Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Eben noch Premiere

Heribert Sasse ist tot

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 2 Min.

Er war der Pathos-Prinzipal. Der Lust- und Leidwandler auf offener Szene. Er trieb sein Theaterspiel sinnend und sentimental hinab in eine Kunsthimmelhölle oder hinauf in einen Kunsthöllenhimmel. Und er ließ es gern und grinsend auf die Bühnenbretter krachen. Heribert Sasse war Schauspieler, Regisseur, Theaterleiter.

Fast 2000 mal trug er Goethes »Werther« vor, eine Lebenspartnerschaft. Neben der Liebe zu Arthur Schnitzler, Stefan Zweig, Joseph Roth und Ödön von Horváth. Er war der Ui und der Herr Karl. Stand neben dem Danton von Götz George als Robespierre auf der Bühne. Spieler bei Rudolf Noelte, Claus Peymann, Jürgen Flimm. Ein österreichischer Schlenzer und Schmähvirtuose, manchmal ein Weihe- und manchmal ein Wurstl-Komödiant - dessen Urgrund aber das Edel-Ethische einer unbedingt aufklärerischen Kunst blieb.

1945 in Linz geboren, studierte er Elektrotechnik, absolvierte eine Managementausbildung. Aus dem Wiener Max-Reinhardt-Seminar in Wien war er wegen Disziplinlosigkeit hinausgeflogen. Dem Sog des Theaters aber konnte er sich nicht entwinden: Auf der Kleinrollen-Treppenleiter ging’s mählich, aber stetig hinauf, von den Kellertheatern der bayerischen Hauptstadt München bis zu Westberlins Freier Volksbühne und Schillertheater. Von 1985 bis 1990 leitete er als Generalintendant Schiller- und Schlossparktheater.

Als ihm der Senat ein Mehrheitsdirektorium beistellen wollte, entschied sich Sasse gegen eine Verlängerung seines Vertrages. Drei Jahre später wurde das Schillertheater nach drastischem Sinken der Auslastungszahlen geschlossen. Dem Schlossparktheater - nunmehr eine Privatbühne - stand er noch einmal vor, 1995 bis 2002.

In den letzten zehn Jahren arbeitete Sasse am Theater in der Wiener Josefstadt, spielte Ibsen und Turrini, Frayn und Milan Dor. Auch inszenierte er die Brecht-Uraufführung »Die Judith von Shimoda«. Vor wenigen Tagen hatten »Die Verdammten« Premiere, eine Inszenierung Elmar Goerdens, nach Luchino Viscontis berühmtem Film. Sasse gab den Patriarchen jener Magnaten- Familie, die mit Schwung auf Nazikurs geht. Die Kritik sprach vom »abgründigen Sitzriesen, der auf den Schwingen der Göttin Demenz in den Untergang hinübertänzelt«.

Als richte sich alle ruppige Kraft und alle schwere Grazie noch einmal auf das, was dieser Heribert Sasse in seinen besten Darstellungen immer war: absturzselig, abgrundsberauscht, abschiedstrunken. Ihn zog es nicht zu den geraden, festen, kernigen Kerlen; ihn trieb es zu den zergerbten Melancholikern und übernächtigten Träumern. Was ihm gelang, waren die Gezeichneten, die Gebrochenen, die Legastheniker des Lebens. Deren untergrabene Willenskraft um einen Trost bat, der nicht ihre Würde kostete.

Am vergangenen Sonnabend ist der Schauspieler in Wien überraschend gestorben, im Alter von 71 Jahren.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln