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Der Export von Autos wiegt schwerer

Eindrücke von der 35. Internationalen Buchmesse in Istanbul

  • Von Mario Pschera
  • Lesedauer: 5 Min.

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Am äußersten Stadtrand der Millionenstadt, vorbei an Industrieanlagen, Outlets und Wohntürmen der staatlichen Baugesellschaft TOKI, hält der Metrobus an einer erst vor kurzem erbauten Station in einem Viertel, dessen Beton noch keine Zeit hatte, zu bröckeln. McDonalds und Burger King haben bereits Einzug gehalten. Hier liegt das Gelände der Messegesellschaft TÜYAP. Der Hallenkomplex, der es von der Ausdehnung her durchaus mit der Leipziger Buchmesse aufnehmen kann, wird vom Turm des TÜYAP-eigenen Fünfsternehotels überragt.

Die 35. Istanbuler Buchmesse trägt den Titel »Philosophie und Mensch«, etwa 800 Verlage und zivilgesellschaftliche Organisationen sind in diesem Jahr vertreten. Eine stattliche Zahl für ein Land, in dem man in kleineren Städten oft vergeblich einen Buchladen sucht. Der Strom der Besucher reißt nicht ab, kaum ein Durchkommen. An den Eingängen sammeln sich lärmende Schulklassen, die Lehrer haben Mühe, die Gruppen zusammenzuhalten.

Zwischen Ständen mit religiöser Erbauungsliteratur, Liebesschnulzen und historisierenden Romanen werden Satirezeitschriften und Comicmagazine, Klassiker der Weltliteratur, gesellschaftskritische Erzählungen und Romane, experimentelle Lyrik und linke Theoretiker wie Piketty und Negri ausgestellt. Plakate mit Che Guevara und Frida Kahlo sind zu sehen, an einem großen Eckstand bewacht ein streng dreinblickender Mensch die Werke von Marx, Lenin und Stalin. Die Hrant-Dink-Stiftung und der türkisch-armenische Aras-Verlag verkaufen Bücher über den Genozid von 1915, Bücher in kurdischer Sprache liegen aus. Haydar Karataş’ Roman über den Ethnozid im Dersim, der nur auf Intervention von Yaşar Kemal überhaupt einen Verlag fand, der das brisante Werk druckte (und bei »nd im club« vorgestellt wurde), liegt einträchtig neben kritischen Analysen der herrschenden AKP und Übersetzungen von Anna Seghers und Alfred Döblin. Welch ein schönes Bild, wäre da nicht das Wissen um die geschlossenen Verlage und Rundfunksender, die verhafteten Journalisten und Schriftsteller.

Ich spreche mit Olcay Geridönmen, Lektorin und Übersetzerin bei unserem Partnerverlag Evrensel, der neben einem beeindruckenden Buchprogramm u.a. das renommierte sozialistische Magazin »Evrensel Kültür« und eine kurdisch-türkische Kulturzeitschrift herausgibt. Beide Zeitschriften wurden verboten und beschlagnahmt, die Konten des Verlages per Dekret vom 28. Oktober gesperrt. Unterkriegen lassen wollen sich die Mitarbeiter des Verlages, viele auf ehrenamtlicher Basis, davon nicht. Mit Unterstützung von TÜYAP und des türkischen Verlegerverbandes wurde der Messestand über eine Drittfirma finanziert, der linke Literaturverlag Ayrıntı veröffentlichte unter eigenem Namen, aber inhaltsgleich die beschlagnahmte »Evrensel Kültür«-Ausgabe, auf dem Titel eine Solidaritätserklärung für Evrensel, die mit den Worten schließt: »Wir wollen Frieden! Wir wollen Demokratie! Wir wollen Meinungsfreiheit!«

Deutschland ist der diesjährige Ehrengast der Buchmesse. »Worte bewegen« ist das Motto des Gastlandauftrittes. Der stellvertretende türkische Kulturminister gewährt freundliche Sprüche über die deutsch-türkische Freundschaft, die Staatssekretärin des Auswärtigen Amtes revanchiert sich mit einem schwäbischen Kochbuch, freundlicher Applaus.

Deutlichere Worte gibt es auf den deutschen Foren. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, die Kurt-Wolff-Stiftung und der PEN haben sich positioniert. Der Schriftsteller Ilja Trojanow, der Dramatiker Moritz Rinke und der Verleger Christoph Links brechen eine Lanze für die Freiheit des Wortes. Alexander Skipis, Vorsteher des Branchenverbandes, bringt es während einer leider nur mäßig besuchten Podiumsdiskussion auf den Punkt: »Unser einziges Instrument ist die freie Rede und die freie Meinungsäußerung. Und die wollen wir so heftig wie möglich einsetzen. Wir haben auf der Frankfurter Buchmesse eine Free the Words Alliance gegründet; eine Allianz verschiedener Organisationen wie Amnesty International, Reporter ohne Grenzen, den Goethe-Instituten und vielen anderen mehr. Wir werden, soviel wir können, Solidarität zeigen und Druck auf die Politik ausüben, auch auf ein Regime wie in der Türkei. Das betrifft nicht nur die Türkei, auch Saudi-Arabien. Da sind katastrophale Zustände, was die Meinungsfreiheit angeht; in Katar ebenfalls. In zwei Staaten, vor denen, zugespitzt gesagt, die Welt zu Kreuze kriecht, weil die einen für sehr viel Geld eine Fußballweltmeisterschaft machen wollen und die anderen, Saudi-Arabien, über das Öl eine entsprechende Macht ausüben. Und wir, die Deutschen, wollen gerne auch unsere Autos dorthin verkaufen. Und dafür ist man bereit, Kompromisse zu schließen, die wir ablehnen. Die Menschenrechte sind nicht verhandelbar. Man kann nicht Menschenrecht gegen den Export von Mercedes, BMW und Volkswagen aufwiegen. Das geht nicht, das muss unsere Regierung erstmal kapieren.«

Unsere Regierung kapiert das nicht. Zwei Tage nach diesem Statement lässt sich der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier bei seinem Türkeibesuch für seine zaghaften Ermahnungen vor laufenden Kameras abkanzeln. Der Export von Autos und der schäbige Flüchtlingsdeal wiegen doch schwerer.

Jeden Montag findet eine Mahnwache vor dem Istanbuler Frauengefängnis für die inhaftierten Autorinnen Aslı Erdoğan und Necmiye Alpay statt. Ich lasse mein Treffen mit Nalan Barbarosoğlu, einer Ikone der feministischen nonkonformen Literatur sausen und finde mich hinter einem Transparent zusammen mit der Schriftstellerin Gönül Kıvılcım wieder, die mit einem Roman über Straßenkinder zur Kultautorin wurde und zusammen mit einigen anderen die wöchentliche Mahnwache organisiert. Sie berichtet mir von der Angst, die viele ihrer Kolleginnen ergriffen hat, die sie schweigen lässt. Diese Angst begegnet mir auch in einem Interview mit einer Autorin, die ungenannt bleiben will, und ein gewisses Verständnis für Erdoğans »Vorgehen gegen Terroristen« äußert, während ihre Lippen zittern.

Etwa fünfzig Leute umfasst die deutsche Delegation. Auf der Mahnwache sind wir vier Verleger, der Verbandsvorsitzende, ein Schriftsteller, eine Mitarbeiterin der Frankfurter Buchmesse. Die Solidarität der deutschen Buchbranche ist überschaubar und Geschäft immer noch Geschäft. Dementsprechend enttäuscht äußert sich der Anwalt der inhaftierten Aslı Erdoğan, der bereits den ermordeten Hrant Dink vertreten hat und selbst Morddrohungen erhält.

Kein einziger Polizist lässt sich bei unserer kleinen Demonstration blicken. Ein scharfer Wind weht, deutsche Kamerateams fangen ihre Bilder und Töne ein, Ilja Trojanow schnorrt eine Zigarette. Ein Unterstützer reicht Teegläser aus. Jetzt würde ich gerne Aslı, diese zierliche Frau mit dem starken Willen, die immer noch unter den körperlichen Folgen einer polizeilichen Prügelattacke vor über zehn Jahren leidet und lebenslänglich bekommen soll, in den Arm nehmen. Aber das Gefängnistor bleibt geschlossen. Der Besuchsantrag der deutschen Delegation wurde noch nicht einmal beantwortet.

Der Autor ist Verleger und Projektmanager Öffentlichkeitsarbeit dieser Zeitung.

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