Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Mehr als 100 Tote bei Zugunglück in Indien

Schnellzug entgleist im Bundesstaat Uttar Pradesh / über 200 Menschen verletzt

  • Von Stefan Mauer, Neu Delhi
  • Lesedauer: 3 Min.

Hunderte Menschen stehen vor dem Bahndamm und blicken auf einen völlig zerdrückten und zerstörten blauen Waggon der indischen Bahn. Andere Waggons liegen umgestürzt auf den Schienen oder sind vom Damm herunter gerollt. Helfer versuchen, in die zerstörten Wagen zu gelangen, auf der Suche nach Überlebenden.

Viele tragen ihr Gepäck zu Fuß über leer stehende Felder, um die zum Abtransport bereitgestellten Busse zu erreichen. »Wir wachten plötzlich auf, als der Zug mit einem heftigen Ruck und lautem Quietschen zum Stehen kam«, sagte ein Augenzeuge dem Fernsehsender NTDT. »Wir schafften es, auszusteigen, und sahen überall auf den Gleisen Teile der Achsen und Räder verteilt.«

Die Bilder aus dem nordindischen Bundesstaat Uttar Pradesh zeigen die Folgen eines der schlimmsten Zugunglücke, das Indien in den vergangenen Jahren erlebt hat. Am Sonntagmorgen um kurz nach 3 Uhr Ortszeit entgleisten in der Nähe der Ortschaft Pukhrayan 14 der 23 Waggons des Patna-Indore-Express. Drei davon wurden so stark zerquetscht, dass die Rettungskräfte sich auf der Suche nach Überlebenden durch das Metall schneiden mussten.

Bis zum frühen Nachmittag erklärte die Polizei 96 Menschen für tot. Mehr als 200 seien verletzt, 75 davon schwer. Bahnsprecher Anil Saxena schätzt, dass in den drei besonders stark zerstörten Wagen bis zu 150 Menschen gesessen haben. Insgesamt seien in dem Zug rund 2500 Menschen gewesen, als der Unfall passierte. Mehr als 20 Krankenwagen würden die Verletzten in die nächstgelegene Stadt Kanpur transportieren.

Was den Zug zum Entgleisen gebracht habe, wisse man noch nicht, sagt Saxena. Aus dem Bahnministerium hieß es jedoch, dass wahrscheinlich baufällige Schienen der Auslöser der Katastrophe waren.

Indiens Bahnnetz wird häufig als »Lebensader der Nation« bezeichnet. Mit oft vier oder fünf verschiedenen Wagenklassen können selbst Inder mit sehr niedrigem Einkommen sich lange Fahrten leisten. Allerdings sind die Züge meist Monate im Voraus ausgebucht, und die günstigsten Klassen sind chronisch überfüllt - was die Opferzahlen bei Unfällen in die Höhe treibt.

Es wäre nicht das erste Mal, dass baufällige Schienen für die indische Bahn zur Todesfalle werden. Mehr als 90 000 Kilometer davon ziehen sich in verschiedenen Spurbreiten durch das Land. Mehr als 12 000 Züge fahren täglich rund 23 Millionen Passagiere durch Indien. Doch seit die britischen Besatzer im Jahr 1947 das Land verließen, sind wenig neue Gleise hinzugekommen. Allein, um das gigantische Netz instand zu halten, muss das Eisenbahnministerium nach eigenen Angaben jedes Jahr 4500 Kilometer Schienen erneuern.

Dass das nicht immer gelingt, zeigt auch die Statistik des Ministeriums. Zwischen 50 und 80 Entgleisungen gibt es in Indien jedes Jahr. Häufig sterben selbst laut den offiziellen Statistiken mehr als 100 Menschen im Jahr bei Zugunfällen. Außerdem kommt es alle paar Jahre zu besonders schweren Unfällen, bei denen meist hunderte Menschen sterben.

Bahnminister Suresh Prabhu kündete eine umfassende Untersuchung des Unfalls an. »Wir werden so hart wie möglich gegen diejenigen vorgehen, die für den Unfall verantwortlich sein könnten«, schrieb er auf Twitter. »Alle mögliche Hilfe wurde mobilisiert.«

Das Ministerium teilte mit, Prabhu sei auf dem Weg zur Unfallstelle, um sich persönlich ein Bild von der Lage zu machen. Indiens Premierminister Narendra Modi sprach den Betroffenen sein Beileid aus und kündigte finanzielle Hilfen für die Angehörigen der Gestorbenen und für die Schwerverletzten an. 200 000 Rupien (rund 2770 Euro) sollen die Angehörigen erhalten. dpa/nd

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln