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Sergej Karjakins Festung steht

Nach einem Viertel der Schach-WM ist Weltmeister Magnus Carlsen noch ohne Sieg

  • Von Dagobert Kohlmeyer
  • Lesedauer: 4 Min.

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Auch das dritte Spiel im Schachduell um die Krone in New York endete remis, aber es war ein echter Krimi. Die heiß umkämpfte Partie enthielt alles, was Schach so faszinierend macht. Magnus Carlsen eröffnete mit seinem Königsbauern. In der Spanischen Partie entschied sich sein Gegner für die solide Berliner Verteidigung. Lange blieb die Stellung im Gleichgewicht, doch der Weltmeister baute still und leise Druck auf, was Karjakin schließlich einen Bauern kostete. Der Russe verteidigte sich hartnäckig und schien nach der ersten Zeitkontrolle das Schlimmste überstanden zu haben. Doch Carlsen schaffte es mit feinen Manövern noch einmal, eine Gewinnstellung zu erreichen. Karjakin balancierte am Rande des Abgrunds, aber kämpfte unbeirrt weiter. Nach Carlsens ungenauem Zug 72.Tb7 Ta1 konnte der Herausforderer ins Remis entschlüpfen und wurde damit für seine Nervenstärke, Zähigkeit und Übersicht belohnt. Die Partie dauerte fast sieben Stunden und war mit 78 Zügen die bisher längste im WM-Match. Erst gegen 3 Uhr Morgens Mitteleuropäischer Zeit fand sie ein Ende. Im Klassement steht es nun 1,5:1,5, aber nach dem bisherigen Spielverlauf liegt der psychologische Vorteil eher auf Seiten des Herausforderers.

Noch sind neun Partien zu spielen, und Carlsen bleibt für die meisten Fachleute in diesem Zweikampf der eindeutige Favorit. Er hatte zum Auftakt erklärt, wie toll es sei, das Schachduell in einer so pulsierenden Stadt wie New York abzuhalten. »Hoffentlich wird es in den nächsten Wochen eine große Show. Wenn nicht, dann tut es mir leid«, fügte der Champion hinzu. Wohl eine Vorahnung auf den hartnäckigen Widerstand seines hochmotivierten Gegners, der wie Carlsen 1990 geboren ist und wie sich zeigt, genauso viel Energie besitzt wie der Weltmeister. Beide WM-Finalisten sind Kinder des Computerzeitalters und verdanken ihre große Spielstärke auch der Arbeit mit Schachprogrammen und Datenbanken.

Der USA-Großmeister Yasser Seirawan rechnet mit einem hart umkämpften Wettkampf: »Wer als Erster punktet, gewinnt wahrscheinlich am Ende auch.« Der frühere FIDE-Weltmeister Ruslan Ponomarjow (Ukraine) sagte: »Ich halte Carlsen für den besseren Spieler und klaren Favoriten. Aber nach dem Brexit und Donald Trumps Wahlerfolg kann mich nichts mehr überraschen.« Deutschlands Schachfrau Nr.1, Elisabeth Pähtz, sieht auch den Norweger vorn. Die Juniorenweltmeisterin von 2005 meint: »Ich denke, Carlsen wird dieses Duell gewinnen. Er ist einfach stärker und besitzt mehr Matcherfahrung.«

Anders wird die Sache im Lager des Herausforderers gesehen. Dort herrscht nicht erst nach Karjakins couragierter Vorstellung in den ersten Spielen Optimismus. Der russische Schachpräsident Andrej Filatow gibt sich in New York hoffnungsvoll: »Ich glaube an Sergejs Chance. Den WM-Titel im Schnellschach besitzt er ja schon.« Diesen hatte Karjakin 2012 vor Carlsen erkämpft.

Steht es in New York nach 12 Spielen 6:6, wird der Sieger im Schnellschach ausgespielt, eine zusätzliche Nervenprobe. So ein Duell auf höchstem Niveau bedeutet in der Tat eine schiere physische und psychische Belastung. Der englische Großmeister Jonathan Speelman, ein früherer WM-Kandidat, spricht von überwältigender Anspannung und einem Chaos der Gefühle, die man im Griff behalten muss. »Diese Wettkämpfe schlagen alles in ihren Bann, diktieren das eigene Leben schon Monate vorher. Sie hämmern auf Körper und Geist ein, während man spielt, und haben Nachwirkungen, die viele Jahre andauern können.«

Schon in den ersten Partien konnte man sehen, dass Sergej Karjakin top vorbereitet in das Duell um die Krone eingestiegen ist. Wie in den Tagen der Sowjetunion mangelt es ihm nicht an Unterstützung, denn für den Kreml zählt die Schachkrone etwas. Höchstes Niveau ist beim Sturm auf den Schacholymp notwendiger als bei jedem anderen Turnier. Die besten Schachtrainer Russlands konnten ihm helfen, die richtige Wahl der Eröffnungen für das Match zu treffen und die Schwachstellen von Carlsen herauszufinden. Keine leichte Aufgabe, da dieser kaum welche aufweist.

In New York begleiten Karjakin die Großmeister Wladimir Potkin und Alexander Motyljow. Carlsen stützt sich vor Ort vor allem auf seinen Hauptsekundanten Peter Heine Nielsen. Der dänische Großmeister arbeitet schon seit Jahren mit ihm. Mehr Namen verrieten die beiden WM-Finalisten der neugierigen Presse nicht, aber die Zahl ihrer Helfer dürfte bedeutend größer sein. Die anderen Trainer werden zwischen den Partien einfach via Skype aus aller Welt zugeschaltet. In der 4. Partie am Dienstagabend (n. Red.) spielte Karjakin mit Weiß.

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