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Die vielen Farben des Baikal

Das größte Süßwasser-Reservoir der Erde im Spannungsfeld zwischen Naturidylle und großindustrieller Nutzung

  • Von Ulrich Heyden, Sljudjanka
  • Lesedauer: 8 Min.

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In gewagten Kurven jagen die Schwalben am Ufer entlang. Dann fliegen sie in atemberaubender Geschwindigkeit in eine leerstehende Fischfabrik. In dem Gebäude haben sie ihre Nester.

Wir befinden uns in Sljudjanka, einer Stadt an der Südwestspitze des Baikal. Mein Hotel steht direkt neben der alten Fabrik, ein Überbleibsel der Sowjetzeit, als hier noch Fischkonserven abgepackt wurden. Mich stört das Gemäuer aus rotem Klinker nicht, aber der Hotelbesitzer hat die Außenwand der Fabrik mit einem großen Transparent zum Siegestag am 9. Mai verhängen lassen. So meint er, sei es besser.

Vom Balkon habe ich einen weiten Blick auf den See. Der wechselt alle paar Minuten sein Gesicht. Mal ist er leicht gekräuselt, mal still und flach, mal gewellt. Dann spiegelt sich die Farbe der Wolken im Wasser, und man sieht einen orangen Schimmer. Wenn wieder Regenwolken vorüberziehen, ist er grau-dunkelblau.

Immer wieder lassen sich Schwärme von Wasservögeln auf dem See nieder. Ruhig schaukeln sie dahin. Und dann starten sie plötzlich, wie eine Kunstfliegerstaffel. Eins, zwei, drei, vier, der Reihe nach starten sie und ziehen in Formation über den See.

Vom Dreischicht- zum Einschichtbetrieb im Marmorsteinbruch

Die Schönheit des Sees, lasse ihn nicht los, meint Pjotr, ein Taxifahrer, der mich vom Hotel am Stadtrand zum Bahnhof von Sljudjanka fährt. Alexej, ein 45-jähriger Mann, den ich im Zentrum von Sljudjanka kennenlerne, erzählt, auch er müsse sich jetzt als Taxifahrer durchschlagen. Seinen Job als Fahrer im Marmorsteinbruch habe er verloren. Dort sei früher in drei Schichten gearbeitet worden, jetzt nur noch in einer Schicht. Von den Kandidaten und Parteien, die jetzt mit Plakaten zur Duma-Wahl für sich werben, hält Alexej nichts.

Die Stadt Sljudjanka mit ihren 18 000 Einwohnern wäre wohl nie bekannt geworden, wenn hier nicht 1905 auf Beschluss der russischen Eisenbahnverwaltung ein prächtiger Bahnhof aus rosa und weißem Marmor gebaut worden wäre. Heute ist auf dem Bahnhof, der nur einen Sprung vom Baikalsee entfernt liegt, viel los. Von Wirtschaftskrise ist hier nichts zu sehen. Auf dem Bahnsteig für Passagiere tummeln sich Touristen aus China. Auf den hinteren Gleisen stehen lange Güterzüge mit Öltanks, 100 Meter langen Schienen, die in der Region in dieser Länge produziert werden, mit Holz und Kohle. Kein Zweifel, hier werden die Reichtümer Sibiriens bewegt, Richtung Moskau, Richtung Peking oder Richtung Wladiwostok. Jeder zweite Bewohner von Sljudjanka arbeitet bei der Eisenbahn.

Noch vor dem Frühstück weg mit den negativen Energien

Nach einem Schwitzbad in der Banja möchte man den ganzen See umarmen. Der See ist eiskalt, und der Temperaturwechsel wirkt wie eine innere Massage. Man fühlt sich entspannt und gleichzeitig euphorisiert.

Nach der Banja haben wir noch eine Aufgabe zu erfüllen. Olga, die zu unserer Reisegruppe gehört und sich mit Buddhismus auskennt, hat uns aufgetragen, unsere negativen Energien auf einen Zettel zu schreiben. Am nächsten Morgen habe sie etwas mit uns vor. Wir müssten früh aufstehen.

Noch vor dem Frühstück versammeln wir uns hinter der Banja. Olga öffnet die Klappe zum Banja-Ofen und gibt uns ein Zeichen, die Zettel auf die Asche zu legen. Als alle Zettel dort liegen, zündet sie die den kleinen Haufen an und sagt mit beschwörender Stimme, dass wir nun alles Negative hinter uns lassen und eine neue Zeit beginnt.

Der See ist nun in seiner ganzen Pracht zu sehen. Der Himmel ist rosa-hellblau. In Ufernähe schwimmen große Möwen, die knarzende Geräusche von sich geben, so als forderten sie uns auf, ihnen ein Frühstück zu bringen.

Juri hat Sonja, die einjährige Eule, gerettet

Nicht weit vom Hotel wohnt Juri Karpow in einem Holzhaus. Nach 30 Jahren bei der Transsib-Eisenbahn beschäftigt er sich jetzt nur noch mit dem Sammeln von Porzellan und Schmetterlingen und seinem selbst angelegten botanischen Garten. Ständig wird er als Experte um Rat gefragt oder eingeladen, seine Exponate auszustellen. Außerdem pflegt er Vögel, die von Autos angefahren wurden.

Juri stellt uns Sonja vor. Die einjährige Eule hat sich einen Flügel gebrochen. Mit Juri ist sie ganz auf Du, lässt sich Streicheln und guckt den Besucher mit ihren gelb-schwarzen Augen ohne Scheu und scheinbar ohne eine Bewegung der Lider an.

Das Wetter ist wechselhaft, mal regnet es, mal scheint die Sonne, mal fegt ein starker Wind über den See. Unsere Bootsfahrt über den Baikal wird immer wieder verschoben. Doch schließlich ist Shenja, ein junger Mann mit weißer Kapitänsmütze, bereit. Der Motor wird angeworfen, und das kleine Alu-Boot, das noch aus Sowjetzeiten stammt, zieht mit einer weißen Gischt über den See. Wir sehen einen weißen Berggipfel, über dem Rauchwolken aufsteigen. »Das ist ein Marmorbruch. Dort wird gerade gesprengt«, erklärt Shenja.

Der See sei bei starkem Wind nicht ungefährlich, erzählt unser Kapitän. Jedes Jahr kämen mindestens zwei Fischer ums Leben. Das seien meist Leute, die illegale Netze im See verankert haben, die sie bei jedem Wetter versuchen zu leeren. Die kleinen Boote und die schweren Netze, das ende bei stürmischen Wetter oft in einer Katastrophe.

Der See reagiert auf alle Veränderungen

Der Omul ist neben dem Charius der wichtigste Fisch im Baikal. Er wird etwa 60 Zentimeter lang. Ein Kilo kosten umgerechnet 5,40 Euro. Sein Fleisch ist weiß und äußerst schmackhaft. »Der Bestand des Omul geht zurück«, meint Larissa, die in ihrem Haus, nicht weit vom Ufer, eine kleine Omul-Räucherei betreibt. Das mache ihr schon Sorgen. Der See reagiert auf alle Veränderungen des Klimas sehr empfindlich. Der Wasserspiegel ist in den letzten zwei Jahren um einen Meter gefallen. Das liege an der Dürre, die es gab, meint Karpow. Jetzt regne es wieder viel, und der See fülle sich auf. »Die Natur regelt sich von allein«, ist der Biologe überzeugt.

Im Baikal befindet sich ein Fünftel der weltweiten Trinkwasservorräte. Der See ist riesig, 636 Kilometer lang. Chinesische Unternehmer planen, das saubere Wasser des Sees als Trinkwasser zu exportieren.

Ich frage Karpow, wie sich die Schließung der Papierfabrik am Baikal im Jahre 2006 in der Region ausgewirkt hat. »Das hat die ökologische Situation natürlich verbessert. Insbesondere was den Ausstoß von Gas betrifft. Die großen Behälter mit Schlamm gibt es noch. Zurzeit denkt die Gebietsregierung darüber nach, wie man die Abfälle aufarbeiten und das Territorium reinigen kann. Es werden keine Abwässer der Papierfabrik mehr in den Baikal eingeleitet. Und die Tierwelt des Sees beginnt, sich zu erholen.«

Ulan Bator besteht auf einem Wasserkraftwerk

Doch für das empfindliche Öko-System des Sees droht neue Gefahr. Die Mongolei, mit ihrer aufstrebenden Bergbauindustrie, will an dem in den Baikal mündenden Fluss Selenga das Elektrizitätswerk »Schuren« bauen. Die Mongolei hat bisher nur ein kleines Elektrizitätsdefizit, welches sie mit Importen aus Russland deckt. Doch nun will man offenbar mit aller Macht von Russland unabhängig werden. Ökologen schlagen vor, Wind- und Sonnenkraftwerke zu bauen. Doch nach dem Willen von Ulan Bator soll es ein Wasserkraftwerk sein.

Geplant sind eine Staumauer von 103 Metern Höhe und eine Leistung von 245 Megawatt. Zur Finanzierung des Projekts hofft Ulan Bator auf Kredite von China und der Weltbank. Auf Bitten Russlands hat die Weltbank ihre Finanzierungszusage im Mai zurückgenommen. Russische Ökologen befürchten ein weiteres Sinken des Baikal-Wasserstandes.

Auch China schob seine Kreditzusage auf. Doch im Oktober wurde bekannt, dass Ulan Bator eine Ausschreibung für das Schuren-Projekt gestartet hat. Zu dem Projekt gehören Staumauern an den Flüssen Orchon, Egiji-Gol, Tola und Delgermuren.

Wenn China keinen Kredit gibt, werde man sich an Japan, Südkorea oder auch Norwegen wenden, erklärte der Direktor des Elektrizitätsprojekts, Odchuu Durseegijn. Aufgeschreckt durch das Festhalten der Mongolei an dem für den Baikal gefährlichen Projekt, hat der russische Minister für Naturschutz, Sergej Donski, die Weltbank Anfang Oktober in einem Brief um Aufklärung über die Ausschreibung gebeten.

Russland nutzt das Wasser des Baikal bereits zur Stromerzeugung. Das Elektrizitätswerk Angarsk liegt allerdings an einem Abfluss des Baikal, der Angara, und nicht an einem Zufluss wie die von der Mongolei geplanten Projekte.

Man möchte Tourismus, fürchtet aber die Konkurrenz

Angst vor neuen Projekten haben nicht nur die Ökologen. Die örtlichen Hoteliers und Fremdenführer, Nikolai Alexejew und Maxim Udobkin, fürchten die Tourismusindustrie aus China, die in die Region strebt. Die kleinen russischen Tourismusfirmen, die keine staatliche Unterstützung bekommen, würden davon wohl »erdrückt werden«, meinen die beiden. Während unser Boot über den See flitzt, tauchen rechts und links immer wieder die Köpfe von Robben aus dem Wasser. Sie gucken neugierig. Dann tauchen sie mit einer Rolle vorwärts wieder ab, wobei ihr Rücken in der Sonne blinkt.

Nach 30 Minuten erreichen wir das andere Ufer. Hier ragen die Berge steil aus dem See. Hier gibt es keine Straße, nur eine verwaiste Bahnstrecke, auf der gelegentlich ein Vorortzug mit Touristen fährt. Die Strecke führt durch zahlreiche Tunnel. Ihre Öffnungen sind mit schönen Bögen verziert. Man erzählt, die Tunnel seien vor dem Ersten Weltkrieg mit Hilfe von Ingenieuren aus Italien gebaut worden.

Abends im Hotel beobachten wir wieder die Schwalben, die in gewagten Kurven Bäume und die alte Fischfabrik umrunden. Ich denke, mit dem alten Gemäuer aus rotem Klinker kann die Natur leben, nicht aber mit einer 103 Meter hohen Wasserstaumauer.

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