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Feuchte Augen und Solarkraftwerke

Dritter Bericht vom Klimagipfel in Marrakesch

  • Von Eva Bulling-Schröter
  • Lesedauer: 3 Min.

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Podiumsdiskussionen sind wichtig, aber oft trocken. An meinem dritten Tag in Marrakesch aber gibt es feuchte Augen. Eingeladen hatte die Rosa-Luxemburg-Stiftung. Auf dem Alternativgipfel in der Cadi Ayyad Universität ging es um die Europäische Union und ihrem Greifen nach den Energie-Rohstoffen der Länder Nordafrikas, ich referierte zum Stand der Energiewende in Deutschland. Auf der Bühne im Hörsaal Nummer 2 berichtete nach mir ein kurz eingesprungener Energie-Experte aus Tunesien über die lange Geschichte französischer und europäischer Ausbeutung von Marokko über Algerien bis Libyen. Wie so oft seien es ausländische Energieriesen, die in Komplizenschaft mit der heimischen Elite die Ressourcen auch seiner Heimat plündern. Salzexporte aus Tunesien etwa würden mit Preisen bezahlt, die vertraglich in 1949 festgelegt wurden. Der totale Ausverkauf, sagt der rund 50 Jahre alte Fachmann, stützt seinen Kopf in die Hände, verliert die Contenance; und beginnt leise zu weinen. Der Saal erstarrt, ich nehme meinen Sitznachbarn kurz in den Arm. Was wir oft vergessen: Energiepolitik ist in der alten Kolonialwelt viel mehr als nur die Frage nach Megawatt-Stunden und Öko-Ausbauzielen, auch Jahrzehnte nach Ende von blutiger Unterdrückung mit Millionen von Toten, wirtschaftlichem Ausbluten und kultureller Erniedrigung. In solchen Momenten weiß ich, warum mein Herz links schlägt.

Nächster Tag, Donnerstag, Besuch des größten Solar-Thermie-Kraftwerks der Welt in Ourzazate, Programm der deutschen Parlamentarier-Delegation. Mit dabei ist auch Umweltministerin Hendricks. Deutschland ist eines der größten Geldgeber für die Riesenanlage in der Wüste, knapp 130 Kilometer östlich von Marrakesch, auf der anderen Seite des Atlas-Gebirges. Tausende metallene Sonnenspiegel bündeln hier die Wüstensonne, erhitzen eine Speicherflüssigkeit auf mehrere hundert Grad, mit Wasserdampf machen Generatoren (Siemens) die unendliche Quelle zu Strom. Die Firma ist ein Public-Private-Partnership, die Mehrheit hält der marokkanische Staat, sprich das Königshaus. Der Traum von sauberer Energie ohne Nebenwirkungen kann auch hier nicht komplett erfüllt werden. Ein hoher Wasserverbrauch sorgt dafür, dass zehn Prozent eines nahe gelegenen Staudamms für die Energiegewinnung verloren geht. Und das in einer trockenen Gegend, deren Menschen, auf Ackerbau und Viehzucht und damit auf viel Wasser angewiesen ist. Auch wurde mir berichtet, dass der Staat beim Landkauf nicht immer einwandfrei legal agierte. Unklar auch, mit wieviel Geld der Staat die Erneuerbare Energien in der Wüste subventioniert, und welche Pläne bestehen den Sonnenstrom nach Europa zu exportieren. Wenn ich in Berlin zurück bin werde ich die Bundesregierung dazu befragen.

Gestern hatte ich versprochen, die Ergebnisse der Klimakonferenz vorzustellen. Das werde ich nun am letzten Blog-Tag machen. Reisen auf die UN-Klimaverhandlungen erlauben mir immer auch einen Blick über den bayerischen Tellerrand. Der Mann, der mir auf dem Alternativgipfel den Kaffee macht verdient an einem Arbeitstag 250 Dirham, für 25 Euro arbeitet der Vater einer Tochter zehn Stunden für den Caterer eines nahegelegenen Hotels. In Marokko wird pro Arbeitstag bezahlt, nicht Stunden, erzählt er mir offen. Für die Miete einer kleinen Ein-Zimmer-Wohnung muss man mindestens 1500 Dirham, 150 Euro auf den Tisch legen, immerhin sechs Zehn-Stunden-Arbeitstage. »Ich wohne aber im Haus meiner Eltern«, lacht er gelassen, sein Kind heißt Fatima. Das war der Name der Lieblingsfrau vom Propheten Mohammed. Glück und Unglück, auch in Marokko liegen das Auf und Ab des Lebens ganz nah beieinander.

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