompetenz der »Wachtturm«-Redaktion dürfte den »Spiegel«-Mitarbeitern die dringend benötigte Orientierung geben und sich mit deren Deutungshoheit ergänzen, aber das müssen die Gesellschafter entscheiden.

In der letzten »Spiegel«-Ausgabe hatte unser noch amtierender Bundespräsident in der Vernehmung ausgesagt, dass die Bürger seit Jahrtausenden gewohnt waren, Sorgen zu haben, und sich jetzt, wo es keinen Grund mehr gibt, einfach aus Gewohnheit weiter ängstigen. Wenn dann eine Woche später das Ende der Welt, wie wir sie kennen, ausgerufen wird, könnte das bedeuten, dass es doch wieder die überwundenen Gründe zur Sorge geben könnte - oder auch ganz andere, die nur bei Journalisten vorkommen. Wir sind es vom Journalismus zu Recht gewohnt, dass ganz emotionslos berichtet wird und dass Meldungen und Kommentare getrennt sind. Das bedeutet, im Kommentar erfährt man nichts Neues, und gemeldet wird, was nichts bedeutet. Der Leser soll sich selbst ein Gefühl bilden. Da aber die Leser damit überfordert sind (schließlich wären sie sonst selbst Journalisten oder wenigstens Politiker), suchen sie sich welche, die ihnen die Stimmung machen, und die Verkaufszahlen sinken. In der neuen Ära könnten »Spiegel«-Journalisten zwangsverpflichtet werden, nicht mehr das zu schreiben, was gut ist, sondern vielleicht, na sagen wir, was eine Dienststelle vorgibt. Bislang undenkbar, aber mit der Welt, wie sie »Spiegel«-Redakteure kannten, ist es ja vorbei.

Keineswegs darf man darin eine nur für Medien relevante Angelegenheit sehen und sich einreden, nicht davon betroffen zu sein. Der zwischendurch als Bundespräsident gehandelte Winfried Kretschmann hat gesagt, man solle es mit der politischen Korrektheit nicht übertreiben. Ein Grüner. Das ist das Ende der Welt, wie wir sie kennen, oder jedenfalls ein Zeichen. Manche sagen, damit habe er sich nun wirklich vom Maoismus verabschiedet.

Möglicherweise ist damit eine neue Funktion des Bundespräsidenten in Vorbereitung; das repräsentative Staatsoberhaupt könnte die Aufgabe haben, den aktuell gültigen Grad an politischer Korrektheit festzulegen. Denkzettelwahlen würden überflüssig, wenn der Bundespräsident zum richtigen Zeitpunkt Lockerungen vornimmt, ohne den Eindruck zu erwecken, auf Strömungen zu reagieren, denn die Strömungen würden sich erübrigen, und er wieder strengere Richtlinien ausgibt, sobald neue Ungerechtigkeiten in der Sprache entdeckt werden.

Diese Macht muss selbstverständlich kontrolliert werden; es ginge beispielsweise nicht, dass das Wort arm abgeschafft wird zu dem vermeintlichen Zweck, die als Arme stigmatisierten anders Habenden nicht sprachlich zu diskriminieren. Damit würde die soziale Schere verschleiert, die braucht man aber für den schweren Anfang. Das Ende ist immer auch die Stunde des Neuanfangs, so war es bisher gewöhnlich, dem »Spiegel« ist nur nicht bekannt, ob nun eine Stunde Null kommt, wie wir sie kennen, oder wie wir sie nicht kennen.

Beim »Spiegel« selbst ist indes mit einer Stunde Null neuen Typs zu rechnen. Immerhin haben diese Menschen alles verloren, denn wenn die Welt eine andere ist, als sie sie kennen, haben sie nichts. Die Gesellschaft braucht deshalb eine neue Kultur, »Spiegel«-Journalisten aufzunehmen. Sie in Turnhallen unterzubringen, wird nicht nötig sein, aber Patenschaften über einzelne könnten die Spaltung der Gesellschaft überwinden.

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