Von Peter Hoffmann
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Gewürzt mit eigenem Erleben

Mario Keßler erinnert an den Historiker und Soziologen Alfred Meusel

Zu den die Anfänge der Geschichtswissenschaft in der DDR prägenden Gestalten gehörte zweifellos Alfred Meusel, seit 1946 Professor für politische und soziale Probleme der Gegenwart und seit 1947 Professor für neue Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seine Biografie und sein Wirken hat jetzt Mario Keßler in einer Monografie zusammengefasst, nachdem er sich schon mehrfach in Aufsätzen mit Leben und Werk dieses Soziologen und Historikers befasst hatte.


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* Mario Keßler: Alfred Meusel. Soziologe und Historiker zwischen Bürgertum und Marxismus (1896-1960). Karl Dietz Verlag. 208 S., geb., 14,90 €.


Der in Kiel geborene Alfred Meusel stammte aus dem Bildungsbürgertum, sein Vater war Titularprofessor. Unmittelbar nach dem Abitur im August 1914 ging es zum Militär und in den Krieg, 1915 wurde er zum Leutnant befördert. Die Begegnung mit Arbeitern in Uniform bot ihm einen Einblick in eine ihm bisher unbekannte Welt, die ihn tief beeindruckte. Nach einer Verschüttung und längerem Lazarettaufenthalt kehrte Meusel im Juni 1918 als Schwerbeschädigter nach Kiel zurück. Hier erlebte er die Novemberrevolution.

Zu dieser Zeit war er bereits Student der Fächer Soziologie, Sozialökonomie und Geschichte an der Kieler Universität. Politisch organisierte er sich in der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD); 1922 ging er mit der Mehrheit der Mitglieder zur SPD, der er bis 1925 angehörte, ohne jedoch politisch aktiv zu wirken. Er konzentrierte sich auf die wissenschaftliche Arbeit; zu dieser Zeit war er bereits wissenschaftlicher Hilfsassistent an der technischen Hochschule in Aachen. 1922 promovierte Meusel und nur 14 Monate später konnte er sich habilitieren.

Ausführlich geht Keßler auf die auf soziologische Fragestellungen konzentrierte wissenschaftliche Publikationstätigkeit Meusels ein. Bereits 1922 übernahm er als Privatdozent die Lehrstuhlvertretung für Sozialökonomik und Soziologie an der Technischen Hochschule in Aachen, 1926 wurde er außerordentlicher, 1930 ordentlicher Professor für Volkswirtschaftslehre und Soziologie an dieser Hochschule.

Die Machtübernahme der Nazis unterbrach die wissenschaftliche Laufbahn Meusels - bereits im Frühjahr 1933 gehörte er zu den wenigen nichtjüdischen Wissenschaftlern, die zwangsweise beurlaubt wurden; zweimal wurde er verhaftet. Im April 1934 emigrierte Meusel mit seiner Frau nach Dänemark, im Dezember wechselte er nach England; die Aussichten auf eine Anstellung im wissenschaftlichen Bereich erwiesen sich als irreal, aber die Meusels blieben in England. Im Herbst 1937 wurde er dort Mitglied der Kommunistischen Partei; besonders aktiv arbeitete er im Freien Deutschen Kulturbund mit.

Schon bald nach der Zerschlagung des faschistischen Deutschland bemühte er sich um seine Rückkehr nach Deutschland, erst 1946 erhielt er von den britischen Stellen die Genehmigung zur Übersiedlung nach Berlin, wo er an der Humboldt-Universität eine erfolgreiche Lehrtätigkeit begann. Im Dezember 1951 wurde ihm die Leitung des im Aufbau befindlichen Museums für Deutsche Geschichte übertragen, eine Aufgabe, der er sich in seinen letzten Lebensjahren voll widmete.

Es ist die Stärke der Arbeit Keßlers, dass er die Publikationen Meusels nicht nur zitiert, sondern immer wieder ausführlich analysiert und damit den Werdegang des Wissenschaftlers verdeutlicht. Als Anhang bietet Keßler acht beachtenswerte Quellentexte.

Einige Aspekte hätten klarer herausgearbeitet werden können. Zu Recht betont Keßler die Bedeutung des Kriegserlebnisses, der Begegnung mit Arbeitern im Soldatenrock, für die Ausformung der linken Anschauungen Meusels; demgegenüber ist die Wirkung der Novemberrevolution in den Darlegungen Keßlers zu sehr marginalisiert. Meusel selbst hatte sich in seinen Universitätsvorlesungen, nicht jedoch in seinen Veröffentlichungen, ausführlich über die nachhaltige, weit tiefere Wirkung der Novemberereignisse in Kiel geäußert, die endgültig die Ausprägung seiner linken Weltanschauung bestimmt hat. Seine Vorlesung zur Geschichte der Weimarer Republik über zwei Semester 1950/1951 führte nur bis 1919. Aber was hatte Meusel, vielfach aus eigenem Erleben, zu berichten!

Keßler deutet an, dass Meusel sich schwer tat, Schriftliches aus der Hand zu geben. Aus eigenem Erleben sei hinzugefügt: Ganz anders war sein Auftreten im Hörsaal und bei Versammlungen. Meusels Rede zeichnete sich durch klare Gliederung und deutliche Sprache sowie oft witzig-ironische Einschiebsel aus; insgesamt ging von ihm eine Faszination aus, der sich kaum ein Zuhörer entziehen konnte. In Diskussionen war die scharfe immer sachbezogene Argumentation Meusels gefürchtet.

Meusel war eine Persönlichkeit, die auf die Studenten bzw. seine Gesprächspartner einwirkte, sie beeinflusste, eine ganze Generation junger Historiker prägte - Keßler nennt Joachim Streisand, Fritz Klein, Helmuth Stoecker und einige andere namentlich als seine Schüler. Aber Meusel wirkte nicht nur auf seine Schüler und nicht vorrangig als Historiker - er wirkte, wie gesagt, als Persönlichkeit, als Mensch, der glaubhaft und nicht dogmatisch eine politische Überzeugung vertrat. Auch wenn er seinen »bürgerlichen Lebensstil« bewahrte, stand er nicht »zwischen« Bürgertum und Marxismus, sondern ohne Wenn und Aber eindeutig auf Seiten des Marxismus. Was durchaus zur Folge hatte, dass er in der DDR mit manchen Entscheidungen der Partei- und Staatsführung seine Schwierigkeiten hatte.

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