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»Patja, du bist echt wie eine Russin«

Alissa Ganijewa: »Eine Liebe im Kaukasus« steckt voller bizarrer Szenen

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 5 Min.

Die Szene am Meer auf dem Titelbild trifft ziemlich genau die Konstellation, um die es hier geht. Die junge Frau mit schwarzem Bikini könnte die Autorin sein. Beobachtet wird sie von Frauen mit Kopftuch und Mantel, die wohl missbilligen, wenn jemand sich so entblößt.


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* Alissa Ganijewa: Eine Liebe im Kaukasus. Roman. Übers. u. Nachw. v. Christiane Körner. Suhrkamp. 239 S., geb., 22 €.


Alissa Ganijewa, 1985 in Machatschkala/Dagestan geboren, wird sich mit ihren Büchern dort wohl nicht allzu viele Freunde machen. Aber sie lebt ja schon seit 2003 in Moskau, schreibt russisch und veröffentlicht auch dort. Dass »Eine Liebe im Kaukasus« 2015 auf der Shortlist des russischen Booker-Preises stand, ist nachvollziehbar. Der Roman ist unterhaltsam und hat doch einen ernsten Hintergrund.

Moskauer, die über die »Kackasier« spotten, werden zwar auch erwähnt wie überhaupt die verdeckte Fremdenfeindlichkeit - Leute mit nichtslawischen Namen bekommen schwer eine Wohnung -, aber vor allem bekommen es Ganijewas Landsleute ab, umso mehr, weil es im Roman keine Städter, sondern Dorfbewohner sind.

Die Frau im Bikini könnte auch Patja sein, die nach einem Praktikum in Moskau (mit allem, was man unter »frohem Jugendleben« versteht), zu ihren Eltern fährt. Die grämen sich, weil sie mit 25 noch nicht verheiratet ist. (Was hiesige Leser erheitern dürfte.) »Bald werden dich nicht mal Greise anschauen!« Wie die Mutter sie verschiedenen jungen Männern vorstellt, ist filmreif bzw. erscheint wie ein satirisches Theaterstück. Die Autorin hat Sinn fürs Szenische. Beim Schreiben hat sie sich wohl auch selber amüsiert.

Das Pendant dazu: Marat, auch aus dieser Siedlung, doch bereits ein junger Rechtsanwalt, soll von seinen Eltern ebenfalls verheiratet werden. Sie haben für den 13. August sogar schon einen Saal dafür gemietet. Nun muss nur noch die Braut gefunden werden. Die Mutter hat eine Liste angefertigt, die nun »abgearbeitet« werden soll. Wie man sich denken kann, kommt bald auch Patja ins Spiel. Das Buch steuert rasant auf ein triviales Happy End zu. Dass die Autorin kurz vorher abbiegt, ist verständlich, mag manche Leser aber auch irritieren.

Der Roman ist das, was man ein Sittenbild nennt. Vorgeführt wird eine für russische und mehr noch für westliche Leser völlig fremde Lebensweise, wobei man sich vor Augen halten sollte, was es einst auch in Deutschland an dörflichen Traditionen und Regeln gab. In Dagestan aber herrscht der Islam, der, wie man gleich eingangs erfährt, in den verschiedensten Ausprägungen existiert und dessen Anhänger sich deshalb befehden.

Genau beobachtet ist das seltsame Gemisch aus strengen Sitten und absoluter Zügellosigkeit, das bizarre Verhältnis zu Macht und Recht. Der Mächtige darf durchaus Willkür für sich in Anspruch nehmen. Wer zu Schaden kam, den trifft auch noch der Verdacht von Schuld. Hat der Ermordete seine Mörder vielleicht angestachelt? Ist sein Tod womöglich eine Sache höherer Gerechtigkeit? Wurde er »vom Herrn der Welten bestraft«? Das klingt abstrus, folgt aber dem Denkmuster der Vorsehung und ist zudem eine Methode, sich beruhigt von einem Unrecht abzukehren, um sich mit dem Stärkeren zum eigenen Vorteil zu verbünden.

Und keine Chance auf das, was man Aufklärung nennt und Moderne? Bezüglich ihrer Landsleute scheint Alissa Ganijewa - mit bitterem Lachen - resigniert zu haben. Wäre es »nur« die Herrschaft der Männer, gegen die sich die Frauen verbünden könnten! Aber innerhalb des Patriarchats, auch das ist genau beobachtet, gibt es eine eigentümliche Frauenmacht. Es sind vor allem die in der Gemeinschaft etablierten Verheirateten, die Mütter, die streng über die Regeln wachen. Damit bloß keine Jüngere sich eine Freiheit nimmt, die ihnen verwehrt worden ist. Die engstirnigen Lebensvorstellungen, der Klatsch, das abergläubische Gerede - ja, leider, die Unterdrückten gehen hier sogar bei der Unterdrückung voran.

»Mensch, Patja, du bist echt wie eine Russin«, sagt Marat, dessen Moskauer Kanzlei sich gerade mit dem »Mord an der Bürgerrechtlerin« herumschlägt. Da soll man natürlich sofort an Anna Politkowskaja denken. Schwierige Ermittlungen, mehrere Gerichtsprozesse, Verurteilungen, doch immer noch wird gemutmaßt, dass es im Hintergrund unbekannte Auftraggeber gab.

Alissa Ganijewa vertieft sich nicht in diese Sache, sondern widmet sich einem anderen Fall in jenem Dorf. Halilbek ist der Name, der am häufigsten im Roman auftaucht - als Gefangener, als Mörder, als Wohltäter, als Weiser, als Heiliger gar. Während er in Haft ist, entsteht eine regelrechte Volksbewegung zu seiner Verteidigung und Befreiung. Der Begriff »Pate« fällt einem ein; Halilbek hat zu den einzelnen Familien so enge Bande geknüpft, dass sie ohne ihn wie vaterlos sind. Er ist wohl einer, dem zugetraut wird, alles in Ordnung zu bringen. Aber warum macht er sich, gerade freigekommen, an Marat heran? Hat das vielleicht doch mit der »Bürgerrechtlerin« zu tun? Oder lediglich mit Alkohol?

Christiane Körner, die Übersetzerin, gibt als Spezialistin für dagestanische Geschichte und Lebensweise am Schluss »Hinweise für uneingeweihte Leser«. Beginnend damit, dass solche Siedlungen, wie im Roman beschrieben, in sowjetischen Zeiten im Zuge von Umsiedlungsmaßnahmen entstanden. Denn die voneinander isolierten Hochgebirgsdörfer mit ihren jahrhundertealten Sozialstrukturen ermöglichten kaum effektive Landwirtschaft. So seien historische Wurzeln gekappt worden. In Ganijewas Buch gehe es um »Verlust von Tradition, Sprache, Struktur«.

Das ist wohl wahr. Aber erscheint jene überkommene Tradition, wie sie von Patjas Oma verkörpert wird, etwa in einem vergoldeten Licht? Es mögen sich viele Motive aus dem »Sufismus, der islamischen Mystik« im Roman finden, aber das Meer, der Rausch, die Weite, die Verschmelzung gehören zugleich archetypisch zum kollektiven Unbewussten vieler Völker.

Halilbek als »al-Hidr«, der Gottes Willen erfüllt? Ja, so reden manche Leute über ihn. Aber rechtfertigen sie damit nicht bloß, wie sie sich von diesem Oligarchen und Schwerverbrecher an die Leine nehmen lassen? Andererseits scheint er gegen Schluss des Romans wirklich einen Zauber zu haben, dem auch Marat, dieser unabhängige Geist, sich nicht entziehen kann. Patja indes folgt ihrer Sehnsucht nach dem Meer. Im Kaftan ihrer Oma, mit dem getarnt sie aus dem Haus geflüchtet ist - also nicht etwa im Bikini --, sehen wir sie »knietief im Wasser« stehen.

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