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Mit der Lebenskraft eines Samenkorns

Die Oktoberrevolution in der Erinnerung von Zeitzeugen und historischen Dokumenten

  • Von Karl-Heinz Gräfeder
  • Lesedauer: 3 Min.

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Die heutige globale, soziale und nationale Krise, die in Bürgerkriegen und militärischen Interventionen eskaliert, bringt Millionen Menschen Armut, Hunger und Tod. Die gesellschaftlichen Kräfte, die das Elend verantworten, wollen vergessen machen, dass eine bessere Welt schon mal möglich war - und weiterhin ist. Um so begrüßenswerter ist dieses von Adriana Chiaia herausgegebene Buch. Es erinnert an eine ähnliche Situation vor einem Jahrhundert. Es tobte noch der Erste Weltkrieg. Den hatten im flächengrößten Land der Erde der Muschik, der Arbeiter und der Soldat endgültig satt. Auch wollten sie nicht mehr von einem Zaren regiert werden, sondern selber regieren.


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* Adriana Chiaia (Hg.): Die Oktoberrevolution. Erinnerungen und Zeugnisse. Zambon. 183 S., br., 27 €.


36 Berichte namhafter Akteure des »Roten Oktobers« wie auch von deren Gegnern, darunter Nikolaus II., vermitteln nebst historischen Dokumenten ein lebendiges und vielseitiges Bild über das Geschehen 1917 in Russland: vom Sturz der Zarenherrschaft im Februar/März über die Doppelherrschaft der bürgerlichen Provisorischen Regierung und der Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte bis zur Proklamation der Sowjetmacht im Oktober/November 1917. Ausgangspunkt der Russischen Revolution, die bis 1922 datiert wird, war Petrograd. Der Funke sprang rasch nach Moskau über, erfasste die Ukraine, die Krim, das Wolgagebiet, Kaukasien, Sibirien und den Fernen Osten.

Die Zeitzeugen berichten, wie gänzlich neue Machtverhältnisse entstanden, die Interessen der arbeitenden Bevölkerung schrittweise verwirklicht und die kapitalistischen Kriegsgewinnler enteignet wurden, wie Hungersnot und Armut überwunden werden konnten und die Bodenreform bäuerliche Sehnsucht erfüllte, wie soziale Gerechtigkeit und nationale Selbstbestimmung kodifiziert wurden. Die zaristischen und bürgerlichen Eliten irrten, als sie glaubten, die Sowjetmacht würde schnell wieder verschwinden. Sie versuchten es mit Waffengewalt und westlicher Unterstützung. Vergeblich.

Das Buch verdeutlicht die Schwierigkeiten beim Aufbau einer Gesellschaftsordnung, die es zuvor nicht gegeben hatte. Nicht nur für Lenin und seine Volkskommissare ging es um Leben oder Tod beim Kampf gegen innere Konterrevolution und ausländische Intervention. Die Tscheka, unter der Leitung von Feliks E. Dscherschinski, jagte nicht eingebildete, sondern reale »Volksfeinde«, wie u. a. der Bericht des zaristischen Generals P. N. Krasnow belegt. Da die Vertreter des alten Rechtssystems ihre Dienste der neuen Macht verweigerten, mussten die Bolschewiki überdies ihre eigene Gerichtsbarkeit schaffen. Der Sowjet des Petrograder Stadtteils Wyborg organisierte das erste Volksgericht.

Man erfährt etliche neue Details. Im Vorwort, das ein Fünftel des Buches ausmacht, behauptet die Herausgeberin allerdings kühn: »Stalin hatte bei Vorbereitung und Umsetzung der Oktoberrevolution eine führende Rolle. Er war einer der höchsten Anführer des Petrograder Aufstandes.« Dass ihre Ansicht durch die von ihr ausgewählten Zeitzeugenberichte in keiner Weise bestätigt wird, führt sie auf den Geheimbericht von Nikita S. Chruschtschow auf dem XX. Parteitag der KPdSU zurück, der die Person und das Werk Stalins »demoliert« habe. Eine solche Interpretation schließt ein, dass Leo Trotzki, der wirkliche Hauptakteur des Oktoberaufstandes und Gründer der Roten Armee, erneut verdammt wird, ebenso die gleichfalls von Stalin ermordeten Bolschewiki Kamenew und Sinowjew.

Trotz dieser notwendigen Kritik gelingt es Adriana Chiaia, dem Leser die Vorstellung »von einer Welt zu geben, die sich mit der Lebenskraft eines Samenkorns mühsam aus der alten verfaulenden Welt befreite«.

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