Von Gaston Latz

Miete verweigern, Kündigung ins Klo

Trotz schlechten Wetters protestieren an die 600 Menschen gegen den Ausverkauf des Schillerkiezes

Das Wetter scheint nicht auf der Seite der Gentrifizierungsgegner zu sein. Kurz vor dem geplanten Beginn der Demonstration am Sonnabend um 16.30 Uhr fängt es an zu regnen, und bis zum Ende hört es auch nicht mehr auf. Trotzdem lässt sich offenkundig niemand die Protestlaune verderben: Nach Angaben der Polizei sind es bis zu 600 Menschen, die sich am Herrfurthplatz in Neukölln versammeln, doppelt so viele wie vom Veranstalter erwartet.

Anlass für ihren Protest ist der Ablauf der Räumungsfrist für den Kiezladen »Friedel54« im März 2017. Seitdem den Betreibern zum 30. April 2016 gekündigt wurde, ist der beliebte Nachbarschaftstreff faktisch besetzt. Ein Zustand, dem die neue Besitzerin des Hauses, die Luxemburger Briefkastenfirma Pinehill, mittels eines jüngst erteilten Räumungstitels ein Ende bereiten will. »Ich sehe das ganz pragmatisch«, sagt einer der Veranstalter der Demonstration, der sich Matthias Sander nennt, »den kapitalistischen Verwertungsprozess, der hinter dieser Räumung steckt, auch nur für eine Weile aufzuhalten, verbuche ich schon als Erfolg«. Ein längerfristiges Ziel sei, »die Eskalation der städtebaupolitischen Situation voranzutreiben«, so Sander weiter, und schließlich wollten sie als Mitbetreiber der »Friedel54« mit ihrer Aktion den politisch Verantwortlichen auch einfach zeigen: »Das ist unser Laden, all das bieten wir hier, und das wird's bald nicht mehr geben, das habt Ihr dann verloren.«

Bevor der Demonstrationszug sich in Bewegung setzt zu seiner Runde über Flughafen-, Donau- und Reuterkiez bis zum Kottbusser Damm, gibt es noch einige Redebeiträge. Eine Betreiberin des Stadtteilladens »Lunte« berichtet von Mietsteigerungen im Schillerkiez: um bis zu 90 Prozent seien die Mieten in den letzten sechs Jahren gestiegen, auf eine Kaltmiete von bis zu 20 Euro pro Quadratmeter. »Sanierungen und Neubau sind eigentlich begrüßenswert, doch die Gesetzeslage und ein autoritäres System verwandeln sie in die größten Bedrohnungsszenarien für Be- und Anwohnerinnen«, sagt sie, und schließt ihre Rede mit dem eher entmutigenden Fazit: »Der Ausverkauf der Stadt hat nicht begonnen, er ist schon fast abgeschlossen.«

Entmutigen lassen sich die Demonstrationsteilnehmer davon jedoch nicht, und nach der raschen Verlesung einiger polizeilicher Auflagen und Verhaltensmaßregeln geht es los mit »A-Anti-Anticapitalista« – Rufen und Sprechchören wie »Miete verweigern, Kündigung ins Klo, Häuser besetzen sowieso«. Auch werden Passanten und Anwohner mit Informationsmaterial bestückt und zur Teilnahme am Demonstrationszug aufgefordert, was jedoch eher auf Unverständnis zu stoßen scheint. Flüchtlinge, die des Deutschen nicht mächtig sind, betrachten etwas ratlos die Flyer, Hipster in der Schiller-Bar nuckeln unbeeindruckt an ihrer Mate-Brause. Die Demonstration verlief plangemäß und bis auf einige Pyroeinsätze auch störungsfrei.

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