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Fern von Moskau

Katerina Poladjan und Hennig Fritsch auf Reisen

  • Von Walter Kaufmann
  • Lesedauer: 3 Min.

»Der Mann an der Kasse schläft«, so beschreibt Katerina Poladjan den gemeinsamen Museumsbesuch mit ihrem Mann im fernöstlichen Tschita,»er hat den Kopf auf die Arme gelegt, daneben ein Schild: Eintritt 10 Rubel.« Die Putzfrau ermuntert sie, ohne zu bezahlen einzutreten. »Die zehn Rubel können Sie sich sparen, wenn er aufwacht, haue ich ihm auf den Kopf oder ich küsse ihn, das läuft auf dasselbe hinaus.« Als die beiden das Museum verlassen, ruft sie ihnen nach: »Ihr seid mir 10 Rubel schuldig, ich hab aufgepasst, dass Pjotr nicht aufwacht.«


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* Katerina Poldjan/ Henning Fritsch. Hinter Sibirien. Eine Reise nach Russisch-Fernost. Rowohlt Berlin. 267 S., geb., 19.95 €.


Weil sie in Moskau geboren ist und Russisch nicht verlernt hat, obwohl sie seit ihrer Kindheit in Deutschland lebt, taucht Katerina Poladjan wohl tiefer als ihr Mann, Henning Fritsch, in diesen Sprachkosmos ein. Zudem beobachtet sie genau und kann viel mit wenigen Worten erzählen - was auch auf ihren Koautor Henning Fritsch zutrifft, der fehlende Sprachkenntnisse durch kluges Hinschauen wettmacht und seine Schilderungen mit Humor zu würzen versteht.

So schaffen die beiden ein köstliches Ganzes: die Beschreibung einer Reise ins große unbekannte Land zwischen Baikalsee und Pazifik, weit »hinter Sibirien« bis hin zur chinesischen Grenze, seit Jahrhunderten ein Ort der Verbannung und der Sehnsucht.

Sie nehmen tagelange Eisenbahnfahrten durch verschneite Steppen in der Gewissheit auf sich, dass ihnen die Mitreisenden Einblicke in russisches Leben fern von Moskau geben werden. Wohin auch immer sie kommen, sie erfahren viel - auch weil sie Ausländer sind, Exoten, Wissbegierige aus Berlin. Besonders aber wegen ihrer freundlichen, den Menschen zugewandten Art - ein prächtiges Paar, diese Russin und dieser Deutsche! Da stehen ihnen die Abteiltüren in allen Eisenbahnen offen und auch die Türen ungezählter Wohnungen in verschneiten Städten. Sie werden eingeladen, reich bewirtet und - rückhaltlos informiert ...

Selbst die wachsamen, oft misstrauischen Etagendamen in den Hotels werden gesprächig. Und wie zugänglich doch die Theaterdirektorin von Blagoweschtschensk sich zeigt, die sich streng als die Beauftragte von Wladimir Wladimirowitsch Putin im Oblast Amur vorgestellt hat. Ganz weich wird sie, als Katerina Poladjan auf die Knie geht und Brecht zu deklamieren beginnt: »Schlendernd durch Höllen und gepeitscht durch Paradiese …« Um ein Haar hätte sie der Knienden ein Engagement in ihrem Theater angeboten.

So scheint es jedenfalls ihrem Mann. Doch als er sie fragt, ob das mit dem Engagement so stimmt, wie vermutet, schüttelt Katerina Poladjan den Kopf. »Sie wollte nur wissen«, sagt sie, »warum meine Eltern das Vaterland verlassen und damit ihre Tochter ihrer Heimat beraubt hätten.« »Und was hast du geantwortet?« »Ich habe mich höflich verabschiedet«, antwortet Katerina Poladjan.

Und weiter geht ihre Hinter-Sibirien-Reise - zwei Nächte und einen Tag lang diesmal, eintausendsechshundert Kilometer per Eisenbahn weg von Blagoweschtschensk zur nächsten Stadt …

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