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Sharing Economy

Smarte Worte 22: Gegenmodell zu einer auf Eigentum basierenden Ökonomie oder Geschäftsmodell für Konzerne? Die Sharing Economy.

Foto: Grafik von Michael Heidinger
Foto: Grafik von Michael Heidinger

»Sharing is caring« (dt.: wer teilt, der hilft), so lautet ein englisches Sprichwort, das von den VertreterInnen der Sharing Economy gern und oft angeführt wird. Das Sprichwort impliziert, dass Teilen etwas ist, das man nicht tut, um daraus einen Vorteil oder einen Gewinn zu erlangen, sondern schlicht, um zu helfen. Als ein Akt, der keine Gegenleistung einfordert, scheint das Prinzip des Teilens der ökonomischen Logik also grundlegend entgegenzustehen.

Dieser Vorstellung vom Teilen widerspricht die Sharing Economy schon in ihrem Namen grundsätzlich, ein Begriff, der Mitte der 2000er Jahre in den USA entstand und keinem spezifischen Autor zugeschrieben werden kann. Ursprünglich diente der Begriff dazu, ein Gegenmodell zu einer auf Eigentum basierenden Ökonomie zu beschreiben. Die gemeinsame Nutzung geteilter Güter steht im Vordergrund. Der Grundgedanke war, dass viele Güter von einem einzigen Eigentümer nicht effizient ausgelastet werden. Würden sich mehrere Personen Güter teilen, müsste es insgesamt weniger Güter geben, eine Verschwendung von Ressourcen würde verhindert. So könnten sich zwei oder mehr benachbarte Familien ein Auto teilen, wenn sie es nicht täglich benötigen. Zusammengefasst wird dieser Gedanke in dem Slogan: »Unused Value is wasted value.«

Dieser Grundgedanke steckt immer noch in vielen Unternehmen der Sharing Economy. Die Geschäftsidee von Uber ist die, dass Privatpersonen ihren selten voll ausgenutzten PKW dazu nutzen, andere Personen zu transportieren, die sich dann kein eigenes Auto kaufen müssen. Der Grundgedanke von Airbnb ist, dass man leer stehenden privaten Wohnraum an andere vergibt, sodass kein Wohnraum verschwendet wird. Crowdfunding Plattformen, auf denen online von verschiedensten Projekten um Spenden geworben wird, sollen wiederum unproduktives privates Kapital freisetzen und bei Crowdworking-Geschäftsmodellen, wie »Amazon Mechanical Turk«, bei denen online Heimarbeit nach Bedarf abgerufen wird, behauptet man immer noch, dass Privatpersonen unproduktiv »verschwendete Zeit« dazu einsetzen könnten, um schnell, quasi nebenher, ein wenig zu arbeiten.

Der Unterschied zum ursprünglichen Gedanken besteht darin, dass ein großer Teil des Werts, der aus diesen neu erschlossenen privaten Ressourcen erwirtschaftet wird, an globale Konzerne wie Uber abfliesst. Die Effizienzgewinne, die die Sharing Economy ermöglicht, dienen also nicht mehr der Ressourcenschonung, sondern werden in Form von Gewinnen an Unternehmen und ihre Risikokapitalgeber beziehungsweise Shareholder abgeführt. Zudem werden die Güter oder die Arbeit nicht mehr in einer Community von Gleichen geteilt, sondern verstärkt in einer anonymisierten Crowd. Dort ersetzt oft eine zentralisierte Kontrollinstanz das gegenseitige Vertrauen, das bei den früheren Formen, wie etwa »couchsurfing« wesentlich für die Sharing Economy war.

Es sind vor allem drei Prinzipien, die die Sharing Economy dabei so erfolgreich machen. Erstens: Vereinfachung. Uber hat sowohl die Vermittlung von Taxifahrten als auch das Taxifahren selbst mithilfe seiner App und GPS-Navigation so vereinfacht, dass theoretisch tatsächlich jeder und jede mit seinem/ihrem Auto sofort als TaxifahrerIn arbeiten kann. Airbnb hat die zeitweilige Vermietung von Wohnungen so vereinfacht, das jede/r ohne Probleme seine/ihre Wohnung kurzzeitig vermieten kann. Zweitens: Zugang zu Arbeit. Uber und andere Sharing-Unternehmen versprechen gerade denjenigen einfachen Zugang zu Arbeit und Einkommen, die auf dem regulären Arbeitsmarkt eher zu den Benachteiligten gehören, wie etwa MigrantInnen. Hinzu kommt, dass versprochen wird, dass diese Arbeit nicht nur angemessen bezahlt sei, sondern auch ein höheres Maß an Eigenständigkeit und Unabhängigkeit erlaube, als reguläre Erwerbstätigkeit – Versprechen, die selten eingelöst werden und oft in prekäre Scheinselbstständigkeit münden. Drittens: Kontrolle. Die Apps, Websites und Algorithmen der Sharing-Unternehmen dienen nicht nur dazu, zwischen KundInnen und AnbieterInnen zu vermitteln, Preise festzulegen oder Zahlungen abzuwickeln. Sie werden auf vielfältige Weise genutzt, um die ArbeiterInnen in der Sharing Economy zu überwachen und zu steuern. Am Ende unterliegen diese ArbeiterInnen trotz der informellen Strukturen der Sharing Economy teilweise einer strengeren Kontrolle als klassische ArbeitnehmerInnen. Der gesellschaftliche Nutzen einer Sharing Economy wird sich künftig daran entscheiden, ob ihre potenziellen Vorteile weiterhin dem Profitinteresse vor allem großer, nach Monopolen strebenden Unternehmen geopfert werden. (sest)

Zum Weiterlesen:

Slee, Tom: Das »Problem of trust« in der Sharing Economy, 29.9.2013 unter: https://is.gd/uI3EFX.

Katz; Vanessa: Regulating the sharing economy, in: Berkeley Technology Law Journal 30(2015)4, unter: https://is.gd/SL71lB.

Lage, Nutzung sowie Umsätze von Airbnb-Wohnung in großen Städten weltweit, unter: http://insideairbnb.com/.

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