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Die unvergleichliche Leichtigkeit des Tanzes

Im Bode-Museum bezaubert eine Ausstellung mit Werken des Neoklassizisten Antonio Canova

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 4 Min.

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Es war für den Tanz eine Zeit des radikalen Umbruchs, in die das engagierte Wirken des italienischen Plastikers, Malers und Zeichners Antonio Canova (1757-1822) fällt. Durch Heirat einer Medici mit dem französischen Dauphin 1533 waren italienische Tanzmeister nach Paris mitgekommen, die dort einführten, was im Italien der Renaissance entstanden war: das Intermezzo als tänzerische Einlage etwa in gängige Komödien.

Am französischen Königshof entwickelte sich daraus als Vorform eines Balletts das ballet de cour, ein Gesamtkunstwerk mit politischer, die Monarchie stärkender Botschaft. Besonders unter Ludwig XIV., selbst ein begnadeter Tänzer, fand es zu singulärer barocker Opulenz, mit ihm als Protagonisten, Höflingen als Akteuren. Als der König sich vom Tanz zurückzog, verfiel das Hofballett, hatte jedoch, ehe andere Formen es ablösten, eine fast 100-jährige Existenz hinter sich. Professionelle Tänzer betraten die Bühne, auch dafür hatte Ludwig XIV. vorgesorgt: durch die Gründung der ersten Ballettakademie der Welt 1661 und ihren Nachfolgeeinrichtungen, aus denen das Ballett der Pariser Oper hervorging.

Dass die ersten Berufstänzer mehr wollten als nur gezirkelte Schritte in geometrischen Formen auszuführen, liegt auf der Hand. Marie Sallé etwa ersetzte 1734 das schwere Barock-Kostüm mit seinem Reifrock durch eine Musselin-Tunika, ihre Rivalin Marie Camargo kürzte für mehr Sprungfreiheit die Rocklänge und schaffte die Absatzschuhe ab. Und 1760 veröffentlichte Jean Georges Noverre seine berühmten Briefe über die Tanzkunst, die den Tanz vom belanglosen Intermezzo hin zum Handlungsballett führen sollten.

Inwieweit Antonio Canova über diese Debatten informiert war, ist nicht gewiss. Fest steht, dass er in der Jugend gern den freien Tänzen der Landmädchen von Trastevere nahe Rom zugeschaut hat, sich für Tanzfresken in Pompeji und Herculaneum begeisterte und, so liest man im vorzüglichen Katalog, sogar bedauert haben soll, nicht Tänzer geworden zu sein. Theatertanz hat er mehrfach besucht, war in Kontakt mit Choreografen gekommen. Sein Fasziniertsein vom Tanz hielt ein Leben lang an.

Was dabei in stetem Ringen mit der Form und den verschiedenen Materialien entstanden ist, zeigt derzeit die einzigartige Ausstellung »Canova und der Tanz« im Bode-Museum: weil sie erstmals vereint, was nur in internationalen Museen zu besichtigen ist. Auf grauem Wandgrund präsentiert die gediegene Schau knapp 50 Meisterwerke. Sie beginnt mit einem 1798/99 datierten Zyklus von Tanzdarstellungen in Temperamalerei.

Vor zumeist schwarzem Fond reihen sich in klassizistischer Symmetrie anmutige Frauen in römischen Tuniken, umflattert vom leichten Stoff und von schwingenden Tüchern. Amoretten schauen zu oder begleiten auf Instrumenten. Die Grazien und Venus besänftigen da tanzend den Kriegsgott Mars; Theseus und Perithoos sehen sichtbar entzückt Tanz im Tempel der Diana; Terpsichore erhebt sich, flankiert von Amoretten, auf halbe Spitze vor Euterpe mit zwei Flöten. Bisweilen schweben die Tänzerinnen frei im Raum, erreichen in ihrem Posenreichtum einen Charme, der Tanz ins Himmlische zu entrücken scheint.

Auch in den früher (nach 1790) angesetzten Bleistiftzeichnungen zeigt sich Canovas Auseinandersetzung mit der tänzerischen Schwerelosigkeit. Den Saum des Kleides heben die Figuren kokett, balancieren fast stets auf einem Bein oder stützen die Hände in die Hüften. In einer Skizzenfolge sucht Canova nach dem bewegungsverstärkenden Effekt schwingender Tücher. Mit Zimbeln wird getanzt und mit Oberkörpertorsion. Denkt man sich Blumengirlanden und Putten fort, erinnern die Haltungen an die Geschwister Wiesenthal, an Isadora Duncan und andere Vertreterinnen des freien Tanzes gut 100 Jahre später.

Für Canova waren all die Skizzen indes Vorstufen für seine in Marmor ausgeführten, von reichen Auftraggebern georderten Plastiken. Die »Tänzerin mit Zimbeln« in Berliner Besitz, die »Tänzerin mit den Händen in den Hüften« aus der Eremitage und die »Tänzerin mit dem Finger am Kinn« aus Possagno, alle kurz nach 1800 gefertigt, sind Höhepunkte in der Beherrschung von Stein hin zu einer unvergleichlichen Leichtigkeit des Tanzes. Sie stellen zwar tanzende Frauen dar, deren zarte Gewänder sich erotisch dem Körper anschmiegen; doch steht der souveräne Sieg tänzerischer Schwerelosigkeit über die Marmorschwere hier eindeutig im Zentrum. Das erste romantische Ballett, »La Sylphide«, 1832 in Paris uraufgeführt, hat Canova nicht mehr erlebt. Es hat seinem unermüdlichen Streben nach Schönheit bewegte Form gegeben.

»Canova und der Tanz«. Bis 22. Januar im Bode-Museum, Am Kupfergruben, Mitte

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