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Drinnen scheint die Sonne des Orients

Berliner Studentinnen erstellen zusammen mit Flüchtlingskindern ein Märchenbuch

  • Von Jérôme Lombard
  • Lesedauer: 4 Min.

»Es war einmal ein Schäfer, der sein ganzes Land wegen einer schlimmen Dürre verloren hat.« Wenn Lisa Hoff mit ihrer ruhigen Stimme vorzulesen beginnt, hören alle Kinder wie gebannt zu. Die Vorstellungskraft versetzt die Gruppe in eine Welt aus Tausendundeiner Nacht. Draußen ist es grau, es nieselt. Drinnen scheint die Sonne des Orients. Die Geschichte von dem Schäfer, der in die Ferne zieht, um sein Glück zu machen, dabei allerhand Abenteuer erlebt und als reicher, weiser Mann in sein Heimatdorf zurückkehrt, ist ein in Syrien beliebtes Volksmärchen.

Lisa Hoff und ihre Mitstreiterinnen vom Team von »Märchen ohne Grenzen« haben drei syrische Märchenerzählungen aus dem Arabischen ins Deutsche übersetzt. Vergangenen Freitag waren die vier Studentinnen der Freien Universität Berlin in der Bötzow-Grundschule in Prenzlauer Berg. Mit den zwölf Kindern einer Willkommensklasse der Schule im Alter zwischen fünf und zwölf Jahren haben sie einen Workshop veranstaltet. »Gemeinsam mit Kindern aus Geflüchtetenfamilien und Willkommensklassen erstellen wir ein Märchenbuch. Wir lesen ihnen die Märchen vor und sprechen darüber. Die Kinder können ihrer Phantasie freien Lauf lassen und Bilder zu den einzelnen Szenen malen«, erklärt die 22-jährige gebürtige Französin Hoff die Idee hinter dem Projekt. Am Ende soll ein bunt gestaltetes Märchenbüchlein stehen, das in Berlin verkauft wird. Mit dem Erlös wollen die vier Studentinnen deutschsprachige Kinderbücher kaufen und diese den Schulklassen und den Kindern zukommen lassen. Auch weitere Workshops zum interkulturellen Austausch sind geplant.

Das Märchenbuch-Projekt findet im Rahmen des »Funpreneur«-Wettbewerbs statt. Der Wettbewerb wird in jedem Semester als Kooperation des »Profund Innovation«-Karriereservices der Freien Universität, privaten Sponsoren und dem Land Berlin veranstaltet. Der Gedanke dahinter: Die Teilnehmer sollen dazu ermutigt werden, als Projektteams in kurzer Zeit kreative unternehmerische Ideen zu entwickeln und umzusetzen. Die von einer Jury bestimmten besten drei Plätze erhalten ein Preisgeld in Höhe von insgesamt 2500 Euro.

Nicht selten war dies schon das Startkapital für eine studentische Unternehmensgründung. Ginge es nach den Kindern der Bötzow-Grundschule, würden die vier Mädels vom »Märchen ohne Grenzen«-Team den ersten Preis gewinnen. Die spielerische Märchenstunde und das kreative Malen kamen bei den Kleinen ganz offensichtlich gut an. »Ich kenne das Märchen von dem Schäfer und seinen Kamelen. Das ist in meinem Land wirklich sehr bekannt«, sagt der schüchterne Ibrahim aus Syrien und greift sich einen violetten Buntstift aus der Box. Die zwei Räuber, denen der Schäfer auf seiner Reise begegnet, brauchen noch eine ordentliche Haarpracht, findet der Junge. Auch der Bart wird in Ibrahims Szenenbild violett.

Die Idee, syrische Erzählungen aus dem Arabischen ins Deutsche zu übersetzen und daraus gemeinsam mit Kindern ein Märchenbuch zu erstellen, kam den Studentinnen von »Märchen ohne Grenzen« während der Konzeptentwicklung. »Wir wollten ein sozial nachhaltiges Projekt ins Leben rufen. Die Integration von Geflüchteten und Einwanderern ist eine der großen generationsübergreifenden Herausforderungen für die deutsche Gesellschaft. Mit unseren Märchenbüchern wollen wir einen kleinen Beitrag zu Integration und multikulturellem Dialog leisten«, erklärt die Betriebswirtschaftslehrestudentin Daniela Ricaurte. Den Kindern wurde in Syrien durch den Bürgerkrieg die Heimat gestohlen. Durch die Beschäftigung mit ihnen bekannten Märchen werde ihnen in der Fremde ein Stück Heimat zurückgegeben, so die 23-jährige Ecuadorianerin.

Wie es ist, sich in einem neuen Land zurechtzufinden, wissen die vier von »Märchen ohne Grenzen« aus eigener Erfahrung. Die Mädchen kommen aus Frankreich, Ecuador, Kolumbien und Ukraine. In zukünftigen Workshops wollen sie ihre eigenen, ihre ganz persönlichen Erlebnisse mit den Kindern teilen. Und wenn sie den ersten Platz samt Preisgeld gewinnen? Dann könnte aus »Märchen ohne Grenzen« schon bald eine eigene Marke für ins Deutsche übersetzte Märchenbücher aus aller Welt werden. Natürlich immer mit von Kindern selbst gemalten Illustrationen.

Das klingt ambitioniert. In jedem Fall soll das Projekt nicht mit dem laufenden Wettbewerb enden. Ein gutes Märchen hat schließlich stets ein gutes Ende. Ein solches wünscht man auch den grenzenlosen Märchenerzählerinnen.

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