• Kultur
  • Bücher zum Verschenken

Nur ein paar Maulschellen

Wie skandalös sich die Deutschen beim Entnazifizieren verhielten

Ich bin froh, Enkelin eines »Moorsoldaten«, Spanien- und Résistancekämpfers zu sein. Ich fühlte mich furchtbar unwohl, müsste ich mich mit einer Familienbiografie wie der von Niklas Frank plagen. Der 1939 geborene Sohn von »Generalgouverneur« Hans Frank, des »Judenschlächters von Krakau«, in Nürnberg von den Alliierten zum Tode verurteilt, rechnete 1987 mit seinem Erzeuger schonungslos ab.


Buch im nd-Shop bestellen:
* Niklas Frank: Dunkle Seele – feiges Maul. Wie skandalös und komisch sich die Deutschen beim Entnazifizieren reinwaschen. J.H.W. Dietz. 584 S., br., 29,90 €.


Dem Buch »Der Vater« folgte »Meine deutsche Mutter« und »Bruder Norman«. Franks Offenheit frappiert: »Wenn man seinen Vater verfolgt, wie ich, wenn man in sein Hirn hineinkriecht, wie ich, wenn man seine Feigheiten studiert, und sie wieder findet, wie ich bei mir, wenn man bei den Recherchen sieht, welch Gierzapfen meine Mutter war, wie sie das Generalgouvernement Polen als Supermarkt auffasste, in dem sie als ›Frau Generalgouverneur‹ die Preise selbst bestimmen konnte, wenn man, wie ich mit ihr, durch die Gettos fuhr und Pelze auflud aus den jüdischen Geschäften, deren Inhaber fälschlicherweise glaubten, durch Brigitte Frank ihr Leben retten zu können, dann kann aus all dem Leid und Hass zwischen den Leichenbergen nur eines entstehen: Die Groteske.«

Seit seinen Offenbarungen sind unzählige Publikationen über SS-Männer und KZ-Aufseherinnen, Hitlerjungen und BDM-Führerinnen erschienen, von deren Nachfahren samt Tagebüchern und Briefen von Dachböden auf den Buchmarkt geworfen und teils auf Bestsellerlisten gelandet. Erinnerungen von aktiven Widerständlern und letzte Zeugnisse ermordeter Antifaschisten und Antifaschistinnen schlummern hingegen in Archiven, scheinen vergessen. Das ist wahrlich grotesk. Und eigentlich mag ich keine Geschichten mehr über stramme Nazis lesen. Sie langweilen mich. Nichtsdestotrotz habe ich mich auf das neue Buch von Niklas Frank eingelassen. Und wurde überrascht.

Der Journalist (»Playboy«, »Stern«) hat akribisch und wahllos Entnazifizierungsakten studiert, mehrheitlich von sogenannten Mitläufern und Minderbelasteten, das Rückgrat der Diktatur. »Aus privatem Interesse habe ich ein paar Prominente untergemischt, zu denen meine Eltern Kontakt hatten«, erläutert Frank. Das sind u. a. Emmy Göring, Margarete Frick, Winifred Wagner und Anne von Ribbentrop, mit deren Söhnen der Autor zur Schule ging. Nach einem berechtigten Generalverdikt über die schweigende, feige Mehrheit der Deutschen präsentiert er sodann schon in der Einleitung das Fazit seiner »Zufallsfunde«:

»1. Träger von Schmissen waren äußerst Hilter-affin ... 2. Facharbeiter hatten die Tendenz, sich selbst in kleinen Parteiämtern gemeingefährlich wie Himmler oder Streicher aufzuspielen. 3. Zwei Drittel aller Denunzianten waren Denunziantinnen. 4. Die feigsten Lügengespinste wurden von Gymnasiallehrern beiderlei Geschlecht gewoben. 5. Je weiter man beim Studium der Entnazifizierungsakten aus dem Norden in den Süden Deutschlands vorstößt, desto hinterfotziger und gemeiner wird ihr Inhalt.« (Ja, des Autors Sprache ist mitunter sehr derb, was wohl seinem Gegenstand geschuldet ist.)

3 660 648 Entnazifizierungsakten lagern laut Frank in den alten Bundesländern (die sowjetische Besatzungszone, in seinen Worten: das ostdeutsche »Brudervolk«, streift er nur kurz). »Faszinierend am Studium der Entnazifizierungsakten ist, dass man plötzlich in Schlünde schaut, von denen man nie gedacht hätte, dass sie existieren könnten.« Ein Wirt, bereits vor 1933 NSDAP-Mitglied, hat zwar seine Kneipe als »Partei- und Sturmlokal« zur Verfügung gestellt, weist sich aber dennoch als unbescholten aus, weil er auch andere Gäste bediente. Ein Ingenieur und NS-Kreisfunktionär, der Andersdenkende halb tot prügelte, hat angeblich nur »Maulschellen« verabreicht. »Ich habe die Leute loyal behandelt. Wenn ich aber gesehen habe, dass ich es mit einem minderwertigen Element (sic) zu tun hatte, wurde schon anders verfahren, und ich bin dann schon einmal handgreiflich geworden.« Ein Münchner »Volkskomiker«, den der frisch ernannte Reichskanzler Hitler 1933 in Berchtesgaden freudig begrüßte, wiegelt vor der Spruchkammer ab: »Was hab’ ich getan? - Die Hand hab’ ich ihm gedrückt, fest in die Augen geschaut und gar nichts von Gratulieren und Erfolgen hab’ ich g’sagt.« Der SS-Wachmann aus Groß-Rosen lässt versichern, er habe einem im April 1943 im KZ »verstorbenen oder ermordeten« Mann »dienstwidrige Gefälligkeiten und Erleichterungen erwiesen«. Einer Blockwärtin wird bescheinigt, lediglich Beiträge kassiert, Essen in der »Volksküche« verteilt und für Frontsoldaten gestrickt zu haben. Der Gestapomann war ein Menschenfreund. Der Major, der Glenn Millers »In the Mood« liebte, ließ seine Soldaten nicht auf Russen schießen. Und ein Bäcker findet nichts dabei, einen fanatisierten Jugendlichen einzustellen: »Von Beruf ist er Werwolf, weswegen er zwischendurch immer wieder weg muss.«

Unglaublich, mit welcher Dreistigkeit Nazis beiderlei Geschlechts sich selbst und gegenseitig, manchmal auch gegeneinander, entlasteten. Darunter Dörfler, die einen abgeschossenen britischen Piloten, der »Help« rief, mit Knüppeln erschlugen. Obendrein beklagten sich diese Schamlosen, für ihre »Entnazifizierung« eine Gebühr von 20 DM oder gar eine Sühneleistung von 200 DM für den Wiedergutmachungsfonds entrichten zu müssen.

Ein gruselig-aufschlussreiches Buch. Manchen Lesern mag der Schreibstil des Autors zu salopp erscheinen (»Ulknudel Hitler«). Einige Fehler übersah das Lektorat. Niklas Frank beugte selbstironisch vor: »Nie sollte man sich lustig machen über Menschen, die der schriftlichen Sprache nicht so recht mächtig sind (natürlich eine doofe Vorlage für Kritiker dieses Buches).«

Werbung

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

jetzt abonnieren!

Wie? Noch kein Abo?

Na, dann aber hopp!

Einfach mal ausprobieren: 14 Tage digital, auf Papier, als App oder was weiß ich!

Jetzt kostenlos testen