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Dürfen wir Luther heute überhaupt noch feiern?

Reinhold Schlotz entlarvt Traditionen christlicher Judenfeindschaft und die Mitverantwortung der Kirchen für den Holocaust

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Im Alibri Verlag erschien jüngst, bereits in zweiter Auflage, Luthers Schrift »Von den Juden und ihren Lügen«. Erstmals vollständig im Original und mit Begriffserklärungen. Eine erschütternde Lektüre, offenbart sie doch, dass auch der Reformator zu den geistigen Quellen der in Deutschland immer noch existierenden Judenfeindschaft gehört. Julius Streicher konnte 1946 in seiner Verteidigungsrede beim Nürnberger Prozess mit vollem Ernst sagen: »Dr. Martin Luther säße heute sicher an meiner Stelle auf der Anklagebank.«


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* Reinhold Schlotz: Von Golgotha nach Auschwitz. Die Mitverantwortung des Christentum für den Holocaust. Alberti Verlag. 120 S., br., 10 €.


Luther nannte die Juden ein »Schlangengezücht« und verlangte, ihre Synagogen niederzubrennen. Auf solch martialische Sätze bezogen sich die deutschen Faschisten. Luther bot eine Anleitung zum Verfolgungs- und Vernichtungspogramm der Nazis, wie es nach der Machtübertragung 1933 realisiert wurde. Treffend formulierte der Philosoph Karl Jaspers: »Was Hitler getan hat, hat Luther ihm geraten, mit Ausnahme der direkten Tötung durch die Gaskammern.«

Am 23. November 1938, kurz nach der reichsweiten Pogromnacht, veröffentlichte der Lutherische Landesbischof von Thüringen, Martin Sasse, Mitglied der NSDAP, Auszüge aus Luthers Schrift »Von den Juden und ihren Lügen«; anerkennend nannte er den Wittenberger Theologen den größten Antisemiten seiner Zeit. Damit wurden von einem Bischof nicht nur das Pogrom, sondern generell der Umgang mit den Juden im »Dritten Reich« abgesegnet. Beide Kirchen, die evangelische wie die katholische, haben sich zwar für die getauften Juden eingesetzt, aber nicht für die ungetauften. Doch selbst das 1945 von der evangelischen Kirche verabschiedete Stuttgarter Schuldbekenntnis enthält kein Geständnis der Mitverantwortung für den Massenmord an den europäischen Juden.

Darüber informiert Reinhold Schlotz, der zu den vier Herausgebern von Luthers Schrift gehört, in seiner ebenfalls bei Alibri erschienenen Abhandlung »Von Golgotha nach Auschwitz«. Der Autor gibt einen Überblick über den christlichen Antisemitismus und unterstreicht: Der Holocaust war nicht allein eine Erfindung und Folge des Faschismus. Dank der Publikation von Schlotz kann Luthers Judenhass nicht mehr mit dem Geist seiner Zeit entschuldigt werden. Denn sie deckt schonungslos eine falsche Theologie auf. Daraus ergibt sich die Frage: Dürfen wir Luther heute überhaupt noch feiern? Was ist das sogenannte Erbe von Luther? Können wir seine Bibelübersetzung, seinen Katechismus, seine Sprachkunst und seine Lieder würdigen, ohne gleichzeitig seine Ausfälle gegen die Juden zu erwähnen?

Schlotz liefert überfällige Aufklärung. Er analysiert die Folgen von Ressentiments bis offene Feindschaft gegen Juden in beiden Konfessionen. Die Geschichte des Christentums ist nicht mehr als Erfolgsgeschichte zu beschreiben. Skepsis ist angebracht, wenn christliche Werte über alle Maßen gelobt werden oder der Widerstand von Christen gegen Hitler herausgehoben wird - den es freilich gegeben hat. Der am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg ermordete Dietrich Bonhoeffer, Mitglied der Bekennenden Kirche, hatte auf der Steglitzer Synode in der Diskussion um die neue Liturgie gesagt: »Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen.«

Schlotz bittet die Leser, dazu beizutragen, der Öffentlichkeit die weitgehend verdrängte Geschichte christlicher Judenfeindschaft deutlicher ins Bewusstsein zu bringen. Sie beginnt mit dem Neuen Testament und den ersten Kirchenvätern Chrisosthomos, Hieronymus, Ambrosius und Augustinus. »Die heiligen Kirchenväter des 4. und 5. Jahrhunderts haben keine Gelegenheit ausgelassen, Haßpredigten gegen die Juden zu halten, ihre Verdrängung, Versklavung und Vertreibung zu befördern und dazu aufzurufen, ihre Synagogen zu zerstören.« Der als Antijudaismus bezeichnete Hass verbreitete sich mit dem Christentum im gesamten untergehendem Römischen Reich. Schlotz berichtet über den Antijudaismus der Heiligen Konzilien, die Judenhetze während der Kreuzzüge und die dabei verübten Massaker. Er gibt Auskunft über die Inquisitionsorden der Dominikaner und Franziskaner. Um schließlich wieder zu Luther vorzustoßen, der dereinst schrieb: »Ein solch verzweifeltes, durchböstes, durchgiftetes, durchteufeltes Ding ist es um diese Juden, die diese 1400 Jahre unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen sind und noch sind. Summa: Wir haben rechte Teufel an ihnen.« In diesem Geist erfolgte 1939 in Eisenach die Gründung eines Instituts zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben. Schlotz zitiert den katholischen Theologen Hans Küng: »Der nazistische Antisemitismus ... wäre ohne die zweitausendjährige Vorgeschichte des christlichen Antijudaismus unmöglich gewesen.«

Auch die Kunst kolportierte Judenfeindschaft. An 48 Kirchen Europas findet man eine sogenannte »Judensau«. Zu Luthers 500. Geburtstag 1983 gab es in der DDR Überlegungen, ob man die auch in Wittenberg, Brandenburg und Magdeburg zu sehenden abmontieren sollte. Theologiestudenten der Humboldt-Universität haben sich energisch dagegen verwahrt. Sie setzten sich in einer Erklärung an den Staatsrat dafür ein, diese Hassdenkmale zu erhalten - um diese »Schweinerei« nicht zu verbergen, zu verschweigen.

Anhand von historischen Beispielen will Schlotz im Kontext von 500 Jahren Reformation zum Fragen und Nachdenken herausfordern. Nicht nur, aber vor allem auch Christen, die sich mit der eigenen Kirchengeschichte ernsthaft auseinandersetzen müssen. Diskutiert werden sollte dabei auch, wie sich die Kirchen quasi mit Formen eines modernen »Ablasshandels« Vergebung für ihre Sünden in den Jahren der faschistischen Diktatur in Deutschland erkauft haben.

Ich wünsche dem Buch viele Auflagen und bin gespannt auf das nächste von Reinhold Schlotz.

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